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Earlier Postings  2001/2002
 

A  Publication  of  the British-American Arno Schmidt Society
(BAASS)

Edited by Timm Menke (USA) and Robert K. Weninger (UK)




1. Lutz Gümbel: Ich. Synthetischer Realismus und ödipale Struktur im Frühwerk Arno Schmidts. Eine typologische Untersuchung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1995. Reviewed by Timm Menke.

2. Dieter Kuhn: Varnhagen und sein später Schmäher. Über einige Vorurteile Arno Schmidts. Mit Seitenblicken auf weitere Personen und einem dokumentarischen Anhang. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 1994. Reviewed by Robert Weninger.

3. Boy Hinrichs: Utopische Prosa als Längeres Gedankenspiel. Untersuchungen zu Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur und ihrer Konkretisierung in »Schwarze Spiegel«, »Die Gelehrtenrepublik« und »Kaff auch Mare Crisium«. (Hermaea. Germanistische Forschungen, N.F. Bd. 50). Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1986. Reviewed by Robert Weninger.

4. Friedhelm Rathjen: »...schlechte Augen«: James Joyce bei Arno Schmidt vor »Zettels Traum«. Munich: edition text + kritik, 1988. Reviewed by Robert Weninger.

5. Review Essay by Robert Weninger: »Ein Autor als Leser«- Arno Schmidts Arbeitsexemplar von James Joyces Finnegans Wake.

6. Wolfgang Albrecht. Arno Schmidt. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler, 1998 [Sammlung Metzler 312]. Reviewed by Timm Menke.

7. Arno Schmidt: Radio Dialogs I. Translated from the German and with an Introduction by John E. Woods. Green Integer: København/Los Angeles 1999. Reviewed by Martin Lowsky.

8. Arno Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas". Zettel und andere Materialien. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 2000. Reviewed by Friedhelm Rathjen.

9. Kurt Jauslin. Der magersüchtige Leviathan. Essen und Trinken im Werk Arno Schmidts – ein Versuch zur Mythologie des Alltagslebens. Wiesenbach: Bangert und Metzler 1998 (= Schriftenreihe der Gesellschaft der Arno Schmidt-Leser; Band 4). Reviewed by Alexis Eideneier.

10. Jörg Drews / Doris Plöschberger (Hg.): „Des Dichters Aug' in feinem Wahnwitz rollend ...“. Dokumente und Studien zu „Zettel's Traum“. München: Edition Text + Kritik 2001 (= Bargfelder Bote; Sonderlieferung). Reviewed by Alexis Eideneier.

11. Heinrich Schwier: Lore, Grete & Schmidt. Ein kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman “Brand's Haide”. München: edition text + kritik, 2000. Reviewed by Timm Menke.

12. Michael Manko: Die „Roten Fäden“ in Zettel's Traum. Literarische Quellen und ihre Verarbeitung in Arno Schmidts Meisterwerk. Reviewed by Alexis Eideneier. (Also reviewed by Timme Menke, see entry no. 21.)

13. Stefan Voigt: In der Auflösung begriffen. Erkenntnismodelle in Arno Schmidts Spätwerk
Bielefeld: Aisthesis Verlag, 1999. Reviewed by Alexis Eideneier.

14. Der Prosapionier als Letzter Dichter. Acht Vorträge zu Arno Schmidt. Herausgegeben von Timm Menke und Robert Weninger. Hefte zur Forschung, Band 6. Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 2001. Reviewed by Jan Süselbeck.

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Lutz Gümbel

Ich. Synthetischer Realismus und ödipale Struktur im Frühwerk Arno Schmidts. Eine typologische Untersuchung
 

Würzburg: Königshausen & Neumann, 1995. Pp. iii, 356

Reviewed by Timm Menke

Portland State University
 

First published in German Studies Review  19.3 (1996): 616-617

Zu der mittlerweile nahezu unüberschaubaren Literatur über Arno Schmidt  - die Bibliographie von Müther zählt  1000 [!] Seiten - gesellt sich nun ein weiterer Band, dessen Verfasser bereits im Vorwort die Verwirrung im Umgang mit Schmidts Werk lamentiert: "Für den, der sich um Arno Schmidt bemüht, ist die Lage desolat".  Implizit soll die  hier vorgelegte Arbeit damit wohl ein Schlüssel  zu einem definitiven Verständnis des Frühwerks von Schmidt sein. Es scheint jedoch problematisch,  die  hier gelieferten Untersuchungsergebnisse als Panazee gegen Unsicherheit und "methodische Verwirrung"in der Schmidt-Forschung auszugeben. Angesichts iher Multivalenz und Komplexität erlaubt die Prosa Schmidts, in ihrer Interpretationsvielfalt nur der Kafkas vergleichbar, gerade nicht  die Reduzierung auf ein einziges, eindimensionales Lesemodell.
Gümbel vertritt zwei  Thesen, die beide bei Lichte besehen freilich so neu nicht sind, von ihm jedoch gründlicher als bisher  recherchiert werden: 
1. Schmidt, der in seiner Prosatheorie  das Prinzip der "konformen Abbildung" der Welt fordere, sei in seinen Werken eben  kein realistischer Schriftsteller, sondern schreibe "innersubjektiv", gebe aber dieses Subjektive als Objektivität aus. Seine Methode sei,  subjektiv kontaminierte Zeichen ("Invarianten") aus anderen Systemen in seine Prosa zu übernehmen und so mit diesem Amalgam scheinbar objektiver Realität den Leser zu düpieren.
2.  Ein verborgenes Muster bestimme alle narrativen Prozesse in den Erzählungen Schmidts: das ödipale Prinzip. Ausgehend von der ersten veröffentlichten Erzählung "Enthymesis" bis zum "Steinernen Herzen" untersucht Gümbel   das Frühwerk  mit Hilfe einer tiefenpsychologischen und mythologischen Typologie und verfolgt die Entwicklung der Protagonisten (des "Ich" aller Texte) und seiner ödipalen Problematik.  Dieses textuelle Verfahren  zeitigt teilweise sehr schöne und wertvolle Ergebnisse. Besonders die Interpretation der  bislang  eher stiefmütterlich behandelten "Enthymesis" stellt einen wirklichen Fortschritt in der Schmidt-Forschung dar. 
Schwierigkeiten stellen sich freilich ein, wenn Gümbel zur Untermauerung seiner These sämtliche untersuchten Texte in das Prokrustes-Bett seiner Theorie zwingen möchte. Generell besticht ja  die These vom ödipalen Syndrom des "Ich" in dieser Prosa durchaus, doch  gehen nicht alle Erzählungen ganz in der Theorie auf, was z.B.  bei der für meine Begriffe unhaltbaren Interpretation der "Seelandschaft mit Pocahontas" deutlich wird.
Weiterhin laboriert die Untersuchung an einem  methodologischen Problem. Gümbel, der den Nachweis  erbringen will, daß die  ödipale Problematik  Arno Schmidts das eigentliche unbewußte Zentrum seines Schreibens gewesen sei , weiß gleichzeitig, wie unzulässig die Psychoanalyse von literarischen d.h.  fiktiven Figuren ist. Er analysiert daher das  Erzähler-Ich  auch nicht  tiefenpsychologisch, sondern untersucht die Texte ausdrücklich mit typologischen Kategorien der Fabel  von  Ödipus. Weil er aber  seine textimmanenten Strukturanalysen doch letzlich wieder auf den Autor Schmidt zurückbeziehen muß, ist er gezwungen,  einen  psychobiographischen Diskurs nachzuliefern, der zwar die  ödipale Familiensituation des jungen Schmidt und seine sog. Juvenilia beschreibt, allerdings  vor der Niederschrift der "Enthymesis", der ersten  untersuchten Erzählung, endet. Die Folge ist, daß Leben und Werk  so in chronologisch umgekehrter Reihenfolge  dargestellt werden und ein organischer Zusammenhang, dessen Herstellung nicht die Aufgabe des Lesers sein kann, nicht überzeugend etabliert sondern lediglich suggestiv angedeutet wird.
Dabei besticht das psychobiographische Kapitel der Untersuchung durchaus mit seinen neuen Einsichten in  Schmidts Familienverhältnisse, insbesondere dessen enge Mutterbeziehung, die erst mit seiner Heirat im Alter von 23 Jahren allmählich gelockert werden sollte.
Schließlich hätte der Band  durch eine radikale Verschlankung um ca. ein Drittel des Textes,  durch Verzicht auf   die  zahlreichen  Wiederholungen, Vorausverweise, seitenlangen Zitate und weite Teile der theoretischen Kapitel an Leserfreundlichkeit gewonnen.  Dennoch verdient die Arbeit trotz der erwähnten Mängel Lob und Anerkennung , denn sie liefert  neue Einsichten in die Werke und die Biographie Schmidts und gibt Anstöße für weitere philologische und psychoanalytische Forschungsprojekte.

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Dieter Kuhn

Varnhagen und sein später Schmäher. Über einige Vorurteile Arno Schmidts. Mit Seitenblicken auf weitere Personen und einem dokumentarischen Anhang

Bielefeld: Aisthesis Verlag, 1994

Reviewed by Robert Weninger

Oxford Brookes University
 
 

First published in Monatshefte 88.4 (1996): 525-526

Dieter Kuhn ist in der Arno-Schmidt-Forschung kein Unbekannter. Nach mehreren Beiträgen im Bargfelder Boten, die den Essayisten Schmidt des Plagiats bezichtigen, folgte 1982 seine erste großangelegte Polemik gegen Schmidt in dem Bargfelder Boten-Sonderband Das Mißverständnis. Mit dem “Meister” von ehedem politisch und weltanschaulich scharf ins Gericht gehend, diagnostiziert Kuhn nun bei Schmidt das “Weltbild eines Spießers, der in seiner bornierten Besserwisserei jeglicher Selbstkritik verlustig gegangen ist.”
Der Gegenstand seines jüngsten Buches zum Thema scheint hinlänglich aus dem Titel und den beiden Untertiteln hervorzugehen. Ich betone hier scheint. Denn wer das Buch aufschlägt in der Erwartung, darin eine Untersuchung des Verhältnisses von Arno Schmidt, des ‘späten Schmähers’, zu Karl August Varnhagen von Ense vorzufinden, der wird enttäuscht.  Eigentlicher Gegenstand der Untersuchung ist Varnhagens Stellung bei seinen Zeitgenossen und in der späteren Literaturgeschichtsschreibung. Arno Schmidt dient hierfür lediglich als Aufhänger und als ein paradigmatischer Fall unter vielen anderen. Die Partien, die sich zentral mit Schmidts Aufarbeitung und Verwertung von Varnhagen auseinandersetzen, machen kaum mehr als ein Viertel des Textteils aus. Allerdings kommt Schmidt zusätzlich im dokumentarischen Anhang zum Zuge: zitiert werden hier alle jene Stellen aus seiner umfangreichen Fouqué-Biographie, die sich auf Varnhagen beziehen. Leider ist dieser Teil dadurch in seiner Zugänglichkeit und Nützlichkeit stark herabgesetzt, daß die zumeist umfangreichen Schmidt-Zitate nur in gekürzter Form wiedergegeben werden.
Während dieser dokumentarische Anhang das letzte Drittel des Bandes ausmacht, sind die ersten zwei Drittel spezifischen Aspekten der Tätigkeit Varnhagens oder seiner Rezeption gewidmet. Kapitel eins beschäftigt sich mit Varnhagen und der Diplomatie (“mit einem Seitenblick auf Treitschke”), Kapitel zwei mit dem Jungen Deutschland (“mit einem Seitenblick auf Goethe”), Kapitel drei mit der Revolution (“mit einem Seitenblick auf Ernst von Pfuel”), Kapitel vier mit der “Charakterfrage” (“mit einem Seitenblick auf Rahel”), Kapitel fünf mit den “üblen Nachrednern” (mit einem Seitenblick auf Ludmilla Assing”), und schließlich Kapitel sechs mit Arno Schmidt (“mit einem Seitenblick auf Johann Jacoby”). Es wird nicht gespart an Polemik, unter anderem auch gegen die “heimtückische” (67) “phrasendreschende Egoistin” (65) Rahel von Varnhagen. Und das Buch wimmelt nur so von deftigen Ausfällen gegen die institutionalisierte Germanistik und Literaturgeschichtsschreibung (woran man sich bei Kuhn mittlerweile gewöhnt hat). Das ist allerdings nicht die Hauptschwäche dieses Buches. Woran es dem Autor hauptsächlich mangelte, war ein klares Konzept, für wen er dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Der Schmidt-Kenner (wie ich) findet hier zu wenig Substantielles, wird doch die Beziehung Schmidt-Varnhagen insgesamt zu oberflächlich ausgeleuchtet. Die Hauptthese lautet: Schmidt hat sich im Umgang mit Varnhagen der gleichen Strategien bemächtigt wie das “Trio Infernal” (94) Rudolf Haym, Heinrich von Treitschke und Oskar Walzel, das Varnhagen mit einer “Rufmord”-Kampagne (90) politisch und germanistisch ein für alle Mal kaltstellen wollte. 
Kuhn macht es sich angesichts dieser “kollektiven Hysterie” (95) und des “Schlachtfests” (135) um Varnhagen zu seiner Aufgabe, diesen gegen seine unzähligen “Schmäher” im Plural, nicht wie im Titel angedeutet im Singular, in Schutz zu nehmen. Zu diesem Behufe wird manches persönliche Verhältnis Varnhagens zu seinen Zeitgenossen (wie etwa das zu Heine, Wilhelm Friedrich von Meyern oder Fouqué) neu ausgelotet; auch werden etliche Korrekturen am überlieferten Varnhagen-Bild angebracht. Hier scheint mir der Hauptertrag dieser Studie zu liegen. Dennoch, oder gerade deshalb, kann man um den Grundtatbestand nicht umhin, daß sich Dieter Kuhn für diesen Band entweder einen irreführenden Titel auswählte, oder daß er zu viele Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte.

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Boy Hinrichs

Utopische Prosa als Längeres Gedankenspiel. Untersuchungen zu Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur und ihrer Konkretisierung in »Schwarze Spiegel«, »Die Gelehrtenrepublik« und »Kaff auch Mare Crisium«. (Hermaea. Germanistische Forschungen, N.F. Bd. 50)

Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1986

Reviewed by Robert Weninger

Oxford Brookes University
 
 
 

First published in German Studies Review 10 (1987): 630-631

Außerhalb der engeren Forschungsgemeinde hat sich der deutsche Nachkriegsautor Arno Schmidt entweder als Prosaschriftsteller und Experi-mentator oder gelegentlich als Literaturessayist einen Namen gemacht. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß sich Schmidt von der Mitte der fünfziger Jahre bis in die Zeit seines Spätwerks auch als Literaturtheoretiker betätigt hat. Bisherige Untersuchungen zum Werk Schmidts haben seine theoretischen Äußerungen in erster Linie nur bei der Analyse seiner eigenen Werke in Anschlag gebracht, selten aber auf die übergreifende Bedeutung seiner Konzeptionen hingewiesen.
Boy Hinrichs' Kieler Dissertation zum Werk Arno Schmidts besticht daher in zweifacher Hinsicht, und die Abänderung des ursprünglichen Titels der Dissertation "Längeres Gedankenspiel und utopische Prosa" zu "Utopische Prosa als Längeres Gedankenspiel" bringt den Anspruch dieser Arbeit hinlänglich zum Ausdruck: Sie zeichnet sich einerseits dadurch aus, daß der Autor lesbare, jargonfreie und erhellende Analysen zu drei Texten Schmidts vorlegt, die in dieser Untersuchung zur Tradition utopischer Prosa gerechnet werden, und andererseits daß es ihm gelungen ist, Schmidts Prosatheorie und insbesondere seine Ausführungen zum Längeren Gedankenspiel (LG) im zugleich theoretischen und historischen Kontext der Utopieforschung einzubetten, was nicht nur eine neue Sichtweise der sogenannten 'utopischen' Texte Schmidts ermöglicht,  sondern auch im Rahmen der Utopieforschung zur Klärung der Gegensätzlichkeit zwischen den Begriffen "Utopie" und "utopische Prosa" beiträgt. Im Gegensatz zur herrschenden negativen Bestimmung der utopischen Prosa gegenüber der positiven der Utopie gelingt es Hinrichs durch die Analyse von »Schwarze Spiegel«, »Die Gelehrtenrepublik« und von »KAFF auch Mare Crisium«, die er als "Paradigmata des LGs und zugleich der utopischen Prosa" (S.419) bezeichnet, aufzuzeigen, "daß die utopische Prosa ebenso wie die traditionelle Utopie kritisch-deiktisch auf die Realität ausgerichtet ist, in deren Kontext sie entstanden ist, daß diese wie jene über sie aufklärt" (ebd.). 
Die spezifische Perspektive seiner Werkanalyse erlaubt Hinrichs die Korrektur auch mancher Vorarbeiten zum Werk Arno Schmidts; besonders einleuchtend schien mir, daß die Strukturanalyse von »Kaff« keineswegs ergibt, wie es die Kritik vielfach wollte, daß dieses Werk Anzeichen schwindenden politischen Engagements zeigt, sondern im Gegenteil, daß die Doppelung der Realität in eine (utopisch-)subjektive und eine objektive Ebene geradezu zur politischen Reflexion herausfordert. 
Gerade diese einfache Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver Realität kann jedoch der Theorie und Praxis Schmidts nicht vollkommen gerecht werden. Schmidt macht in seinen frühen Aufsätzen deutlich, daß die objektive Realität des LGs eigentlich die des Autors sei (R&P, S.297), was damit einhergeht, daß Schmidt Literatur stets durch seine autobiographische Funktion fundiert sah; seine Erzählung »Gadir« sei, so Schmidt ausdrücklich, das LG seiner eigenen Kriegsgefangenschaft. Wenn Schmidt somit in »Kaff« den Erzähler Karl Richter einführt, der aus seiner objektiven Realität heraus eine subjektive entwirft, so verdoppeln sich die objektiven Realitäten, es sei denn man setzt den Erzähler Karl mit Schmidt gleich, wogegen sich jedoch Hinrichs selbst verwahrt. Durchgängig scheint mir folglich bei diesem Text der Status der objektiven Realität verzerrt dargestellt, zumindest nicht ausreichend beleuchtet. 
Bedauerlich ist, daß der Autor sowohl »Gadir« als auch die Spätwerke »Schule der Atheisten« sowie »Abend mit Goldrand« aus seiner Untersuchung ausklammert; zumindest für »Gadir«, das Schmidt selbst als LG bezeichnet, hätte man hierfür eine Begründung erwartet. Man hätte nämlich gerne erfahren, wie der Autor auf diese Werke im Kontext der utopischen Prosa eingegangen wäre. Schade auch, daß der verzögerte Publikationstermin dem Autor nicht ermöglichte, zu einigen gewichtigen neueren Arbeiten, besonders derjenigen Michael Schneiders, Stellung zu nehmen. Ferner wirken die drei Hauptteile der Untersuchung gelegentlich etwas unverbunden, wobei der erste Teil, der die bereits in zahlreichen Fachbeiträgen vielbesprochene Prosatheo-rie Schmidts abhandelt, durchaus hätte kürzer ausfallen dürfen. 
Trotz dieser eher strukturellen Mängel bietet Hinrichs' Arbeit inhaltlich durch seine Verknüpfung der Utopie-Diskussion mit dem Begriff des >Längeren Gedankenspiels< einen der interessanteren Ansätze der Schmidt-Forschung der vergangenen Jahre. Besonders empfehlenswerte Lektüre sind dabei der zweite Teil zur Utopie-Forschung und im dritten der Abschnitt über »Kaff« mit vielen wertvollen Einzelbeobachtungen.

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Friedhelm Rathjen

»...schlechte Augen«: James Joyce bei Arno Schmidt vor »Zettels Traum«
 

Munich: edition text + kritik, 1988

Reviewed by Robert Weninger

Oxford Brookes University
 

First published James Joyce Literary Supplement2 (1988): 6

It has become a well-established fact of Schmidt-criticism that the relationship between Arno Schmidt and James Joyce, or - to be concise - that the relationship between Schmidt's and Joyce's writings is crucial to an understanding of Schmidt's œuvre. In his uncommonly subjective and experimental fiction no less than in his controversial essays, some of which were devoted exclusively to an interpretation of Finnegans Wake, Schmidt's development as an author, at least up to 1969 when he completed Zettels Traum, reveals an ever-increasing preoccupation and rapprochement with Joyce's biography and writings, an intensifying reception and criticism, adaptation and rejection of their stylistic traits and subject matter. The first to write about this topic was Jörg Drews, who placed Schmidt's monumental magnum opus Zettels Traum  squarely in the tradition of Finnegans Wake. His essay 'Work after the "Wake", or: A First Look at the Influence of James Joyce on Arno Schmidt', published in the Wake Newslitter clone, the Bargfelder Bote, in 1977 was to be followed one year later by an essay by Fritz Senn, who zeros in on Schmidt's trial-translations of Finnegans Wake. My own Arno Schmidts Joyce-Rezeption 1957-1970 (Frankfurt 1982), the first book-length study of this relationship, focuses on the chronology of Schmidt's struggle with, and an evaluation of his verdicts on Joyce, in addition to presenting a comparison of a selection of Schmidt's texts with Ulysses  and Finnegans Wake  as those of Joyce's writings that influenced Schmidt the most profoundly.

The second and only very recent phase of Schmidt-Joyce scholarship was ushered in by Stefan Gradmann's Das Ungetym. Mythologie, Psychoanalyse und Zeichensynthesis in Arno Schmidts Joyce-Rezeption  in 1986; Gradmann presents a productive discussion of characteristic features of the textual rapport by contrasting in the works of Joyce and Schmidt the representation of reality and the use of mythology, psychoanalysis, and wordplay. In comparison, Rathjen's first book, Dublin---->Bargfeld. Von James Joyce zu Arno Schmidt (Frankfurt 1987), does not advance our understanding of the Schmidt-Joyce axis substantially, but rather addresses Schmidt-adepts interested primarily in the question of Schmidt's borrowings and his sources.

Rathjen's second book, »...schlechte Augen«: James Joyce bei Arno Schmidt vor »Zettels Traum«, on the other hand, consists mainly of a glossary of Schmidt's references to Joyce within those writings published between 1956, when Schmidt first began to read Joyce in English, and 1969, the eve of Zettels Traum. In accordance with his main objective, namely to provide for the student of Schmidt's œuvre a comprehensive glossary of "the fruits of his Joyce-reception" (Lektüre), the greater part of Rathjen's book comprises a chronological listing of all identifiable traces of Joyce within Schmidt's fiction and his essayistic œuvre, i.e. each and every mentioning of Joyce's name, every quotation from his writings, every allusion to a Joycean character or neologism. Moreover, by juxtaposing Schmidt's sources (especially Stanislaus Joyce's Dublin reminiscences, both translated into German by Schmidt himself, Ellmann's biography, or even Joyce's own texts) and his observations, Rathjen elucidates Schmidt's sundry misleading comments on Joyce and exposes his many misappropriations of Joyce's texts.

The crux of glossaries of this kind is as always the question of inclusion and exclusion of material, and it is no less obvious that no two commentators (or editors) will respond alike and choose alike. With this in mind, I would like to point out some of those decisions which make me  feel uncomfortable with Rathjen's glossary and seem to reduce the availability and free flow of information, which - as I perceive it - must be the main intent of any such undertaking. While Rathjen quite naturally begins with Schmidt's earliest allusions to Joyce in essays written in 1955 and 1956, none of which were published before 1957, he excludes all those references to Joyce in works published 1970 or later, i.e. the late novels Zettels Traum (1970), Die Schule der Atheisten (1972), Abend mit Goldrand (1975), and Julia, oder die Gemälde (published posthumously in 1983); thus, while I do not object to his decision to include innumerable cross-references to these late novels in his commentary on earlier texts, I do feel disturbed by the absence of a systematic listing of these same references in his glossary's chronological division. This is due, as Rathjen indicates, to the complexity and opacity of Schmidt's bulky and intricate manuscript novels; but while he expresses his hope, that these allusions may be collected some day with his readers' aid and included at a later time, these willing readers will have an unnecessarily hard time putting together the isolated allusions that Rathjen has included here and there. But no less unsettling than these intentional exclusions are a number of omissions of material within the covered time period 1955-1969. Under 1962 I miss Schmidt's epilogue to his translation of James Fenimore Cooper's Conanchet (i.e. The Wept of Wish-Ton-Wish ), and I see no justification to exclude Schmidt's introductory radio-feature of 1969, Vorläufiges zu Zettels Traum, which was broadcast before 'Was wird er damit machen?', a radio-essay on Bulwer-Lytton which Rathjen does include in his chronological division. Besides these major omissions, a number of allusions were overlooked, notably from 'Kundisches Geschirr' (p.135) and SITARA (p.229 and p.247). With exception of these ten or so missing notations, the material of this glossary seems fairly complete and thus allows the student to retrace Schmidt's steps (and slips) through Joyce's labyrinthine world of words.

The chronological glossary, which will be handy in particular to German readers who are less well acquainted with Joyce's writings, is complemented by an extremely useful alphabetic register, in which Schmidt's references to Joyce are listed under the headings of Joyce's own works and their subdivisions; this enables us to establish with relative ease those parts of Joyce's texts which Schmidt singled out for close inspection and critique. To round off his glossary, Rathjen has added two essays, one which sketches once again the chronology of Schmidt's reception of Joyce (but which adds very little new insight to my own findings of 1982), and one that discusses Schmidt's laxity, if not to say sloppiness, with textual precision in dealing with Joyce's texts in his essays and trial-translations.  Notwithstanding its scarcity of interpretive substance and some petty yet annoying mistakes (e.g. Rathjen's misquotation of a date on page 121), as a glossary this is a useful tool and will no doubt remain a valuable instrument for further probings into the Schmidt-Joyce lineage.

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Review Essay
 

>Ein Autor als Leser< - Arno Schmidts Arbeitsexemplar von James Joyces Finnegans Wake

Review Essay by Robert Weninger

German Version of an essay published in James Joyce Broadsheet, No. 17, Juni 1985 under the title 'Schmidtian's Wake'

Im Bargfelder Boten Lfg. 89-90 (April 1985) berichtet Brigitte Hackh von einem Gespräch, das sie  im Jahr 1981 mit Max Bense und Elisabeth Walther führte.  Max Bense erzählt darin von seinem letzten Besuch bei den Schmidts in Bargfeld, in dessen Verlauf ihn Schmidt einlud, mit ihm zusammen  etwas  >Dolles< im Bodenzimmer zu inspizieren, wobei er sich  allerdings genau an die "Vorschriften" halten müsse; Bense fährt fort: "Ich hab' mir überlegt, was er da gemacht haben könne. Eine Plastik oder sowas? Wir gingen in sein Bodenzimmer. Dort stand eine Kiste. Ich sagte: 'Was ist denn da drin?' Da sagte er: 'Da ist meine Übersetzung von Finnegans Wake  von Joyce. Die ist da drin.'" Weit davon entfernt, die braunen Packpapierbögen aus der Nähe betrachten oder gar mal in die Hand nehmen zu dürfen, hinderte ihn sogar ein quer eingespanntes Band am Nähertreten. Darauf hin angesprochen, antwortete Schmidt: "Ein Besucher darf die Übersetzung von weitem sehen, aber er darf ihr nicht zu nahe treten." Bense weiter: "Schmidt wollte wohl, daß ich wie in einer weihevollen Stunde dasäße und die Kiste bewundern sollte." Diese Geschichte ist mehr als eine bloße Anekdote. Sie reflektiert nicht nur Schmidts quasi reliogiöses Verhältnis zu Finnegans Wake  -  indem er seine Übertragungsversuche wie in einem Heiligtum zur Adoration  aufbewahrt, sie demonstriert zugleich Schmidts Gespreiztheit (und wie die ganze Geschichte zeigt, auch seine Gereiztheit) beim Umgang mit den eigenen Geisteserzeugnissen, die Art von Mystifikation, die er seinen eigenen literarischen Manövern zuteil werden ließ.

Bald nach seiner ersten intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk von James Joyce Ende der fünfziger Jahre ließ Schmidt das Gerücht verbreiten, er arbeite an einer Übersetzung von Finnegans Wake, und daß fünf Verleger, einschließlich des eigenen, des Stahlberg Verlags, sich geweigert  hätten, sein Projekt zu fördern. Man kann das Gefühl nicht ganz unterdrücken, daß es Schmidt zeitweilig absichtlich darauf angelegt hatte, den Eindruck zu erwecken, er habe ganz Finnegans Wake ins 'Deutsche' übertragen. Auf jeden Fall ist es ihm gelungen, einige Verwirrung zu stiften; immerhin fühlte sich der Rhein-Verlag, der damalige Inhaber der Rechte am Werk von James Joyce, genötigt anzukündigen, Finnegans Wake  durch 'eine Gruppe berufener Übersetzer' bearbeiten zu lassen. Erst jetzt, durch die Ver- öffentlichung seines Arbeitsexemplars von Finnegans Wake im Haffmans Verlag und der mitenthaltenen Übertragungsversuche - wie sie Schmidt feinfühlend  vorsichtig nannte - läßt sich ermessen, wieviel Zeit er über Jahre hinweg investiert hat, wieviel Mühe es ihn gekostet hat, sich dieses Buch intellektuell einzuverleiben. So hat er das Buch laut handschrift- lichem Eintrag auf dem Vorsatzblatt seiner Ausgabe zwischen etwa 1959 und November 1964 viermal oder noch häufiger durchgeackert,  wobei die  vermutlich letzte Lektüre unter dem Vorzeichen der  Materialsammlung für sein   eigenes   Riesenopus  Zettels  Traum   stand,  in  dem  ja  bekanntlich Finnegans Wake  eine so zentrale Rolle für die Beweisführung spielt.

Schmidt hat sich Finnegans Wake  etwa gleichzeitig mit Ulysses  angeschafft, nämlich im Jahr 1956. Die erste Begegnung mit Ulysses  liegt allerdings laut Aussage seines Freundes Johannes Schmidt noch in der Greiffenberger Zeit. Dieser hatte ihm seine Goyertsche Übertragung für kurze Zeit entliehen; ob Schmidt das Buch wirklich näher angeschaut hat, wußte Johannes Schmidt - übrigens nicht mit Arno Schmidt verwandt - nicht mit Sicherheit anzugeben. Bereits in einigen Buchrezension der Jahre vor 1956 war Schmidts Schreibweise mit derjenigen von James Joyce verglichen worden; es wird ihn empfindlich getroffen haben, sich stellenweise als Kopiisten von James Joyce ausgegeben zu sehen. Dies mag ihn aber schließlich auch dazu bewegt haben, sich eingehender mit dem Joyceschen Werk auseinanderzusetzen. Immerhin veröffentlichte er ja bereits Ende 1957 seine harte, aber berechtigte Kritik der Goyertschen Übersetzung von Ulysses, die ursprünglich 1927 erschienen war. Ich vermute, daß Schmidt seine erste Lektüre von Finnegans Wake  unmittelbar an die des Ulysses  anschloß, um kurze Zeit später, nach Einsichtnahme in die damalige Forschungslage,  durch die er sich - vielleicht allzu voreilig - davon überzeugte, daß man noch keinen überzeugenden >Schlüssel< zum Aufschließen des Buches gefunden hatte, seinen >Höllenschlüssel< (vgl. noch einmal das Vorsatzblatt seines Handexemplars) zu präsentieren. Bereits 1960 veröffentlichte er in der 'ZEIT' einen Aufsatz zum Wake; 1961 erschienen seine "Kaleidoskopische Kollidier-Eskapaden" in der Studentenzeitschrift 'KONKRET' und im gleichen Jahr wurde "Der Triton mit dem Sonnenschirm" im Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlt; dieser Funkessay enthielt auch die ersten Proben seiner Übertragungsversuche. In vielen Essays und Büchern der folgenden Jahre (Kaff  auch Mare Crisium, Sitara , 'Sylvie & Bruno' u.a.) findet Joyce rühmliche Erwähnung.  1966 kommentierte er nocheinmal ausführlich alle Werke von Joyce im 'Das Buch Jedermann'-Essay, und 1970 erschien schließlich Zettels Traum, mit dem Schmidt ja gewissermaßen ein deutsches Gegengewicht schuf zu Finnegans Wake.

In den frühen Essays warf Schmidt den Autoren des Skeleton Key to Finnegans Wake , Campbell und Robinson, vor, sie hätten die Bedeutung des Autobiographischen für die Auslegung von Finnegans Wake  weit unterschätzt und somit Joyces wirkliche Absicht mißdeutet. Für Schmidt war es ausgemacht, daß sich Joyce eigentlich an seinem Bruder Stanislaus rächen wollte; dieser soll, so Schmidts Hypothese, den Bruder James mit dessen  Lebensgefährtin  Nora Barnacle Weihnachten 1909 betrogen haben. (Vgl. dazu auch meine Ausführungen in The Mookse and The Gripes. Ein Kommentar  zu  James  Joyces  Finnegans  Wake,   München: edition  text  + kritik 1984, S. 18f.). Im Grunde, so scheint es mir, bezog Schmidt seine eigene Denkmethode  auf Joyce, eine Methode, bei  der ein  Autor seine per- sönlichen  Erfahrungen   und   seine   literarischen   Verfahren  miteinander  vermengt und sie einem allegorischen Rahmen einverleibt (ähnlich übrigens wie es Schmidt auch für Karl Mays Spätwerke annimmt). Nur, so Schmidts Fazit, habe Joyce das Verfahren übertrieben, seine Grenzen falsch abgesteckt und seine Verurteilung von Stanislaus unfair überzogen. Dies war, etwas verkürzt dargestellt, Schmidts Geheimnis  von Finnegans  Wake.

In diesem frühen Lesen und Verlesen von Finnegans Wake  stand Schmidt deutlich unter dem Einfluß von Stanislaus Joyces Jugenderinnerungen Meines Bruders Hüter , die er 1960 für den Suhrkamp Verlag übersetzte. Er machte sich nicht nur Stanislaus' Version des Verhältnisses der beiden Brüder zu eigen, um seine anfängliche Ablehnung des Wake  zu festigen, sondern er bezog sich zudem auf Äußerungen des Joyce-Biographen Richard Ellmann, der in seiner Einleitung zur englischen Ausgabe von My Brother's Keeper  angedeutet hatte, daß Joyce sich und seinen Bruder Stanislaus in Finnegans Wake  durch Shem und Shaun verkörpert hatte. Ohne darauf einzugehen, daß dies nur eine Facette der Wake-Interpretation sein kann (und heute noch geringer bewertet werden würde als damals), übernahm Schmidt diese krude Polarisierung und machte sie zum Angelpunkt seiner gesamten Interpretation. Er potenzierte diese Auslegung sogar noch, indem er für jedes Joycesche Familienmitglied eine Figur (oder Figurengruppe) in Finnegans Wake  ausfindig zu machen glaubte, dabei kurioserweise die Örtlichkeit auf Trieste statt auf Dublin festlegend. James wird zu Shem, Stanislaus zu Shaun, Nora ist Anna Livia in Verbindung mit Issy, und die Schwestern werden zu den 'Schaltjahrmädchen'. Da nun aber HCE, der Vater der Kinder,  in diesem Modell keinen Platz hat, bleibt er ganz einfach ohne Erwähnung. Die Abschnitte des Buches, die ihm zugeordnet werden müßten,  werden je nach Bedarf und Möglichkeit entweder Shem oder Shaun zugeschrieben. 

Diese allzu groben Gleichungen sind natürlich nur mit erheblichen Einschränkungen gültig. Seit Anbeginn der Wake-Forschung gab es selbstverständlich keinen Zweifel daran, daß Joyce in diesem Buch eine ansehnliche Masse autobiographischen Materials angesammelt und verarbeitet hat. Und Schmidt konnte sich selbst davon überzeugen, wenn er nicht gar die Anregung zu seinem autobiographischen Lesemodell von einigen einschlägigen Büchern zu Finnegans Wake  bezog, darunter die von James S. Atherton und Adaline Glasheen. Aber indem er diese Anregungen aufnahm und sie zu einem eigenen Lesemodell verfestigte, schloß er fast scheuklappenmäßig und engstirnig andere Faktoren rigoros aus, die eine jede Interpretation von Finnegans Wake  zu berücksichtigen hätte. Schmidt glaubte, daß der Text mit böswilliger Absicht verschlüsselt wurde, und daß es die Hauptaufgabe des Kritikers und Lesers sei, diese autobiographische  Botschaft  zu entziffern  und  wieder lesbar zu  machen. Dadurch daß Schmidt Finnegans Wake  als eine Schmähschrift gegen den  Bruder Stanislaus auffaßte, wird  James - indem  man  die  Methode  gegen ihn  wendet - selbst zum >Kain< und somit zum eigentlichen Brudermörder. Schmidt fühlte sich in seiner frühen und unausgegorenen Kritik des  Wake berufen, James Joyce zu entlarven und seine literarische Intrige aufzudecken; er demonstrierte dabei nur wenig Gespür für das Verhältnis zwischen  Tatsachen,  Fiktion und Stil. 

Nach diesen ersten >Tunnelungen< ins Joycesche Werk vertiefte sich Schmidt  anfang der sechziger Jahre in die Freudsche Psychoanalyse. Auf der Grundlage der dort vorgestellten Wortspieltheorie entwickelte er bekanntlich seine Etymtheorie. (Das Wort etym  ist übrigens von der Stelle 353.22 in Finnegans Wake  abgeleitet.) Er behauptet nun durchaus im Sinne  psychoanalytischer  Literaturforschung, daß Autoren ihre  sexuellen Bedürfnisse vornehmlich unbewußt in literarische Landschaften und mehrdeutige Sätze und Phrasen, Wörter oder Wort-Bestandteile verwandeln. Er argumentiert ferner, daß Joyce einer kleinen Gruppe von Autoren  angehört, die die im Wortspiel eingebetteten Möglichkeiten  zur Manipulation des Lesers begriffen haben, und  daß sie unter Ausschöpfung dieser Möglichkeiten einen Leser für oder gegen eine Person, eine Sache oder eine Haltung einnehmen können. Mit diesem Ansatz hätte Schmidt durchaus zu einer Würdigung von Finnegans Wake   gelangen können, denn seine Position besagt im Grunde, daß Joyce in Finnegans Wake nicht bloß ein besseres Kreuzworträtsel geschaffen habe, sondern daß die Techniken des Wort- und Textspielens in diesem Buch durchaus ihre Funktion und ihre Aufgaben hatten. Und doch konnte sich Schmidt nicht dazu durchringen, in Finnegans Wake  mehr als die bloße Camouflierung einer bösartigen Botschaft zu sehen. Trotz seiner Etymtheorie kehrt er auch in seiner späteren Beurteilung des Buches zur versimplifizierenden  und wider- sprüchlichen Vorstellung zurück, Finnegans Wake  spiele in Triest und handle von Verführung, Verrat und Rache. Der Stil blieb für Schmidt durchweg ein Träger von festgemachter Bedeutung, statt daß sie Bedeutungen durch den Leser generiere. 

Das nun vom Haffmans Verlag in Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung herausgegebene Arbeitsexemplar von Finnegans Wake  spiegelt in mancherlei Art und Weise die Haltung Schmidts. Es zeigt zunächst einmal wie Schmidt, nicht anders als jeder ernsthafte  Leser des Buches, mit der Sprache des Wake  seine liebe Not und Müh' hatte, wie er - mit Hilfe von senkrechten Strichelchen - die Satzstruktur wieder aufzudröseln versuchte,  und  wie er Einzelwörter (Neologismen, Überlagerungen etc.) im Rahmen der englischen Satzstruktur wieder "sinnvoll" zu machen bemüht war, indem er am Rand ihre 'Bedeutungen' hinkritzelte. Es zeigt wie Schmidt  bei  seiner  Lektüre  Textteile stets  auf sein  autobiographisches Lesemodell zu reduzieren versuchte, indem er beispielsweise  auf S.205.28 "Morris" sogleich via Maurice - den Bruder Stephen Daedalus' in Stephen Hero  - auf Stanislaus bezieht.  Statt Strukturen des Textes freizulegen, ist Schmidt  bestrebt, im Text Strukturen nachzuweisen, die durch ihn selbst vorgegeben beziehungsweise dem Text aufgepfropft wurden. So wird aus jedem Baum oder "cad with a pipe" ein James, und hinter jedem Stein oder Hut, hinter jeder Post oder hinter jeder Anspielung auf die Adria versteckt sich ein Stanislaus. 
Nach seiner frühen Lektüre mit Bleistift und Lineal hat Schmidt bei späterer Lesung zu Buntstiften gegriffen, mit denen er Unterstreichungen, Randbemerkungen und Kürzel anbringt. Obwohl man wird feststellen können, daß beispielsweise Stanislaus häufig mit dem Rotstift und James mit einem Grünstift markiert wird, scheint mir Schmidt nicht durchgängig am System insgesamt festgehalten zu haben. Ich vermute eher, daß das Kennzeichnungssystem über die Lesephasen hinweg mit weitgehender Ausnahme von  James und Stanislaus Veränderungen unterworfen war, und daß es Schmidt  vornehmlich um die schnelle Identifizierung wichtiger Passagen, Sätze, Satzteile, Symbole, Leitmotive  oder Wörter ging, die ihm für die Erstellung seines Lesemodells von Bedeutung erschienen.

Der Herausgeber und der Verlag bieten dem Leser ein vorzügliches  Faksimile des Originals, der zweiten Faber und Faber Ausgabe von 1950, an. Dazu gehört immerhin die Leistung des ausgezeichneten Fünffarbenlithos (ich zählte insgesamt zehn unterschiedliche Farbtöne). Man hat alle Bleistiftanmerkungen und Unterstreichungen in einer Qualität reproduziert, daß selbst jede kleine Notiz fast noch leserlich erscheint. Wiedergegeben wurden handschriftliche Eintragungen auf dem Vorsatzblatt ebenso wie ein kleines Farbbild auf der ersten Textseite; auch die Errataliste, die Schmidt sorgsamst in den Text übertrug, ist mitabgedruckt. Ja, selbst zwei kleine Zettel, die er  zwischen den Seiten 262/263 und 492/493 eingefügt hatte, wurden reproduziert und an den entsprechenden Stellen in das Band hineingelegt. Zum eigentlichen Arbeitsexemplar von Finnegans Wake hinzukommen zwölf bisher unveröffentlichte Blätter der Übertragungsversuche Schmidts auf braunem Packpapier im übergroßen (und doch laut Impressum "etwas verkleinerten") Originalformat, die die ursprünglich im "Triton mit dem Sonnenschirm"- Essay veröffentlichten ergänzen. Vom Herausgeber geplant war es, dem Arbeitsexemplar ein Nachdruck aller Übertragungsversuche, auch der bereits erschienenen, beizufügen, was durch den schwebenden Rechtsstreit mit dem S.Fischer Verlag verhindert wurde. Insgesamt umfassen  Schmidts Übertragungsversuche circa 12 Textseiten, wovon nun hier in dieser Ausgabe viereinhalb abgedruckt wurden. Die  anderen beigefügten Blätter enthalten indessen Materialien zur Übersetzung und Kommentierung (1 Blatt), Vorbemerkungen zum Projekt (1 Blatt), das von Schmidt vorgesehene Titelblatt ("James Joyce. FINNEGANS WAKE. Übersetzung ins Deutsche sowie Anmerkungen und Nachwort von Arno Schmidt. 1960-     ), und zwei nur mit Seitenzahlen (401 und 402) versehene Bögen. 

Trotz des etwas irreführenden Untertitels - Übersetzung ins Deutsche - war Schmidts Konzeption  wohl eher als eine Art Umschreibung ins Deutsche mit beigefügtem fortlaufendem Kommentar aufzufassen. Die Blätter, auf denen sich Schmidts Übertragungsversuche befinden, sind im übrigen genauso gestaltet, wie er es im "Triton"-Essay gefordert hatte: "Eine Verdeutschung müßte nicht nur seiten-,  sondern sogar zeilen getreu erfolgen ;  das heißt hergestellt & gedruckt werden. Nicht bloß, weil nur das eine Nachprüfung, also eventuelle Berichtigung, erlaubte ; sondern vor allem, weil dann sämtliche anderen, zumal die angelsächsischen, Vorarbeiten, mühelos benützt werden könnten : selbst die Seitenzahlen der bisherigen, wenn auch völlig ungenügenden, >Register< stimmten ja dann noch ! Am linken Rand also eingedruckt die Zeilenzählung von 1 bis . . . […] In der breiten Mitte also der deutsche Text […] Rechts endlich ein sehr breiter Rand, wo die mit >Sternchen< versehenen Worte ihre Erklärung fänden ; das >andere Lesemodell< - im Telegrammstil, aber ausreichend - angegeben wäre . . .".  Man vermeint beinahe, Schmidt hätte eher eine Verdeutschung seines Lesemodells im Visier gehabt als eine sich möglichst vielen Wortschichten annähernde Übertragung, die versucht, dem Text gerecht zu werden. Und es ist beiläufig auch die Frage zu stellen, ob die  Leser, die mit den "angelsächsischen Vorarbeiten" umgehen können, nicht eh auf eine Verdeutschung verzichten könnten.

Schmidts Arbeitsexemplar und die Übertragungsversuche werden in einer einheitlich mit dem Leineneinband von  Finnegans Wake  gebundenen Schutzkassette herausgegeben, die dem ganzen Unterfangen einen Flair des Exklusiven vermittelt. Die insgesamt aufwendige Ausstattung (laut einer kurzen Anmerkung Gerd Haffmans zu meiner ursprünglich im >James Joyce Broadsheet< veröffentlichten Rezension hätte das Buch in seiner vorliegenden Form ohne Zuschuß der Arno Schmidt Stiftung etwa 1200,- DM kosten müssen) spiegelt sich im Preis der Ausgabe wieder: ein Käufer  reicht dafür 500,- DM über den Ladentisch. Schon um dieses Preises willen ist Arno Schmidts Arbeitsexemplar von Finnegans Wake  keine reine Leseausgabe, sondern eher ein Sammelobjekt für 1001 Betuchte. Ich kann mich leider des Eindrucks nicht erwehren, daß man derzeit bei Schmidt-Lesern auf märchenhafte Ressourcen rechnet, 1001 Wunderlampen oder  Goldesel,   woran   natürlich  die  Stiftung  und  der  Haffmans Verlag keineswegs die alleinige Schuld tragen. Man ist ja für die Welle der Schmidtschen Produkte dankbar, zumal die Qualität nichts zu wünschen übrig läßt. Und immerhin  haben  Verlag  und Stiftung in weiser Voraussicht ob der Mittelknappheit öffentlicher Bibliotheken und des durchschnittlichen Schmidtlesers sich dazu entschloßen, 100 Bibliotheken je ein Exemplar der Kassette zu schenken. Somit wäre die Zugänglichkeit wenigstens garantiert. 

Auch wenn man mich mit Blick auf ein solch aufwendiges Unternehmen der Haarspalterei zeiht, so möchte ich doch auf eine Unterlassung aufmerksam machen, die den Kenner der Materie irritieren mag und dem Nichtfachmann verborgen bliebe. Sowohl die Kassette als auch der Einband des Arbeitsexemplars selbst wurden in braunem Leinen gebunden und mit Goldprägung versehen. Finnegans Wake  im Original und in allen Nachdrucken, die ich kenne, war in rotem Leinen gebunden und hatte nur auf dem Buchrücken eine Goldprägung,  jedoch keine überdimensionierten Goldbuchstaben >F< und >W< auf dem Buchdeckel - wie bei dieser Ausgabe. Nun ließ Gerd Haffmans wissen, der  braune Leineneinband sei auf den Wunsch des Verlags und der Stiftung zurückzuführen, die  Kassette mit der vor kurzem begonnenen Gesamtausgabe der Schmidtschen Werke einheitlich zu gestalten, ein Vorhaben, das ich ebenso legitim wie geschmackvoll finde. Mein Einwand wäre indessen, daß man diesbezüglich die Präzision vermissen ließ, die die Ausgabe und alle ihre Bestandteile sonst auszeichnet. Immerhin hat man im Impressum verzeichnet, daß die Originalgröße der Übertragungsversuche verändert wurde. Und immerhin auch wurden die bis auf die Seitenangaben leeren Blätter 401 und 402 reproduziert und hinzugefügt. Warum also hier, im Vergleich zur sonst beobachteten Detailtreue,  die Unterlassung? Ein kurzer Hinweis auf den Sachverhalt  im Impressum hätte ja genügt!  Im übrigen hätte man ja die Kassette durchaus der Gesamtausgabe angleichen können, ohne bei Finnegans Wake  selbst, das ja im Regal unsichtbar bleibt, auf die Originalbindung zu verzichten. Schließlich ist und bleibt Finnegans Wake  kein Werk von Arno Schmidt, und man sollte das Buch nicht zur Gesamtausgabe hinzurechnen wie ein Produkt Schmidts. Schmidt ist einer von sehr vielen Lesern des Wake  und seine Ausgabe (wenn auch deshalb gewiß interessanter als manch andere, weil Schmidt selbst Literaturschaffender - und zwar ein sehr bedeutender - war) ist keineswegs untypisch für das Aussehen mancher Finnegans Wake-Ausgabe. 
Vielleicht hat die sichtbare Intensität der Schmidtschen Aneignung des Wake  - die ja dem Buch nur gerecht wird - Verlag und Stiftung dazu verleitet, ihre Bedeutung zu überschätzen. Schmidts Interpretation von Finnegans Wake  blieb bekanntlich ohne nennenswerten Einfluß auf die Joyce-Forschung und ist ein Kuriosum, das  uns als  Schmidt-Liebhaber und -Forscher  eher interessiert denn als Joyce-Leser. Vom  Arbeitsexemplar  wirklich profitieren wird wohl nur eine sehr kleine Gruppe von Kennern sowohl des Joyceschen als auch des Schmidtschen Werks.  Trotz  der daraus resultierenden Frage, für wen das Buch eigentlich gemacht wurde,  finde ich die Idee der Ausstattung, die Ausführung und eben die Qualität der Reproduktion hervorragend gemacht und ein bibliophiles Schmuckstück, und als solches hat diese Ausgabe durchaus ihre Berechtigung. 
 

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Wolfgang Albrecht

Arno Schmidt

Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler, 1998. 175 pp. 
[Sammlung Metzler 312]

Reviewed by Timm Menke

Portland State University

First published in The German Quarterly 72.2 
(Spring 1999)  201-202

Arno Schmidt bleibt ein in Nordamerika verkannter moderner Klassiker. Er  hat ein enormes Werk hinterlassen:  9 Romane, 6 Bände Erzählungen, 6 Bände Literaturkritik, zahllose Zeitschriftenartikel sowie 22 Bände Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche. Die Sekundärliteratur ist ähnlich umfangreich: heute existieren bereits 3 ausschließlich Schmidt gewidmete Zeitschriften,  4 Bände Bibliographie, mehrere  Schriftenreihen  und zahlreiche Einzelpublikationen. 
Erst jetzt, knapp 20 Jahre nach  seinem Tod, liegt  innerhalb  der  Reihe Sammlung Metzler der bereits überfällige Band über Arno Schmidt vor, verfaßt von dem derzeit  in Weimar tätigen ostdeutschen Germanisten Wolfgang Albrecht. Die Qualität und das wissenschaftliches Renommee der Reihe  wird mit dem vorliegenden Buch noch einmal bestätigt. In der DDR existierte eine Schmidt-Forschung praktisch nicht, und Albrecht führt sich hier mit seinem ersten Buch über Schmidt gleich vorzüglich in die (westdeutsche) Forschung ein, sieht man von der Überbetonung von Schmidts angeblichen (allerdings gar nicht so prononcierten) Antifaschismus ab, eine Sicht, die womöglich mehr über die Herkunft des Verfassers als über Schmidt aussagt.
Albrechts Einführung in das Phänomen Arno Schmidt geht folgendermaßen vor:
Das erste  (und ausführlichste Kapitel) ist Leben und Werk gewidmet, wobei Albrecht, wie es sich in der Schmidt-Forschung durchgesetzt hat, das Werk mit den verschiedenen geographischen Lebensstationen Schmidts in Verbindung bringt: von seiner Kindheit und Jugend in Hamburg und Schlesien über die Jahre als Vertriebener in Westdeutschland  bis hin zu seinem Refugium im Heidedorf Bargfeld in der Nähe von Eschede. 
 Im Zentrum von Albrechts Überlegungen stehen Texte, die im Anschluß an die in Leviathan   (1949) entwickelte Philosophie das Böse als Dominante der Menschheitsgeschichte  thematisieren,  von den sog. Antike-Erzählungen bis hin zur dystopischen Novellen-Comödie Die Schule der Atheisten  von 1972.  Von besonderem Interesse sind hier die Diskussionen von zwei der diffizileren Werke Schmidts, dem Roman Kaff auch Mare Crisium  und dem Typoskript Zettels Traum.  Die Entscheidung zur Herausstellung der philosophischen Themen im Werk führt  gleichwohl zu einem  Eklektizismus  der Auswahl, denn Albrecht  verzichtet andererseits  auf die eingehendere Erörterung einiger ästhetisch vielleicht noch wertvollerer Texte, den eher autobiographisch unterfütterten Werken wie Brand's Haide, Die Umsiedler, Tina  und Goethe und Einer seiner Bewunderer. 
Das zweite Kapitel stellt  die poetologischen Konzepte und dichterischen Verfahren Schmidts vor und gibt einen Überblick über die Forschungslage. Ein Abriß der Wirkungsgeschichte Schmidts schließt sich im dritten Teil an und kulminiert - angesichts des Problems der "biographical fallacy" im Œuvre Schmidts  - mit der berechtigten Warnung an die Forschung vor sowohl einem "Rückfall ins Biographisch-Spekulative" (S.131) als auch vor einer völligen Ignorierung selbstreferentieller Aussagen Schmidts. Es wird gerade die amerikanische Germanistik freuen, daß Albrecht mit den Thesen der einschlägigen Arbeiten Robert Weningers, des führenden US-Forschers,  übereinstimmt und sie mehrmals und ausführlich zitiert (z.B. S.114f.). Daß Schmidt-Forscher gehalten sind, stärker die eigenen hermeneutischen Voraussetzungen zu reflektieren, ist beispielsweise eine These Weningers.
Kapitel über die Editionen der Werke Schmidts und über den Stand der einschlägigen  Bibliographien, eine ausführliche und gut durchdachte Auswahlbibliographie als auch einige Register beschließen das Buch, wobei die Kritik an den Editionskriterien der Bargfelder Ausgabe (herausgegeben von der Arno Schmidt Stiftung) für meine Begriffe ein wenig zu harsch ausfällt.
Der Band ist gut geschrieben, leserfreundlich, und eignet sich besonders wegen der genauen Kenntnis der Sekundärliteratur vorzüglich für Studierende als Einführung ins Werk von Schmidt. Auch Fachleuten wird er auf lange Zeit hinaus gute Dienste leisten. Bei dem durchaus erschwinglichen Preis von DM 26,80 gehört er in jede größere Sammlung und in alle Universitätsbibliotheken.

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Arno Schmidt

Radio Dialogs I

Translated from the German and with an Introduction by John E. Woods
København/Los Angeles: Green Integer, 1999. 380 pages.

Reviewed by Martin Lowsky
 
 
 
 

This review is scheduled to appear in ‚Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft’, Nr. 127 (März 2001)

Karl May auf englisch – an verborgener Stelle
Der Übersetzer John E. Woods widmet sich Arno Schmidts Funkessays
I am so tired, like autumn trees
am heavy now and would be gone.
The leaves are falling at their ease:
how long, oh Lord, must I go on?
I am mere grass, not timber fine,
and yet my grain I’ve yielded, too;
and if the sun forgot to shine,
I grew in gratitude for you. (229)
So lautet die erste Strophe von Karl Mays Gedicht Im Alter (Ich bin so müd, so herbstesschwer) in der englischen Übersetzung von John E. Woods. Vollständig ist das Gedicht nachzulesen in einem Essay-Band, der neben anderem auch die bekannte poetische Stelle aus Mays Silbernem Löwen enthält, die Legende vom Roß der Himmelsphantasie: „It was the steed of heavenly fantasy, / the faithful mount with black and sparkling mane”, bis hin zu: „produced impressive swarms of fiery sparks / that from the magic horse’s trappings leapt / across to light the poet’s streaming locks / and crackling sprayed across the universe” (246f.). Oder das Gedicht von der Geisterschmiede („Spirit Smithy”): „each thougt, emotion, everything you are / is martyred, tortured, burned to white-hot fire” (210f.).
Ja, es ist ein Essay-Band, in den wir blicken, und die Zitate lassen ahnen, welch anderer Autor sich hier verbirgt. Es ist Arno Schmidt. John E. Woods, der seit längerem ausgewiesene Übersetzer Arno Schmidts ins Englische, hat eine Auswahl der Schmidtschan Funkessays übertragen. Es sind die in den Jahren 1955 bis 1961 erstmals gesendeten Essays über Brockes, Wieland, Tieck, die Schwestern Brontë, Joyces ›Finnegans Wake‹ und eben May. Grundlage für Woods war die Werkgruppe II der ›Bargfelder Ausgabe‹ der Werke Schmidts; speziell die Arbeit über May (›Abu Kital. Vom neuen Großmystiker‹) ist enthalten im 2. Band. Bei Woods findet sich ›Abu Kital or Concerning the new Grand Mystic‹ auf S. 209-260.
Woods hat mit mustergültiger Sorgfalt gearbeitet, und es ist sehr erfreulich, daß damit einer der wichtigsten Texte der May-Rezeption nun auch im englischen Sprachraum vorliegt. Aber auch wer bei uns einigermaßen englisch versteht, sollte sich Woods’ Edition einmal vornehmen, um die unter Kennern so bekannte und oft zitierte Analyse des Mayschen Alterswerkes mit neu sensibilisiertem Blick zu lesen. Da springen ins Auge May, „the last in the chain of our literature’s Grand Mystics” (260), May, welcher „luxuriates in naked, flowering mysticism” (214), der junge May, „this cellar-sprout of a tot” (219; wir erinnern uns: „der Kellerkeim von Junge”), aber auch May mit seinen „rough, hasty inventions from Arabia or the Wild West” (223f.). Die zwei von Schmidt gerühmten Romane des späten May heißen bei Woods: „In the Realm of the Silver Lion” und „Ardistan and Jinnistan” 
Für die May-Leser sind natürlich die Passagen verlockend, in denen Schmidt ausführlich May zitiert und die also den Schmidt-Übersetzer Woods auch zu einem May-Übersetzer gemacht haben. Wir haben eingangs Proben gegeben. Zu nennen sind vor allem noch die Beschreibung des grausigen Pseudo-Paradieses mit dem ›Seil der Konfessionen‹ (S. 248f.) oder der Anblick der Armee von Ussulistan (S. 255-257). 
Ich bin kein Kenner des Englischen, meine aber zu sehen, daß Woods mit seiner Wortwahl originelle Akzente setzt. Wenn er Schmidts Wort vom „uralt-riesigen Bauwerk” wiedergibt mit: „an ancient-gigantic edifice” (239), oder wenn er den „Prozeß der Lebenden und der Toten” in der verlassenen Stadt übersetzt als: „the Judgment of the Quick and the Dead” (213), so benutzt er in einen altmodischen oder altehrwürdigen Wortschatz, der gut zu der zeitenfernen Stimmung in Mays Alterswerk paßt. Wohlgemerkt, alles ist Woods’ eigene Arbeit. Auch in den wenigen Fällen, wo er auf bereits übersetzte May-Texte hätte zurückgreifen können (Ardistan und Dschinnistan ist in einer gekürzten Fassung 1977 in New York herausgekommen), hat er es nicht getan.
Der Amerikaner John E. Woods hat in Deutschland Germanistik und Theologie studiert. Er ist schon oft als Übersetzer hervorgetreten, und wer ihn einmal in einer Lesung seiner Schmidt-Übersetzungen erlebt hat, weiß, wie sehr er diesen Autor liebt. Zu dem vorliegenden Band hat er ein Vorwort beigesteuert, in dem er Schmidts Leidenschaft für das geschriebene Wort betont. Natürlich lohnt es nicht nur im Falle May, sich in diesen Band zu vertiefen und als intellektuellen Spiel sozusagen Schmidt in der Fremdsprache zu erleben. Man achte etwa auf Schmidts furioses Lob über Wieland („A sparkling intellect, which sometimes uses insolent verbal bowling-balls to knock over stilted ideals”; 91) oder auf die Kritik an Goethe, weil er die Großstadt nicht mochte: „great cities represent the inevitably onrushing form of human settlement” (124). Die entsprechenden Stellen im Schmidtschen Original lauten: „Ein blitzender Intellekt, der mit verwegen geballten Worten manchmal steife Ideale umkegelt” und: „daß die Großstadt die unvermeidlich kommende Siedlungsform der menschlichen Gesellschaft darstellt”. Man sieht, wie Woods den Variationsreichtum und die Kompaktheit der Schmidtschen Sprache zu bewahren versteht. 
Ein zweiter Band mit Funkessays von Arno Schmidt ist schon angekündigt. John E. Woods, wir warten auf sein Erscheinen!

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Arno Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas". Zettel und andere Materialien

Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. 

Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 2000

Reviewed by Friedhelm Rathjen
 
 
 
 
 

Erstsendung Radio Bremen

Am Anfang stand eine Reise. Eigentlich hätte sie nach Italien führen sollen, doch Arno Schmidt, der sie seiner Frau zum 37. Geburtstag versprochen hatte, hielt dann doch andere Ausgaben für sinnvoller. Seiner Frau stellte er ein Ultimatum: "Willst du Venedig sehn oder paar Möbel habm: daß 's leidlich bei uns aussieht." Frau Alice war eher für Venedig als für die Möbel, doch da im Hause Schmidt der Mann das Sagen hatte, fiel die Italienreise ins Wasser, und stattdessen fuhr das Paar im Juni 1953 für ein paar Tage zum Spazierengehen und Paddeln an den niedersächsischen Dümmer. Das war halt billiger und für den reiseunlustigen Schmidt auch erträglicher als ein Trip ans Mittelmeer.
All das wäre bloß eine kuriose Anekdote aus dem Leben eines kauzigen Schriftstellers, hätte sich Schmidt nicht zwei Wochen nach der Rückkehr vom Dümmer durch einen morgendlichen Traum animiert gefühlt, die Reiseepisode zur Basis einer längeren Erzählung zu machen. Seelandschaft mit Pocahontas heißt das Resultat, ist einer der stärksten Texte Schmidts aus den 50er Jahren und zudem einer, der für beträchtlichen Aufruhr sorgte, denn er trug Schmidt eine Klage wegen Pornographie und Gotteslästerung ein. Zum Glück für die Literaturgeschichte wurde die Klage damals nach monatelangem Hin und Her fallengelassen.
Ebenfalls fallengelassen, freilich aus Versehen und weniger glücklich, wurde vor einigen Jahren im Deutschen Literaturarchiv Marbach ein Kästchen mit 638 Zettelchen, die dadurch unweigerlich ihre ursprüngliche Ordnung verloren. Es sind dies die Zettel, auf denen Schmidt seine Einfälle zur Seelandschaft mit Pocahontas notiert hatte. Das Verfahren, Literatur aus Karteizetteln entstehen zu lassen, zählt zu den legendärsten Aspekten der Schreibpraxis Arno Schmidts; freilich sind die Chancen für uns Nachgeborene, den Produktionsprozeß im Detail nachzuvollziehen, begrenzt. Schmidt vernichtete nämlich die meisten seiner Zettelkästen. Für seine wichtigste Werkphase, die 50er Jahre, gibt es nur eine einzige Ausnahme: der Zettelkasten zur Pocahontas blieb erhalten, weil Schmidt ihn seinem späteren Verleger Ernst Krawehl schenkte.
Um so erfreulicher ist es, daß diese Karteizettel jetzt - zusammen mit anderen Materialien zur Entstehung der Pocahontas - in einer opulenten Luxusedition den Schmidt-Forschern und -Fans zugänglich gemacht wurden. Alle Materialien sind im farbigen Faksimile abgelichtet, so daß man beim Blättern fast das Gefühl kriegt, die Originale vor sich zu haben. Nur lesen kann man das alles nicht, denn Schmidts Handschrift ist schlimmer als das, was man früher "Doktorschrift" zu nennen pflegte. Alle Zettel und Manuskripte werden deswegen auch in einer diplomatischen Umschrift präsentiert, das heißt in einer sauber gesetzten Fassung, die aber das originale Schriftbild samt aller Verschreibungen, Verbesserungen und nachträglichen Zusätze getreulich nachahmt. Besser kann man Lesbarkeit und Authentizität nicht miteinander verbinden.
Und welchen Erkenntniswert hat das präsentierte Material? Es zeigt vor allem, daß Schmidts Texte durchaus mehr sind als eine bloße Zusammenschrift der gesammelten Zettel. Die eigentliche Kunst Schmidts bei der Niederschrift seiner Erzählungen und Romane bestand darin, aus dem Sammelsurium der Karteikästen ein in sich homogenes Ganzes zu formen. Homogen heißt allerdings nicht, daß die Texte gleichmäßig dahinfließen. Im Gegenteil - Schmidt legte Wert darauf, daß das menschliche Dasein kein Kontinuum darstelle, sondern beständig Haken schlage und in Einzelaspekte zerspringe. Eben deshalb stecken Schmidts Texte auch voller Brüche und assoziativer Sprünge, an denen sich die Phantasie der Leser entzünden kann. Natürlich hängt diese ästhetisch höchst aufregende Splitter-technik mit dem Verzettelungsprinzip eng zusammen.
Die genaue Durchsicht der Karteizettel zeigt, daß Schmidt da sehr Unterschiedliches notierte. Einige Zettel sind beidseitig eng beschrieben und enthalten schon komplette Kleinstszenen oder Gedankenfolgen, die später kaum verändert in den Text eingehen. Typischer für Schmidt sind aber knappere Notate: Detailbeobachtungen, die er während der Fahrt zum Dümmer machte; sprachliche Wendungen, die er hörte; Ideen, die ihm vor Ort oder am Schreibtisch kamen. Schmidt war jemand, der beständig unter Strom stand und alles aufnahm, was um ihn herum geschah. "Und ich registrierte abwesend", schreibt er auf einen Zettel, und auf einem anderen notiert er, was da auf ihn einstürzt: "Gedanken von allen Seiten".
Schmidt interessierte sich so sehr für Details, weil er wußte, daß in ihnen mehr Welt, mehr Wirklichkeit enthalten ist als in pseudotiefsinnigen Allgemeinplätzen. "Die Ewigkeit ist nicht unser", beteuert er auf einem Zettel, "aber dieser Sommersee, dieser Nebelpriel, buntkarierte Schatten, der Wespenstich im Unterarm, die bedruckte Mirabellentüte, dieser lange Mädchenbauch!" All das mußte notiert werden, denn nicht nur der Teufel, sondern überhaupt alles Dasein steckt im Detail. "Ich glaube," notiert sich Schmidt, "an den Kleiderbügeln einer Familie kann man all ihre Wanderungen und Migrationen ablesen."
Durchaus spannend ist es, die einzelnen Karteizettel mit dem späteren Manuskript Schmidts oder auch mit der endgültigen Fassung der Erzählung zu vergleichen: wir schauen dem Autor bei seiner Arbeit über die Schulter. Natürlich bleibt auf dem Weg vom Zettel zum Text auch manches Detail auf der Strecke: Schmidts Votum für die neue Partei Gustav Heinemanns, der aus Protest gegen die Wiederaufrüstung die CDU verlassen hatte, fällt ebenso unter den Tisch wie eine sanfte Schmähung Radio Bremens - dies wäre übrigens die einzige Stelle in Schmidts Gesamtwerk gewesen, an der unser Sender vorkommt. Auch die recht avantgardistisch klingende Idee, Schulmädchengeschwätz und Vogelkundliches gegeneinander zu montieren, wird so nicht realisiert. Anderswo erleben wir Schmidt bei der sprachlichen Feinarbeit. Einmal schreibt er etwas vom "Dunst", streicht das Wort dann wieder, macht daraus erst "Dunstwelt", dann "Unterwelt" und "Dampfwelt", bis er auf die endgültige Lösung "Glasqualm" kommt.
Neben den hand- und maschinenschriftlichen Materialien enthält der Band auch 25 Fotos, die Schmidts am Dümmer schossen, sowie ausführliche Auszüge aus dem Tagebuch von Alice Schmidt. Diese Tagebuchexzerpte sind aufschlußreich, weil sie weitere Details zur Entstehung der Seelandschaft mit Pocahontas beitragen - beim aufmerksamen Lesen merken wir sogar, daß Schmidt auch dieses Tagebuch seiner Frau beklaute. Erschreckend ist allerdings das Bild von Schmidt als Person, das wir hier gewinnen müssen: an allem nörgelt er herum; "nie wieder reise ich", stöhnt er und kann sich noch nicht einmal an Frau Alices Geburtstag zusammenreißen.
Und ebenso erschreckend ist die Art und Weise, mit der Schmidt anschließend mehrere Verleger gegeneinander auszuspielen versucht, was freilich gründlich in die Hose geht. Am Ende steht Schmidt fast mit leeren Händen da und gibt in seiner egomanischen Art dafür den bösen Verlegern die Schuld. "Er habe den Schriftstellerberuf so satt", notiert Frau Alice: "Er wäre nie gern Schriftsteller gewesen. Den Beruf ganz an den Nagel hängen." Das hat er zum Glück dann doch nicht getan, und die göttlich-unchristliche Pocahontas ist nicht das letzte geblieben, was wir von ihm lesen können.

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Kurt Jauslin

Der magersüchtige Leviathan. Essen und Trinken im Werk Arno Schmidts – ein Versuch zur Mythologie des Alltagslebens

Wiesenbach: Bangert und Metzler 1998 (= Schriftenreihe der Gesellschaft der Arno Schmidt-Leser; Band 4)

Reviewed by Alexis Eideneier 
 
 
 

Originalbeitrag

Es lässt sich schwerlich übersehen, dass im Werk Arno Schmidts - besonders dem späten - ständig gegessen wird. So entstand die vorliegende Studie aus dem Verlangen eines Lesers, das imaginäre Kochbuch aus Schmidts Oeuvre zu extrahieren. Und weil Essen und Trinken als das Alltäglichste überhaupt gelten dürfen, reiht sich diese Untersuchung ein in eine Folge von Sekundärtexten über die literarische Verwandlung von Alltagsphänomenen bei Schmidt. 

Dass der literarische Alltag jenseits des Autoren-Alltags existiert und keinesfalls mit ihm identisch sein kann, ist eine Selbstverständlichkeit, die der Verfasser bei jeder Gelegenheit betont: Sogar Schmidt, der in proletarischer Kraftmeierei vor den Augen seiner Freunde Unmengen verschlingen konnte, hätte es innerhalb von 24 Stunden kaum geschafft, sich die Menge des in Zettel's Traum Verzehrten einzuverleiben. Trotzdem versteht Jauslin den Diskurs über das Essen als  „Verwandlungen des Autors in sein Werk“ (20). Um biografischen Wirklichkeiten nachzuspüren, lädt er gar dazu ein, das Werk als „Vermittlungsinstanz zur Person des Autors“ (70) zu lesen.

Erfreulicherweise bleiben die so angekündigten Rückschlüsse von Werk auf Autor jedoch weitgehend aus. Zu zersplittert, zu uneinheitlich ist das Werk, als dass es Wissen über den Autor vermitteln könnte. Stattdessen versammelt der Verfasser alle entscheidenden Stellen und stellt sie durch die Allegorie des magersüchtigen Leviathan einfallsreich in Beziehung zueinander. Das mythische Ungeheuer personifiziert hier ein zwanghaftes Weltprinzip des Fressens und Gefressenwerdens: Um am Leben zu bleiben, müssen wir essen. Aus diesem Gesetz ergibt sich eine permanente „Überwältigung des Drinnen durch das Draußen“ (19). Die Notwendigkeit des Essens ermächtigt die fremde Außenwelt, ein unversehrtes Einzelnes durch lebenslängliche Zwangsfütterungen zu vereinnahmen und zu verletzen. In diesem Sinne darf die Konstruktion des literarischen Alltags als fiktionale Trauerarbeit gelten, als Versuch der Auseinandersetzung mit dem bösen leviathanischen Weltprinzip.

Tatsächlich ist Schmidts vielbeschworene Abscheu vor dem Organischen jedoch nur ein Teilaspekt der im Titel angedeuteten Dialektik. Die Küche fungiert ja gerade als eine Werkstatt, die Natur genießbar macht und somit „das Organische zum Verschwinden bringt“ (188). Es gibt also neben dem negativ konnotierten Eindringen der Außenwelt in die Innenwelt auch ein epikurisches bis gefräßiges Durchdringen der Außenwelt durch die Innenwelt.

Das Bestreben, eine Harmonie zwischen dem Esser und der Welt herzustellen, ist gleichwohl zum Scheitern verurteilt. Denn es zeigt sich, dass Fress- und Magersucht auf ein und demselben Antrieb gründen: Das Subjekt versucht vergeblich, seine Unabhängigkeit von den mächtigen Normen des leviathanischen Prinzips zu erlangen -- und entwickelt sich darob entweder zum Vielfraß oder zum Hungerkünstler. Aber durch ihren selbstzerstörerischen Charakter verhelfen weder Völlerei noch Anorexie zu dauerhaftem Einklang mit der Welt. Einen Ausweg bietet die Kunst: Die literarische Kochkunst besteht aus fiktionalen Projektionen statt realen Zutaten und braucht daher nicht im wörtlichen Sinne gegessen zu werden. In der Lektüre darf man ungebremst schlemmen und muss doch nichts zu sich nehmen. Solcherart ermöglicht das Lesen eine alternative Weltaneignung, der Wörter und Vorstellungen als „Lebensmittel“ dienen.

Aus dem differenzierten Bedeutungsspielraum, den Schmidts imaginäres Kochbuch zwischen Gier und Ekel eröffnet, resultiert für den Verfasser ein hermeneutisches Dilemma: Mal wird bei Schmidt die Klage über das Essenmüssen angestimmt, dann wieder (besonders in Notsituationen der Nachkriegszeit) der Freude auf das Essendürfen Ausdruck verliehen. Essen kann „Zwangsverrichtung“ oder „ästhetisches Ereignis“ sein (103). 

Natürlich haben im Reich des Imaginären auch Gegensätze unvermittelt Platz nebeneinander oder bedingen sich gar wechselseitig. Der Motivkreis Essen und Trinken ist als semantisierte Alltagswelt Teil einer umfassenden fiktionalen Bedeutungsstruktur, die von Jauslin zwar als vorhanden diagnostiziert, jedoch nicht vertiefend untersucht wird. So besteht der Nachteil dieser Arbeit darin, dass sie sich zwar als „Versuch zur Mythologie des Alltagslebens“ versteht, aber selbst an zentralen Einzelstellen keine Deutung des Mythos wagt. Angesichts widersprüchlicher Befunde lässt sie Erkenntnisansprüche pauschal untergehen und will überhaupt „in keinem germanistischen oder sonstigen Verständnis Interpretation“ (11) sein.

Stattdessen erlaubt sie sich ausführliche (und durchaus anregende) Plaudereien über themenbezogene Ausführungen bei Benjamin, Deleuze, Hegel, Kant, Lévi-Strauss, Montaigne, Nietzsche, Rousseau, Schopenhauer und anderen, die jedoch in kein direktes Verhältnis zu Schmidts Werk gebracht werden. Respektabel, aber auf befremdliche Weise deplatziert wirkt eine weltanschauliche Darlegung über die Zusammenhänge von Globalisierung, neoliberalem Kapitalismus und Welthunger (12f.).

Gerade die titelgebende Dialektik von Ekel und Gier hätte jedoch eine ausführlichere Betrachtung verdient. Um die komplexen mythischen Bedeutungsschichten zu verstehen, die der Themenkreis Essen und Trinken in Schmidts Werk hinterlassen hat, müsste die erzähltechnische Funktion innerhalb der jeweiligen Texte individuell untersucht und eingehend  interpretiert werden. So besticht diese Arbeit lediglich durch eine gelungene Problematisierung, die unfreiwillig zu weiterführenden Deutungen einlaedt.

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Jörg Drews / Doris Plöschberger (Hg.) 

„Des Dichters Aug' in feinem Wahnwitz rollend ...“. Dokumente und Studien zu „Zettel's Traum“

München: Edition Text + Kritik 2001 (= Bargfelder Bote; Sonderlieferung).

Reviewed by Alexis Eideneier 
 
 

Originalbeitrag

Kaum eine Rezeptionsgeschichte veranschaulicht das Problem des hermeneutischen Zirkels so trefflich wie die von „Zettel's Traum“: Das Einzelne lässt sich nur aus dem Ganzen, das Ganze nur als Summe des Einzelnen verstehen und interpretieren. Aus diesem Umstand ergibt sich unweigerlich ein Dilemma für die „Zettel's Traum“-Forschung. Wer sich in die Tiefe der Einzelstellen-Dechiffrierung begibt, dem fällt ein Rückbezug auf das monumentale Ganze in aller Regel schwer. Wer Überblick verschaffen und Lesehilfen geben will, muss notgedrungen selbst zentrale Einzelstellen ausklammern.

So nimmt es nicht wunder, dass „Zettel's Traum“ über 30 Jahre nach Erscheinen noch immer einer zusammenhängenden Deutung harrt. Es fehlen umfassende Interpretationen zu Zeit und Raum, zur Figurenkonstellation, zur Psychografie Edgar Poes und den sonstigen Theorien, die Schmidt seinem Großbuch zu Grunde gelegt hat.

Angesichts dieses Befunds ist es nicht vermessen, der Schmidt-Forschung in Sachen „Zettel's Traum“ eine Scheu vor übergreifender Theoriebildung zu attestieren. Obwohl der „Bargfelder Bote“ im Laufe der Jahre eine Reihe von punktuellen Entschlüsselungen geliefert hat und auch sonst einiges an Sekundärtexten erschienen ist, stehen die Bemühungen der Interpreten in einem grotesken Missverhältnis zum manischen Aufwand, den Schmidt jahrelang um „Zettel's Traum“ betrieben hat.

Zudem warten alle Bücherfreunde, in deren Regalen das Typoskript ungelesen vor sich hin staubt, auf eine Art Fortsetzung zu Schmidts „Vorläufiges zu Zettel's Traum“ aus Lesersicht. Ein solcher (bislang imaginärer) Band könnte lektürebegleitend als kompaktes Nachschlagewerk dienen: Grundlinien der Handlung, Charakterisierungen der Protagonisten, eine Liste spezifischer Themen und Einsichten, ein Glossar zu Schmidts Privatsprache, Beobachtungen zur Erzählstrategie und zur ungewöhnlichen Ästhetik des Werks wären als Leseanreiz wünschenswert. Doch eine derartige Hilfestellung existiert ebenso wenig wie eine konsistente Deutung von „Zettel's Traum“, die Jörg Drews' vorbildliche Interpretation der ersten Seite dieses Großbuchs (ZT 4) fortsetzt.

Dass „Zettel's Traum“ das „Stiefkind der Schmidt-Forschung“ ist, wissen auch die Beiträger des von Jörg Drews und Doris Plöschberger herausgegebenen Sammelbands „Des Dichters Aug' in feinem Wahnwitz rollend ...“ (S. 221). In ihren Beiträgen wagen sie eine erneute Annäherung an das Buch der Superlative – mit verschiedener Interessenlage und verschiedenen methodischen Vehikeln.

In der ersten Hälfte ist das Buch als Materialienband angelegt. Durch den erstmals veröffentlichten Briefwechsel zwischen Arno und Alice Schmidt einerseits und Ernst Krawehl andererseits erfährt der Leser von der selbstzerstörerischen Anstrengung, die das Riesenwerk „Zettel's Traum“ über Jahre hinweg gekostet hat.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der ausführlichen Dokumentation eines literatursoziologischen Krimis namens Raubdruck. Dass die Raubdrucker Schmidts Werk dienen wollten, indem sie es auch minder bemittelten Lesern zugänglich machten („un grand bien pour un petit mal“), wurde vom Mitherausgeber Jörg Drews schon seinerzeit als soziale Tat gerühmt. Und auch in diesem Band macht er aus seiner Duz-Freundschaft zum Raubdrucker Rainer Pretzell keinen Hehl. Jörn Ebeling, der einst als Mittelsmann von den Raubdruckern an Schmidts Gartentor geschickt wurde, schreibt heute elaborierte Plauderbriefe an Drews. Trotzdem kann bei dieser Dokumentation nicht von einer einseitigen Parteinahme gesprochen werden. Im hier veröffentlichten SPIEGEL-Interview mit Gunar Ortlepp etwa hat Arno Schmidt reichlich Gelegenheit, gegen den Raubdruck zu wettern. Ebenso reproduziert ist die einstige Pressemitteilung des Stahlberg-Verlags gegen die Raubdrucker. Und selbst der von Pretzell als „Schlitzohr“ titulierte Gerd Haffmans darf sich gegen den Vorwurf wehren, er habe für die Veröffentlichung der „Julia“ Zuschüsse kassiert. Mit anderen Worten: Das heiße Thema Raubdruck, über das offenbar auch heute noch nicht alles gesagt werden darf (vgl. S. 54), wird hier gründlich und von allen Seiten beleuchtet.

Auf ganz andere Weise mit der Verbreitung von „Zettel's Traum“ befasst sind der Setzer Friedrich Forssmann und der Übersetzer Claude Riehl. Ob der Komplexität des literarischen Monolithen kaum weniger gebeutelt als der Autor selbst, dürfen sie in ihren jeweiligen Werkstattberichten ausgedehnt seufzen. So skizziert Forssmann seine von typografischen Laien ungeahnten Nöte beim Satz von „Zettel's Traum“ (wie schon in etlichen Vorträgen landauf, landab sowie zahlreichen Aufsätzen und Zwischenberichten an jeder nur denkbaren Stelle). Claude Riehl berichtet von der Schwierigkeit, einen Schmidtschen Sound im Französischen zu kreieren und dem Versuch, seine VerschreibKunst an Raymond Queneau zu schulen.

Der zweite Teil schließlich versammelt eine Reihe von ausnahmslos kenntnisreichen Aufsätzen, die teils Zwischenbilanzen der bisherigen Forschung ziehen, teils anregende Bereicherungen darstellen. Die meisten Studien setzen die Lektüre von Zettel's Traum allerdings voraus und wären auch als reguläre Beiträge zum „Bargfelder Boten“ denkbar. Deutlich wird dies schon beim ersten Text: In einer Reihe von glänzenden Einzelstelleninterpretationen widmet sich Rudi Schweikert hier dem Randphänomen des Pygmalionismus in „Zettel's Traum“. Ein blendend gescheiter Essay für fortgeschrittene Schmidt-Experten – für Anfänger wohl nicht mehr als die Bestätigung des Vorurteils, bei „Zettel's Traum“ handele es sich um einen hermetischen Wälzer für eine elitäre Lesergemeinde.

Als Einführung brauchbarer sind da Uwe Schwagmeiers Betrachtungen zum Ort der Handlung sowie zur Zeugung der Kulisse, Robert Weningers Gedanken zu zeitlichen Ungereimtheiten und hermeneutischer Geometrie sowie Guido Grafs Ansichten der Kindsbraut Franziska. Trotz einschüchternder Materialfülle gelingt es allen drei Texten mit beispielhafter Abstraktionskraft, allgemeingültige Aussagen zum jeweiligen Gegenstand zu treffen. Geht es hier noch um Topografie und Chronologie der realen Handlung, so befassen sich drei weitere Beiträge mit deren Außerkraftsetzung in Verwandlungen, Maskeradenspielen und Geistergeschichten.

Doris Plöschberger, Sabine Kyora und Jan-Frederik Bandel behandeln die Wechselbeziehungen zwischen Wirklichkeit und Phantasmagorie vor allem anhand der zentralen „Bullenkuhle“-Passage sowie einigen weiteren Stellen. Bandel verfolgt das Treiben der Elementargeister in Schmidts Gesamtwerk von „Das Haus in der Holetschkagasse“ bis „Abend mit Goldrand“. Kyora betrachtet Masken, Kulissen und Kostüme unter dem Aspekt literarischer Gattungen, Plöschberger stellt die märchenhaften Verwandlungen in mythologische Zusammenhänge. Auch wenn der Walpurgis-Spuk in „Zettel's Traum“ gewiss ausreichend Stoff für mehrere Seminare und Symposien böte: Es überrascht, dass sich drei von neun Autoren diesem Thema widmen und dafür andere zentrale Textmerkmale unbeachtet bleiben.

Im vorletzten Beitrag untersucht Friedhelm Rathjen in einer Art Hitliste die Quellen der literarischen Moderne, in deren Spuren Schmidt unbestreitbar wandelt. Gregor Strick zeigt schließlich, welche Rolle das Kultbuch „Zettel's Traum“ in Schmidts „Schule der Atheisten“ spielt. Der Sammelband endet mit Stricks pessimistischer Einschätzung, dass „Zettel's Traum“, „das wohl ungelesenste und unerforschteste Hauptwerk der deutschen Literatur“, auch fortan „ein gut behütetes Dasein in diversen Regalen und Schränken führen“ wird (S. 293). Diese Prognose steht in krassem Widerspruch zur anfänglich geäußerten Hoffnung der Herausgeber, mit dieser Aufsatzsammlung eine „intensivere Arbeit an Zettel's Traum in der Zukunft auszulösen“ (S. 7). Wer Recht hat, wird sich zeigen.

Zwar ist dieser Sammelband kein kompaktes Nachschlagewerk, das bei der Lektüre von „Zettel's Traum“ den Überblick des Lesers wahrt; dafuer versammelt er sorgfältig recherchierte und intelligente Aufsätze von Spezialisten für Spezialisten. Gerade deshalb dürfte diese hilfreiche Neuerscheinung selbst Laien motivieren, das schwere, staubige Großbuch erneut aus dem Regal zu wuchten.

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Heinrich Schwier

Lore, Grete & Schmidt. Ein kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman “Brand's Haide”

München: edition text + kritik, 2000

Reviewed by Timm Menke
 
 

Originalbeitrag

Schon ein kursorischer Blick auf die Schmidt-Sekundärliteratur zeigt dem erstaunten Forscher, wie wenig doch bislang über Brand's Haide gearbeitet worden ist. Es liegt bislang auch nicht eine einzige ausschließlich diesem Schlüsselroman gewidmete Monographie vor, und Weningers Bibliographie zur Forschung verzeichnet lediglich eine Handvoll von Aufsätzen zu diesem Werk. Dieser Zustand mutet um so verwunderlicher an, als doch führende Schmidt-Kenner das Buch immer wieder lobend hervorheben. John Woods, Schmidts amerikanischer Meisterübersetzer, hält es sogar für dessen bestes, und Jan Philipp Reemtsma sprach in seinem Vortrag bei der Konferenz in Portland im Herbst 2000 von Brand's Haide als einem der drei Werkgipfel Schmidts (zusammen mit Kaff auch Mare Crisium und Abend mit Goldrand). Die Beschäftigung mit diesem Werk des “zweiten Programms Schmidts” (Reemtsma) müßte eigentlich einen zügigen Aufschwung nehmen, liegt doch nun mit Lore, Grete & Schmidt ein Handbuch zum Roman vor, das der Forschung die Mittel zu einer intensiveren Arbeit bereitstellt. Endlich hat sich jemand der großen Mühe 
unterzogen, den mit knapp 100 Druckseiten zwar recht schmalen, aber dennoch mit unzähligen Zitaten, Anspielungen, Namen und Daten dick durchsetzten Roman genau zu kommentieren und zu erläutern. 

Konzeptionell verfährt Schwier ähnlich die wie Autoren der bislang bei der edition text + kritik vorliegenden Handbücher zu Werken von Schmidt, konzentriert sich im Detail freilich eher an den Arbeiten von Kuhn (Faun) und Rosenberg (Schule der Atheisten ) als an den Büchern von Meyer (Kosmas) und Huerkamp (Das steinerne Herz), die beide auch längere essayistische Anteile enthalten.

Schwier hat gründlich und gewissenhaft gearbeitet. Auf nahezu 300 Seiten liefert er ca. 1000 Namens- und Sacherklärungen, die oft über Einzelstellungenexplikationen hinausgehen und in interpretatorische Anfänge münden, ein Verfahren, das bereits Dieter Kuhn im Handbuch zum Faun anwendet, bei dessen Redaktion Schwier mit beteiligt war. Ebenfalls vom Faun-Handbuch wird die – sehr hilfreiche – Praxis der zahlreichen Querverweise zu anderen Werken Schmidts übernommen.

Den Verfassern von Handbüchern zu Werken von Schmidt stellt sich bei der Fülle des Materials prinzipiell immer das Auswahlproblem. So auch hier, und Schwier entscheidet sich sich für weitere Parameter; das soll heißen, er nimmt auch Erklärungen auf, die einem – wenn es ihn denn gibt – “durchschnittlichen” Schmidt-Leser wohl bereits geläufig sind; z.B.: was das Französische "fermez la porte" bedeutet (S.57), eine Erläuterung, was Tippelbrüder seien (S.151); auch was die Währungsreform war (S.55), dürfte eigentlich bekannt sein. Andererseits entgeht Schwier damit der Gefahr einer zu großen Verengung seines 
Erklärungsfeldes, was ihm den Vorwurf der Oberflächlichkeit eingetragen haben könnte. Im Gegenteil: seine Erläuterungen zeugen von nahezu kärrnerischer Klein- und Fleißarbeit. Dafür gebührt ihm großer Dank, der ebenfalls in die Richtung von Jörg Drews für die Aufnahme dieses längst überfalligen Bands in die Reihe der Sonderlieferungen zum Bargfelder Boten geht. 

Wie akribisch Schwier gearbeitet hat, zeigt ein kurzer statischer Überblick: Er hat Zitate von und Anspielungen auf ca. 200 Personen belegen können, von denen viele mehrfach erwähnt werden. An erster Stelle, und das ist kaum verwunderlich, steht Fouqué, denn der Ich-Erzähler in Brand's Haide recherchiert ja dessen Biographie. Aufschlußreich ist, wie zahlreich Autoren der deutschen Klassik und Romantik vertreten sind: E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Ludwig Tieck, Stifter, Wieland, Goethe. Im Verein mit den zahlreichen Querverweisen auf Schmidts Juvenilia bestätigen die versteckte Zitate dieser Autoren einmal, wie ernst es Schmidt mit seiner nach dem Krieg zerbrochenen literarischen Idealwelt der ersten Schaffensphase war, und zum anderen, wie sehr Brand's Haide wie viele der anderen literarischen Arbeiten Schmidts ein gewaltiges Zitaten-Gebäude ist, bestehend aus Literatur als Baumaterial. Diese intentionale Intertextualität, dieses Paradoxon sei einmal erlaubt, ist nun freilich nie Selbstzweck, sondern ein künstlerisches Verfahren Schmidts, der mit den Bausteinen, dem Mörtel, und dem Zement dieser Zitatenwelt ein neues, autonomes literarisches Werk mit einer unverwechselbaren eigenen modernen Struktur und Aussage schafft. Die Werke Schmidts sind von daher auch nur scheinbar epigonal, sondern recht eigentlich neue kontemporäre poetische Leistungen.

Die Aufgabe einer umfassenden Interpretation von Brand's Haide unter Berücksichtigung ästhetischer, biographischer, werk- und zeitgeschichtliche Bezüge bleibt bestehen, der vorliegende Band will und kann eine solche Interpretation des Romans nicht leisten. Die Vorarbeit dafür jedenfalls hat Schwier bravurös erledigt.

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Michael Manko

Die „Roten Fäden“ in Zettel's Traum. Literarische Quellen und ihre Verarbeitung in Arno Schmidts Meisterwerk. 

Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2001 (zugleich Dissertation Universität Dortmund 2000)
380 Seiten, 78 DM, ISBN 3-89528-320-7

Reviewed by Alexis Eideneier
 
 
 
 

Erstveröffentlichung bei www.literaturkritik.de

Eine schmale Schneise im Dickicht
Michael Mankos fleißige Annäherung an „Zettel's Traum“

Arno Schmidt hat nur wenigen Lesern zugetraut, „Zettel's Traum“ verstehen zu können. Denn dieses komplexe Monument der deutschen Nachkriegsliteratur erfordert nicht nur eine beinahe übermenschliche Geduld, sondern auch einen immensen Bildungseifer. Zu breit gestreut die Anspielungen, zu weit gefächert der literarische Kanon, den dieses Riesenwerk voraussetzt. Hier verlieren selbst ambitionierte Leser früher oder später den Faden.

Wie praktisch also, könnte man denken, dass es jetzt mit Michael Mankos Dortmunder Dissertation ein neues Hilfsmittel gibt, das den „roten Fäden“ in „Zettel's Traum“ folgt und somit eine Schneise durch das Dickicht des Großbuchs bahnt. Um diesem Missverständnis unverzüglich vorzubeugen, müssen an dieser Stelle gleich zwei Einschränkungen gemacht werden: Unter „roten Fäden“ versteht Manko keine Leitmotivik im herkömmlichen Sinne, sondern ausschließlich literarische Quellen. Aber auch über die verschafft sein Buch keinen umfassenden Überblick. Die mit Abstand wichtigste Quelle etwa, das Werk Edgar Poes, kommt überhaupt nicht vor – und das schon aus Platzgründen. 

Statt dessen behandelt diese Studie Dramen und Motivkreise, die Arno Schmidt in einem Interview einmal eher beiläufig als „rote Fäden“ von „Zettel's Traum“ bezeichnet hat: Shakespeares Sommernachtstraum, Offenbachs Bühnenwerke, Goethes Faust, den Merlin-Stoff und das Pygmalion-Motiv. Manko dokumentiert und dechiffriert die Verarbeitung dieser Quellen in einer anerkennenswerten Fleißarbeit, die ohne eine profunde Kenntnis von „Zettel's Traum“ und der zugrunde liegenden Texte nicht zu leisten gewesen wäre. Dabei integriert er zahlreiche Forschungsergebnisse der letzten 30 Jahre und voller Stolz auch immer wieder eigene Vorarbeiten.

Um die strukturbildende Funktion der „roten Fäden“ nachzuweisen, setzt sich diese Studie zunächst produktiv mit der bisherigen Zitatforschung innerhalb der Schmidt-Philologie auseinander. Dabei widerspricht sie allen Ansätzen, die Schmidt eines „Zitatismus“ bezichtigen. Schmidt hat, so Mankos überzeugende These, literarisches Material bewusst als Stilmittel verwendet – ob als bloßen Beleg, als erläuternde Anspielung oder klingende Wortmünze im Dienste polyhistorischen Bildungsprunks. Dass die „roten Fäden“ in „Zettel's Traum“ tatsächlich als Bildungsprinzip fungieren, zeigt Manko, indem er ausgewählte literarische Fundstellen durch thematische Parallelen als zusammengehörig erscheinen lässt. Der ausführliche Anhang versammelt Fundstellenerläuterungen systematisch nach Art eines Handbuchs und wird sich künftiger Forschung zweifelsohne als nützlich erweisen. 

Weil „Zettel's Traum“ in vielfältiger Weise auf anderen Texten fußt, bedient sich die vorliegende Untersuchung im weiteren der Hypertextualitätstheorie Gérard Genettes. Für Genette liegt eine Beziehung zwischen einem Hypertext (hier „Zettel's Traum“) und einem Hypotext (hier die „roten Fäden“ als Ursprungstexte) vor, wenn der Hypertext vom Hypotext durch eine literarische Transformation abgeleitet ist. Manko zeigt innovative Verarbeitungstechniken auf, die es zulassen, „Zettel's Traum“ als Parodie (Bedeutungsänderung durch minimale Transformation), als Travestie (stilistisch herabsetzende Transformation) und als Pastiche (ohne satirische Absicht unternommene Stil-Nachahmung) zu bezeichnen.

So weit darf man Mankos Sekundärtext getrost als solide Grundlagenforschung bewerten. Fragwürdig wird diese Arbeit jedoch, wenn der Verfasser „Zettel's Traum“ gleich mehrfach als Künstlerroman bezeichnet, ohne dies je hinreichend zu begründen. Nur weil Schmidts „rote Fäden“ Aspekte des Künstlers behandeln,  soll „Zettel's Traum“ in der Tradition der Genieästhetik von Heinses „Ardinghello“ oder Novalis' „Heinrich von Ofterdingen“ stehen? Nein, so Manko einschränkend, „Zettel's Traum“ zeige nicht das Werden eines Künstlers, sondern den Künstler „auf dem Höhepunkt seiner Schaffensfähigkeit“. Mehr noch: Weil Daniel Pagenstecher als Schmidts Alter Ego zu betrachten sei, handle es sich bei „Zettel's Traum“ um einen biografischen Künstlerroman (S. 161).

Mit derlei Glaubenssätzen gesellt sich der Verfasser zu zahlreichen Schmidt-Interpreten, die sich schon seit vielen Jahren um die Rekonstruktion einer Autor-Intention bemühen. Manko unterstellt den literarischen Quellen etwa eine „Abbildfunktion für Schmidts Persönlichkeit“ (S. 28); er behauptet, Schmidt formuliere in den Faust-Zitaten des III. Buches eine Satire auf seinen eigenen Alltag (S. 62); und er erklärt schließlich,  „Schmidt wollte mit Zettel's Traum einen Künstlerroman schreiben und stellte sich daher selbst und seine tragenden Vorstellungen dar“ (S. 143).

Dass der empirische Autor trotz einer scheinbaren Nähe von Biografie und Fiktion uneinholbar ist, scheint dem Verfasser fremd zu sein. Sich von Schmidts hermeneutischen Vorgaben zu emanzipieren und eine eigenständige Deutung von „Zettel's Traum“ zu wagen, versucht Manko daher gar nicht erst. Wenn Schmidt von „roten Fäden“ spricht, dann untersucht Manko diese und fahndet nicht etwa nach anderen. Durch diese Beschränkung auf ein vom Autor autorisiertes Lesemodell lässt die Studie zwangsläufig viele relevante Textmerkmale außer acht. Die untersuchten Quellen gehören unbestritten zur Struktur von „Zettel's Traum“, sind aber nicht allein konstituierend. Weil Manko lediglich den von Schmidt vorgegebenen Pfad beschreitet, bleibt nach umfangreicher Analyse als Fazit nur die wenig originelle Bestätigung von Schmidts Aussage, dass „Zettel's Traum“ durch literarische Quellen inhaltlich konstituiert wird (S. 192). Das hätten wir aber auch ohne Mankos Buch geahnt.

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Stefan Voigt

In der Auflösung begriffen. Erkenntnismodelle in Arno Schmidts Spätwerk

Aisthesis Verlag, Bielefeld 1999. (Zugleich Dissertation Freie Universität Berlin 1997.)
325 Seiten, 48 DM.  ISBN 3-89528-239-1

Reviewed by Alexis Eideneier
 
 
 

Erstveröffentlichung bei www.literaturkritik.de

Täuschung, Lüge, Illusion. Stefan Voigt untersucht die Welterfahrung im Spätwerk Arno Schmidts

Dass Dichter lügen, wissen wir spätestens seit Platon. In seiner ebenso anregenden wie wohl fundierten Berliner Dissertation beweist Stefan Voigt, dass auch der späte Arno Schmidt ein Meister im Schwindeln war. Der Verfasser erweist sich dabei als ein ausgezeichneter Schmidt-Kenner, der zudem literaturtheoretisch versiert ist: ein seltener, ein glücklicher Fall.

Mit dem Gesichtspunkt der Weltwahrnehmung und Welterschließung untersucht die vorliegende Arbeit einen zentralen Aspekt, der in der bisherigen Forschung kaum Beachtung gefunden hat. Weil es weder „richtige“ noch „falsche“ Interpretationen geben kann, wendet sich Voigt zunächst gegen den üblich gewordenen „Fanatismus“ einsinnigen Dechiffrierens (S. xii) und widmet sich stattdessen dem Kunstwerkcharakter fiktionaler Texte. Die Befreiung von interpretatorischen Vorgaben ermöglicht ihm einen unvoreingenommenen Blick auf Schmidts Spätwerk, der bislang übergangene Strukturmerkmale aufspürt.

Unter dem Titel „Selbstexplikation als Textstrategie“ vollzieht das wegweisende erste Kapitel einen radikalen Bruch mit einer Tradition der Schmidt-Forschung. Die Misere, so Voigt, ist bereits in Schmidts Texten angelegt. Denn die erklären sich scheinbar von selbst, indem sie durch zahlreiche Hilfen zu einer vorschnellen Deutung animieren. Zudem stehen die Ausführungen in Schmidts programmatischen Texten in engem Zusammenhang mit der Umsetzung in seinen fiktionalen Werken. Aus dieser Textstrategie der „Lesergängelung“ (S. 27) resultieren naive Lesemodelle, die entweder auf der Suche nach dem empirischen Autor biografisch vorgehen oder einem selbstexplikativen Rückkopplungsmechanismus unterliegen: So beschränkt sich ein Großteil vorhandener Sekundärliteratur auf die von Schmidt ausdrücklich thematisierten Textelemente und überführt die begrifflichen Prämissen des Meisters kritiklos in pseudowissenschaftliche Argumentationen. Derartigen Zirkelschluss-Kritiken entgehen notwendigerweise Brüche und Leerstellen der Erzählfiktion. Daher empfiehlt Stefan Voigt künftigen Deutungen eine Loslösung von der Selbstexplikation in Form einer weniger autortreuen Lektüre. Die vorliegende Studie beweist in mutiger Konsequenz, dass eine souveräne Emanzipation von den Handreichungen des Autors sehr wohl möglich ist. 

Lässt sich die Welt in Schmidts Frühwerk noch unverfälscht abbilden und präzise vermessen, so ist diese Art des authentisches Schreiben im Spätwerk unmöglich geworden. Inzwischen haben der allgemeine Kulturverfall, die Macht der Medien und die Bedrohung durch eine atomare Apokalypse derart zugenommen, dass die Welt in der Auflösung begriffen ist, ja sich einer konformen Wiedergabe regelrecht entzieht. Deshalb werden Wirklichkeiten im Spätwerk nicht mehr reproduziert, sondern konstruiert. An die Stelle der bürokratischen Landvermesser, der exakt kalkulierenden Astronomen und der pedantischen Beamten des Frühwerks treten nun Lügner, Zauberer, Gaukler und Märchenerzähler. Es werden nicht mehr Tatsachen abgebildet, sondern falsche Tatsachen vorgespiegelt.

Wie der Verfasser nachweist, überlagern sich in „Zettel's Traum“ noch beide Wahrnehmungsmodelle: Daniel Pagenstechers scheinbar naturwissenschaftliches Weltbild ist in Wahrheit illusionistisch. In den folgenden Typoskripten dominiert eindeutig der Weltverlust, die Realität entwickelt sich zum Gegensatz der eigenen Wahrnehmung. Mythen, Maskeraden, Träume und Utopien gewinnen als alternative Wirklichkeiten an Bedeutung und werden schließlich allein bestimmend. Ob in Kolderups Lügengebäuden in „Die Schule der Atheisten“, ob in den Wolkenreichen von „Abend mit Goldrand“ oder in den Gemäldewelten der „Julia“: Voigt zeigt, dass Arno Schmidts Spätwerk als eine „literarische Version der Wahrnehmungstheorie des radikalen Konstruktivismus“ gelten darf (S. 248). Demzufolge ist dem Realismusverständnis jegliche Authentizität abhanden gekommen. Was wir Wirklichkeit nennen, ist in Wahrheit ein neurophysiologisches Konstrukt, das stark vom jeweiligen Subjekt abhängig ist.

So überzeugend und einleuchtend diese These im Hinblick auf Schmidts Spätwerk ist, so interessant wäre eine Untersuchung der Welterfahrung in den (zumindest größtenteils) realitätsabgewandten Texten seines frühen und mittleren Werks gewesen: Schwarze Spiegel, Tina oder über die Unsterblichkeit, Goethe und einer seiner Bewunderer, Die Gelehrtenrepublik, Kaff auch Mare Crisium. Dass Schmidt bereits in diesen und einigen anderen Werken den Boden der Tatsachen verlassen hat, klammert Voigt in seiner Dissertation aus. Dabei wäre die Frage, worin sich das Geflunker des frühen von dem des mittleren und dem des späten Werks unterscheidet, im Zusammenhang dieser Arbeit durchaus interessant gewesen. Denn der Realitätsverlust in der Prosa Arno Schmidts hat sich nicht unbedingt streng linear vollzogen. Zwischen naturgetreuer Abbildung einerseits und illusionistischen Traumtänzen andererseits liegen bei Schmidt zahlreiche Schattierungen von realistischer Fantastik und fantastischem Realismus. Aufgrund ihrer eigenständigen, originellen Interpretation des Spätwerks und ihres entschlossenen Abschieds von autorgeleiteten Lesemodellen ist diese verdienstvolle Studie trotzdem unverzichtbar für alle, die sich ernsthaft mit Schmidts Werk beschäftigen wollen. 

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Der Prosapionier als Letzter Dichter. Acht Vorträge zu Arno Schmidt

Herausgegeben von Timm Menke und Robert Weninger

Hefte zur Forschung, Band 6. Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 2001

Reviewed by Jan Süselbeck
 
 
 

Originalbeitrag

Der letzte Dichter

Der sechste Band der Hefte zur Forschung der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld vereint acht Vorträge, die auf der Zweiten Internationalen Arno Schmidt-Konferenz im September 2000 in Portland/USA gehalten wurden.

Auch diejenigen, die nicht die Mittel hatten, im vergangenen Jahr in die Staaten zu reisen, um internationale Neuigkeiten aus der Schmidtforschung zu vernehmen, haben nun die Möglichkeit, zumindest ausgewählte Teile des dort Dargebotenen nachträglich zu beurteilen. Auffällig ist es allerdings, daß die hier zur Veröffentlichung ausgewählten Vorträge größtenteils von hinlänglich bekannten Schmidtforschern aus dem Dunstkreis der Stiftung stammen. Es bleibt zu hoffen, daß die Bemerkung im Vorwort des Sammelbandes, eine “Reihe der hier nicht zum Abdruck gekommenen Vorträge in Portland” solle “an anderer Stelle erfolgen, was die Herausgeber nachdrücklich begrüßen” [S. 5] auch eingelöst wird: Was die Tagung sonst noch an möglicherweise wichtigen Erkenntnissen brachte, muß für den nachträglichen Interessenten jedenfalls vorerst dahingestellt bleiben.

Den Beginn der Auswahl macht Jan Philipp Reemtsma mit keinem geringeren Thema als “Arno Schmidts poetischer Sendung”. Die These: Schmidt entwarf sich selbst als letzten Dichter. Da das Programm der eskapistischen aufzählerischen Fortschreibung von Tradition in Schmidts Juvenilia gescheitert war, folgte nach 1945 ein paradoxes Spiel der Bewahrung von literarischer Tradition in der Avantgarde. Reemtsma faßt im Telegrammstil zusammen: “Außenseite des Programms: »Der letzte Dichter«; Innenseite: Neufassung der Juvenilia. Die Außenseite wirkt auf die Innenseite. Das Paradox von Tradition und Avantgarde fordert über seine Zerstörung von Naivität die Erfindung einer neuen Schreibweise […]” [S. 23]. Das verlangte aus Schmidts Perspektive auch einen vollkommen neuen Literaturkanon ohne die zentrale Gestalt Goethes und eine, wie Reemtsma es in Bezug auf Kaff auch Mare Crisium nennt, Unterlaufung der außer Konkurrenz schwebenden Leistungen eines James Joyce: “Schmidt nimmt seinen Kampf mit dem Autor auf, von dem er, als er ihn zur Kenntnis nimmt, argwöhnt, er halte den Programmplatz des “letzten Dichters” bereits besetzt, weil er mit seinen Prosaexperimenten die Reihe des Möglichen bereits abgeschlossen habe […]. Das gelingt in Kaff auf so wunderbare Weise, weil Schmidt, anders als später dann, den Anspruch sozusagen unterläuft” [S. 21]. Ganz schön tricky – im Fußball wäre das allerdings ein Foul, vielleicht sogar ein verstecktes: “Den Phantasie-Thron des größten Dichters räumt [Schmidt], um den des letzten behalten zu können. Darum muß er Finnegans Wake angreifen und kann den Ulysses (fast) ungehudelt lassen. Aus dieser Konkurrenz entlassen, kann er mit seinem Pfund frei wuchern und tut es mit größtem Gewinn. Er sagt es nicht blank heraus, aber Kaff ist sein Anti-Ulysses” [Ebd.]. Ob das Tor, das Schmidt beim Unterlaufen des literarischen Jahrhundert-Tormannes Joyce geschossen haben soll, nun zählt oder nicht: Drei Punkte hat er jedenfalls bei Reemtsma allemal gut, und die heißen als “Werkgipfel”: Brand´s Haide, Kaff und – Abend mit Goldrand. Eine interessante Auswahl.

Bettina Clausen sucht Schmidts letzten Weg des Entkommens – und findet ihn in der Existenz textintern. Clausen meint das ernst: “Erzähltheoretisch ist die Annahme einer solch gelingenden Durchdringung prekär. Denn literarische Fiktion und Realität, so vollkommen eine die andere auch abzubilden vermag, sind kategorial inkompatibel, und ich würde die Erschütterbarkeit dieses narratologischen Grundgesetzes auch nicht in Erwägung gezogen haben, handelte es sich nicht um einen singulären Spezialfall, um eben das Lebens-Werk Arno Schmidts, dem stets um Aufhebung dieser Grenzen zu tun war” [S. 34]. Donnerwetter! Laut Clausen schaffte Schmidt das, was ihm in den Juvenilia noch mißlang, später über die immer komplexere Organisation von Erzählerperspektiven und Tempiwechseln: Mit Beispielen aus Brand´s Haide und dem Leben eines Fauns beginnt sie ihre Spurensuche, um dann zuletzt im Spätwerk die Vollendung des telos einer textinternen Autorexistenz zu finden. Letzte Zweifel kann die Autorin freilich nicht ausräumen: “Mag sein, daß hier [in Schmidts letztem Fragment Julia, J.S.] nur für mein Gehör (aber es gäb Beispiele mehr) die Plastizität einer fast in figura redenden Individualität [des Autors im Text, J.S.] erreicht wird” [S. 46]. Die genauere Untersuchung der wechselnden und komplexen, manchmal schwer bestimmbaren Erzählhaltungen Schmidts erscheint hier trotz allem fruchtbar. Im Spätwerk hatte Schmidt sein Programm zweifelsohne zur Vollendung gebracht: Seine überdimensionierten Dialogromane waren nichts anderes mehr als mit “Nebentextstimmen”, depersonalisierten Prosapassagen und vielschichtig gebrochener direkter Rede bzw. inneren Monologen angereicherte Dramenungetüme, in denen jede Haltung des Erzählers (oder des, so Clausen, metaleptisch im Text anwesenden Autors) möglich geworden war. Schmidt handhabte dieses Instrumentarium, wie Clausen nachzeichnet, zuletzt mit solcher Virtuosität, daß sie sich geneigt fühlt, den theologischen Begriff der Perichorese (“Vater”, “Sohn” und “Heiliger Geist”) als poetologisches Modell zu adaptieren: Der Autor verschmolz mit seinen wechselnden Erzählhaltungen, mit seinen Figuren, ja seinem Werk selbst und setzte eine “Interdependenz von Schöpfergott-, Figurenschöpfer und Erzählgeist-Stimme gegen deren Zertrennbarkeit” [S. 49]. 

Monika Albrecht hat sich Schmidts Roman Die Gelehrtenrepublik (1957) aus postkolonialer Sicht angesehen. Damit setzt sie Schmidts Text in einen Zusammenhang, der in der Germanistik bezeichnenderweise überhaupt erst zaghaft beleuchtet wurde, gerade jetzt vor dem Hintergrund gewisser jüngster weltpolitischer Entwicklungen aber sogar noch einmal aktueller und brennender geworden ist. Nicht nur deshalb hat mich ihr Aufsatz in der vorliegenden Tagungsauswahl am meisten überzeugt: Sie erkennt in Schmidt einen Ausnahmeautor, der sich bereits in den 50er Jahren kritisch mit dem Thema Kolonialismus auseinandergesetzt hat, ohne sich wie die meisten von der Scheuklappenperspektive auf den kalten Krieg (den er deswegen aber nicht außer Acht läßt) übermäßig beeindrucken zu lassen. Albrechts Text ist auch eine gute Kurz-Studie über die zentralen Phänomene des Kolonialismus allgemein: Sie demonstriert, wie gekonnt Schmidt die typische Verschränkung von Herrschersexualität, Rassismus und eurozentrischer Borniertheit auseinandernimmt. Kolonialistische Stereotypen wie “Weißsein” werden von ihm zu einem Zeitpunkt als rassistische Lügen kritisiert und dekonstruiert, als alle Welt hektisch damit beschäftigt war, die eigene mörderische Herrenmenschengeschichte zu vertuschen und das Barbarische im Ostblock zu erblicken, also da, wo man es schon immer vermutet hatte. Nicht nur die eigene Tätergeschichte, sondern auch die sogenannte Dritte Welt mußte also im allgemeinen literarischen Koordinatensystem der 50er Jahre vollkommen unter den Tisch fallen. Arno Schmidts Ziel war es aber erklärtermaßen, “ein Bild der Zeit uns zu hinterlassen” – “In einer Zeit, in der auf weltpolitischer Ebene die Rangelei um neokolonialistische Expansionsmöglichkeiten in vollem Gange war, die deutsche Normalbevölkerung sich hingegen anhand von Filmen wie Grzimeks Serengeti darf nicht sterben (1959) eine Vorstellung von der Situation in den real existierenden Kolonien machen mußte, war der Roman Die Gelehrtenrepublik sicherlich ein herausragender Beitrag zu einem solchen kritischen Porträt der Zeit” [S. 72].

Susanne Fischer von der Arno Schmidt Stiftung beschäftigt sich mit dem gleichen Text, jedoch mehr aus einer biographischen Perspektive heraus, die zudem wie auch andere Vorträge in diesem Sammelband an das jüngste Heft zur Forschung 5 Maike Bartls anknüpft, das im Frühwerk Schmidts nach Wegen des Entkommens forscht. Fischer hat den unbestreitbaren Vorteil, tief ins Bargfelder Archiv greifen zu können. Hier zaubert sie allerhand Belege hervor, die zeigen, daß sich Schmidt mit der Gelehrtenrepublik unter großem Zeitdruck aus einer veritablen Schaffenskrise herausschrieb. Der Autor war unter akuten finanziellen Druck geraten, da sich seine bisherigen Bücher kaum verkauft hatten. Er mottete seine großangelegten Werkprojekte (Lilienthal) enttäuscht ein, schaffte es aber mit der Gelehrtenrepublik, zu einer neuen Arbeitsweise zu finden, die den verabscheuten “journalistischen” Schreibduktus der “Brotarbeiten” (Übersetzungen, Funk-Essays, Zeitungsartikel) mit ironischer Distanz zu eigenen Obsessionen und einer gekonnten Erzähleraufspaltung amalgamierten und so seinem Werk neue Impulse zu geben vermochten. Das erste Resultat dieser Wende war Die Gelehrtenrepublik, in der Familiensprache der Schmidts zugleich als letztes der sogenannten “Walrösser” (Prosawerke des “musivischen Daseins”) entstanden. Am Ende des Jahres 1957 notiert Schmidt in sein Tagebuch:  “Entschluß: Arno Schmidt †. Es sei denn einer »zahlte«. Ich schreibe nicht mehr in jener »neuen Art«; sondern mache Nachtprogramme, Übersetzungen, Feuilleton; und versuche zusätzlich Romane à la Dickens” [S. 89].

Wolfgang Albrecht zeichnet Schmidtsche Endzeitbilder und Unheilserwartungen nach: Schmidts utopische Szenarien waren seiner Meinung nach keine Idyllen, aber auch keine Dystopien im Sinne George Orwells oder Aldous Huxleys. Schmidt scheint nach Darstellung Albrechts eher einen Mittelweg eingeschlagen zu haben: “Unreflektierten Aufklärungsoptimismus gab er preis, nicht jedoch aufklärerisch-kritisches Vernunftdenken an sich” [S. 104]. Wichtig scheint mir aber eher Albrechts Hinweis, daß Schmidt “die Zeitebenen verklammerte und dabei real-historischen Hintergrund einbezog” – so wurde der Dritte Weltkrieg in seinen grotesken Zukunftsszenarien immer wieder “in kritischer Auseinandersetzung mit einer braunen Vergangenheit und mit einer von ihr mannigfach geprägten (westdeutschen) Gegenwart” entworfen [S. 95]. Zwischen einer “Utopie des Nihilismus” und der “Warnutopie” leistet Schmidt in seinen Zukunftsvisionen also vor allem auch Vergangenheitsbewältigung und mahnende Erinnerung in Zeiten des institutionalisierten Vergessens. 

Bernd Rauschenbach ist sich am Ende seines Beitrages bereits “bewußt, das Feld der Germanistik längst verlassen zu haben” [S. 126]. Müde vom Durchmessen öder literaturwissenschaftlicher Letternwüsten danken wir es ihm. Es ist Stiftungssitte, kräftig in Schmidts Biographie herumzuwühlen, und dabei liefert man immer wieder nette Archivverweise zu Tage, die vor allem eines sind: unterhaltsam. Rauschenbach geht nebenbei auf ein Sammelsurium an Themen ein (“Ein Florilegium”): Schmidts poetisches Phantasieprimat, seine Arbeitswut, seine Haltung zu Wahrheit und Lüge (die Tagebucheintragungen Alice Schmidts enthüllen “faustdicke” Flunkereien vor allem in Schmidts Zeitungsartikeln), zuletzt Schmidts wohl wirklich fehleingeschätze Position gegenüber der angeblich geschmähten “Jugend”. Rauschenbach stehen für seine Interpretationen freilich Instrumentarien zur Verfügung, die anderen Textforschern schwerlich zu Gebote stehen: Wer kann sich schon “beiläufig” mit Schmidts ehemaliger Putzfrau Erika Knop unterhalten, um auf diesem Wege nach vielen Jahren endlich herauszufinden, was die Kneipenszene in Kühe in Halbtrauer tatsächlich meint: “Die Wahrheit iss so was Gewöhnliches, nich?” [S. 117] – Glücklicherweise ist die “Wahrheit” in der Kunst so gewöhnlich dann doch nicht immer.

Joachim Kersten zeigt sich in seinem Aufsatz über Silvesternächte bei Schmidt und einigen seiner Vorbilder äußerst belesen: Kierkegaard, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Kant, Tennyson, Nietzsche, Freud etc. – da klappert das Bücherbord wie die Mühle am rauschenden Bach! Nach diversen netten Quellenforscherdetails konzentriert sich Kersten schließlich auf Freuds Witzstudie, die er als Scheinwerfer auf Schmidts “Ländliche Erzählung” Abenteuer der Sylvesternacht richtet, einen Text, den Reemtsma schonmal als “Schwelle zu Zettel´s Traum” interpretiert hat [S. 137]. Ergebnis: Schmidt hat Freuds Erkenntnisse für seine Literatur in einem Maße nutzbar gemacht, “die weit über das hinausgehen, was Freud Anfang des 20. Jahrhunderts [an literarischen Mitteln, J.S.] bekannt sein konnte” [S. 139]. Dabei spielt die Resignation im Zusammenspiel mit den Linderungsmitteln von Ironie und Humor eine tragende Rolle: “Die Katastrophe ist in Schmidt Erzählung ausgespart. Sie ist aber bereits eingetreten. Über Ursache und Wirkung erfährt man nichts. Sie wird fixiert in der Klage an das Unabänderliche, so witzig diese Lamentos oberflächlich auch sind” [S. 139].
Robert Weninger beschließt den Band mit einem großen Thema: Hieronymus Boschs Gemälde des “Gartens der Lüste” und seine zentrale Rolle für Schmidts Spätwerk Abend mit Goldrand. Das Copyright für die maßgebliche Interpretation hält hier nach wie vor Kurt Jauslin, vor dessen immer noch unangefochtenen 1980er-Aufsatz im Bargfelder Boten sich Weninger auch artig verbeugt. Weninger rekapituliert die wichtigsten bisherigen Deutungen des rätselhaften Bosch-Triptychons und spekuliert darüber, “welches hermeneutische Potential von der von Schmidt vorgenommenen Verflechtung von Text und Bild freigesetzt wird und was diese Engführung im Sinne der oben zitierten »wechselseitigen Erhellung der Künste« für die Interpretation beider Kunstwerke bewirkt” [S. 148]. Dabei setzt Weninger diverse Schaubilder ein, um seine Thesen zu verdeutlichen. 

Die versammelten Beiträge markieren insgesamt keinen epochalen Wurf der Schmidtforschung, aber man kann nach Sichtung des hier Dargebotenen nicht umhin, die Portland-Tagung zumindest ein schätzbares Forum zu nennen, zumal in der Edition der Arno Schmidt Stiftung ja wie gesagt nur ein Teil der dort gehaltenen Vorträge versammelt ist: Wer weiß, was sonst noch verhandelt wurde!

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