Recent Postings 2003/2004/2005
A Publication of the
British-American Arno Schmidt Society
(BAASS)
Edited by Timm Menke (USA) and Robert K. Weninger (UK)
Reviews:
33. Friedhelm Rathjen: Dritte Wege. Kontexte für Arno Schmidt und James Joyce.Edition ReJoyce 2005. Reviewed by Jan Süselbeck
32. Wolfgang Schneider: Abg(es)änge. Eberhard Schlotter. Das späte Werk. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2004. Reviewed by Jan Süselbeck
31. Friedhelm Rathjen, “Music at Night. Arno Schmidt's Garden of Verses”. Scheeßel: Edition ReJoyce, 2004. Reviewed by Uwe Schwagmeier
30. Chloé Lachauer: Von „Kriexministern“ und “Schreckensmännern“. Deutsche Politik im Werk Arno Schmidts. Marburg: Tectum Verlag 2004. Reviewed by Martin Lowsky
29. Alice Schmidt. Tagebuch aus dem Jahr 1954. Bargfeld: Arno Schmidt Stiftung 2004. Reviewed by Peter Arnds.
28. Friedhelm Rathjen: James Joyce. Reinbek b. H.: Rowohlt 2004. (= rm 50591). Reviewed by Doris Plöschberger.
27. Arno Schmidt: Radio Dialogs II . Translated from the German and with an Introduction by John E. Woods. København & Los Angeles: Green Integer, 2003. Reviewed by Timm Menke.
26. Marius Fränzel: „Dies wundersame Gemisch“. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts. Kiel: Ludwig, 2002. Reviewed by Thomas Körber. (Compare also review no. 25)
25. Marius Fränzel : “Dies wundersame Gemisch”. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts. Verlag Ludwig, Kiel 2002. Reviewed by Jan Süselbeck. (Compare also review no. 26)
24. Literatur ohne Kompromisse . ein buch für jörg drews. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2004. Reviewed by Jan Süselbeck.
23. Arno Schmidt : Fragmente. Prosa, Dialoge, Essays, Autobiographisches. Bargfelder Ausgabe, Supplemente Band I, 2003. Reviewed by Jan Süselbeck.
22. Reinhard Jirgl : Die Unvollendeten. Roman. München/Wien: Carl Hanser Verlag, 2003. Reviewed by Timm Menke.
21. Michael Manko : Die “Roten Fäden” in Zettel's Traum. Literarische Quellen und ihre Verarbeitung in Arno Schmidts Meisterwerk. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2001. Reviewed by Timm Menke. (Also reviewed by Alexis Eideneier, see entry no. 12.)
20. Jörg Drews/Doris Plöschberger (Hgg.): Starker Toback, voller Glockenklang: Zehn Studien zum Werk Arno Schmidts. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2001. Reviewed by Peter Arnds.
19. Doris Plöschberger : SilbmKünste & Buchstabmschurkereien. Zur Ästhetik der Maskierung und Verwandlung in Arno Schmidts Zettel's Traum. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2002. Reviewed by Jan Süselbeck.
18. Marius Fränzel : „Dies wundersame Gemisch“. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts. Kiel: Verlag Ludwig, 2002. Reviewed by Alexis Eideneier.
17. Jan Süselbeck : ‚Arse=tillery + Säcksualität'. Arno Schmidts Auseinandersetzung mit Gustav Frenssen.
Bielefeld: Aisthesis Verlag 2001. Reviewed by Friedhelm Rathjen.
16. Joern Rauser : „Über die Herbstwelten in der Literatur“. Alter und Altern als Themenkomplex bei Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2001 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1810). Zugleich Dissertation Tübingen 2000. Reviewed by Alexis Eideneier.
15. Arno Schmidt: La République des savants . Traduit de l'allemand par Martine Vallette avec la collaboration de Jean-Claude Hémery. Paris: Christian Bourgois, 2001. Reviewed by Martin Lowsky.
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Friedhelm Rathjen Friedhelm Rathjen: Dritte Wege. Kontexte für Arno Schmidt und James Joyce. Edition ReJoyce 2005, 168 Seiten, ISBN: 3-00-016090-6, 17 € |
Reviewed by
Jan Süselbeck |
Wie ein gutes Gitarrensolo Friedhelm Rathjen hat eine Best-of-Sammlung eigener Beiträge zum literarischen Umfeld Arno Schmidts und James Joyces publiziert Das Buch fängt gleich mit einer schönen Idee an. Friedhelm Rathjens Kollektion seit den 90er Jahren verstreut erschienener eigener Aufsätze über Arno Schmidt und James Joyce, die er jetzt in seinem Privatverlag „Edition ReJoyce“ anbietet, beginnt mit einem komplett interpunktionslosen Textfluß. „Statt eines Vorworts“ einfach einmal einen Bewußtseinsstrom im Stil des „Inneren Monologs“ zu schreiben, jenes Firmenschilds der literarischen Moderne also, das mit Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“ in der deutschsprachigen Literaturgeschichte im Jahr 1900 erstmals ausgehängt wurde, kann allerdings leicht in die Hose gehen. Rathjens Einführung aber, die er 1996 schon einmal in einem Jubiläumsalmanach zu Joyces Jahrhundertroman „Ulysses“ publiziert und für die vorliegende Edition erweitert hat, funktioniert: Nicht zuletzt deshalb, weil Rathjens Versuch als literarisches Zitat tatsächlich wortwörtlich dorthin geht: ‚in die Hose‘. Es ist nämlich eine fließend formulierte Vorstellung verschiedener Übersetzungen einer Passage aus dem berühmten Monolog der Molly Bloom, mit dem der „Ulysses“ schließt: „ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume“, übersetzte Hans Wollschläger die berühmte Verführungspassage, „und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir nieder gezogen daß er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab gesagt ja ich will ja“. Man merkt diesem ulkigen ‚Vorwort‘ im positiven Sinne an, daß Molly Blooms sexualisierter Gedankenstrom im Leser, Kritiker und Literaturwissenschaftler Rathjen schon seit längerem arbeitet. Deswegen schreibt der eigenwillige Niedersachse wohl auch unter seinen unkonventionellen Einführungstext die etwas wunderliche Datierung: Westerholz – Jeersdorf – Scheeßel, 1979-2002. 1979, im Todesjahr Arno Schmidts, begann der angehende Übersetzer Rathjen zum ersten mal im „Ulysses“ zu lesen, und zwar unter der permanenten Beschallung von Devadip Carlos Santanas kruder Esoterik-Scheibe „Oneness“ und Al Di Meolas Frickelplatte „Elegant Gipsy“. Offenbar eine überaus berauschende Mixtur, deren Spätfolgen noch lange nicht vollends absehbar sind – vielmehr haben wir nun, nach über 25 Jahren, so etwas wie eine erste Zwischenbilanz vor uns, die es erlaubt, Rathjens Forschungserträge zum Thema einmal ganz in Ruhe und gebündelt zu sichten. Sein Ein und Alles in der Beschäftigung mit dem literarischen Umfeld von Schmidt und Joyce ist und bleibt die Spurensuche nach intertextuellen Bezugnahmen und potentiellen plagiatorischen Diebeszügen in den Werken der beiden Dioskuren der Moderne. Längst ist dieser „Dechiffrier“-Ansatz, einst propagiert durch das erste Arno-Schmidt-Forscherkollektiv, das der Bielefelder Literaturprofessor Jörg Drews für seine bis heute tapfer weiter erscheinende Schmidt-Zeitschrift, den „Bargfelder Boten“, in den 70ern um sich scharte, umstritten. Doch Rathjen ficht das nicht an. Eine unscheinbare Formulierung, die bei Joyce und Schmidt gleichermaßen auftaucht, durch die angelsächsische und amerikanische Literaturgeschichte bis ins vorvorletzte Jahrhundert zurückzuverfolgen, um dann festzustellen, daß dabei zwar allerlei verblüffende Verbindungslinien, jedoch keinerlei Sicherheiten bzw. grundlegende Aussagen über die untersuchten Texte herausgekommen sind – das genau ist Rathjens Ding. Es ist ihm Quell unermüdlichen Forscherdrangs und euphorischer Nachschlagewut. Das Besondere und Sympathische an seinen Aufsätzen aber ist es nun, daß er seine vergeblichen Bemühungen ganz offen zum Selbstzweck erklärt, ständig ironisiert und eigens ad absurdum führt, um gerade damit den Spaß an den unentschlüsselbaren Qualitäten (post-)moderner Kunst immer wieder neu zu behaupten: „Wir sind so klug als wie zuvor! Sorry!“ Rahtjen läßt sich von der Sprachfreude der untersuchten Autoren anstecken und transformiert ihre Zitatsammlungen in launige Stil- und Literatur-Florilegien. Er ist das klassische Beispiel für einen nie ganz unironischen Philologen, der sich die Begeisterung für seine Untersuchungsobjekte niemals durch fade methodische Verzettelungen kaputt machen lassen würde. Stattdessen versucht er, seine Aufsätze so überraschend zu gestalten, wie ein gelungenes Gitarrensolo. Gewiss: „Gitarrengeniedel“, wie man das heute abfällig nennt, ist längst out. Doch: who cares? Genauso wird auch in der Literaturwissenschaft die Nase darüber gerümpft, wenn jemand herausfindet, daß Arno Schmidt den Einfluß Thorne Smiths (1892-1934) auf Joyces Rätselroman „Finnegans Wake“ durchaus nachvollziehbar behauptete, seine nette Entdeckung jedoch leider schon allein deshalb fragwürdig erscheint, weil Smiths vermeintlich bei Joyce zitierter Text zur Entstehungszeit der betreffenden Passage des „Wake“ noch gar nicht erschienen war. Tja: Spaß machen können solche lustigen Entdeckungen, wie sie für Rathjen typisch sind, eben trotzdem, unabhängig wissenschaftlicher Moden und Konventionen. Lesenswert sind in dem Band aber auch gerade für diejenigen Interessenten, die Arno Schmidt noch gar nicht kennen, die vielen Artikel und Rezensionen, die der Herausgeber aus renommierten Tageszeitungen und eher entlegenen Erscheinungsorten zusammengetragen, neu kombiniert und umgeschrieben hat, um sie im vorliegenden Band nochmals zu veröffentlichen. In Ihnen schlägt er einen unprätentiösen, allgemein verständlichen Ton an und schafft es, zentrale Charakteristika Schmidtschen Schreibens auf dennoch subjektive und pointierte Weise zu vermitteln. Zudem meldet sich der ambitionierte (Joyce-)Übersetzer Rathjen mit eigenen Arbeitsproben zu Wort. Dieter H. Stündels berüchtigte Übersetzung des unübersetzbarsten Werks der Weltliteratur – „Finnegans Wake“ – wird hier noch einmal nüchtern kritisiert und in alle Einzelteile zerlegt. Anders als Stündels überkandideltes Vorbild Arno Schmidt, der allen Ernstes für eine deutsche „Lesbarmachung“ des unentschlüsselbaren Joyce-Texts plädierte, erklärt Rathjen, das es vielmehr seine Methode sei, den ‚verzerrten‘ Urtext ohne Rücksicht auf mögliche interpretatorische Festlegungen möglichst ‚unverfälscht‘ zu übertragen. Rathjen versucht mithin, eine „Transzerrung“ ins Deutsche vorzunehmen: „Solange wir nicht wissen, worum es in Finnegans Wake eigentlich geht (falls es darin überhaupt um etwas geht und das Buch nicht einfach selbst ein Etwas ist), solange können wir auch nie sicher sein, ob nicht etwas verlorengeht, wenn wir irgend etwas im Text verändern. Deswegen sollte der Übersetzer so wenig verändern wie irgend möglich“, lautet Rahtjens selbstredend ebenfalls umstrittene, aber doch auch irgendwie mutige Maxime. Schon bei seinen anderen Übersetzungsprojekten wie Hermann Melvilles „Moby Dick“ oder – zuletzt – den holperig formulierten und dann von Rathjen auch dezidiert bis an die Schmerzgrenze der Absurdität genau so übertragenen Expeditionstagebüchern von Meriwether Lewis & William Clark sorgte dieser Ansatz immerhin für fruchtbare Diskussionen. Viele bunte Beiträge, auch in englischer Sprache, sind in dem vorliegenden Band versammelt, und sie bieten durchaus mehr, als nur verstreute Gedanken über Joyce und Schmidt. Werden doch en passant auch noch Autoren wie Lewis Carroll, Samuel Beckett, Vladimir Nabokov, Salman Rushdie und viele andere gleicht mit untersucht: Für knapp 170 Seiten ein rundes Angebot, daß die Anschaffung lohnt. Allerdings möchte man dem Autor und Verleger raten, das Layout seiner selbstgemachten Editionen zu überdenken. Die bunt schillernden Lettern auf dem Titel sind einfach schlecht zu erkennen und sehen zudem unnötigerweise genau so aus, wie Bücher aus dem Eigenverlag meist nun mal wirken: stümperhaft. Der Satz der Texte erscheint auf den ersten Blick vertretbar, jedoch finden sich bei näherem Hinsehen allerlei typographische Fehler im Text, die zumindest dem bibliophilen Leser als Mißton auffällig werden könnten. Dieses Manko sollte Rathjen bei seinen kommenden Editionen versuchen, zu vermeiden. Sie hätten es verdient. |
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Wolfgang Schneider Abg(es)änge. Eberhard Schlotter. Das späte Werk. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2004. 688 Seiten, 30 € |
Reviewed by
Jan Süselbeck |
Wer ist Eberhard Schlotter? Selbst Kunstkenner können den Namen oft nicht einordnen. Damit nicht genug: Ein Großteil der wenigen, die ihn schätzen, gehört zur seltsamen Spezies der Arno-Schmidt-Leser. Einer von ihnen ist der Konkret-Redakteur Wolfgang Schneider. Fünf Jahre lang hat er in seiner Freizeit an einer voluminösen Studie über den heute 84-jährigen Künstler gearbeitet. Nicht ohne Stolz spricht Schneider von dem Band als „seinem Schlotter“. Erstmals macht er darin den Versuch, das abwechslungsreiche Werk des Malers vorzustellen, und zwar „mit der Gründlichkeit, die es verdient“. Obwohl sich Schneider laut Untertitel auf das „späte Werk“ Schlotters kapriziert, bietet er auch eine kleine Tour d'horizon durch die (deutsche) Kunstgeschichte nach 1945. Er klopft Schlotters Schaffen akribisch auf mögliche Vorbilder, Inspirationen und Grundmotiven hin ab – von den frühen Bildern der Fünfzigerjahre bis hin zur Betrachtung der aktuellsten Werke des nach wie vor aktiven Künstlers. Ein großer Tafelteil im hinteren Drittel des luxuriös gestalteten Bands versammelt eine Menge – leider nicht immer einwandfreier – Hochglanzreproduktionen Schlotter'scher Radierungen, Aquarelle und Gemälde, so dass man die geduldigen Bildanalysen des Autors stets auch selbst betrachtend nachvollziehen kann. Schneider besuchte den „größten Illustrator des Jahrhunderts“ (Arno Schmidt) während seiner Recherchen immer wieder in seinen deutschen und spanischen Ateliers, um noch unsortierte Werkbestände zu sichten und sich von ihm aus seinen Tagebüchern vorlesen zu lassen. Dabei galt es, kritisch zu bleiben: Eigene Lebenslegenden des Befragten, vor allem aber die hagiografische Sekundärliteratur überkandidelter Schmidti- und Schlotterianer, die Schneider bei seinen nüchtern vorangetriebenen Studien vorfand, musste er in den beachtlichen Fußnotengebirgen seiner Abhandlung mit der gebotenen Strenge korrigieren. Traditionellen Platzhirschen der eng umhegten Schlotter-Szene, wie etwa seinen Freunden, dem Ehepaar Bernd und Elisabeth Krimmel oder auch dem in Schmidtkreisen bestens bekannten Günther Flemming, dürfte jedenfalls vieles von dem, was ihnen Schneider da respektlos an Unrichtigkeiten vorrechnet, nicht unbedingt besonders schmecken. Dass hier nebenbei auch ein Autor wie der hannoveraner Literaturwissenschaftler Jochen Hengst nicht gerade gut wegkommt, verwundert da kaum noch; hatte Hengst doch zuletzt mit einer nebulösen Publikation über Arno Schmidt ( Den ersten Schriftraum von Arno Schmidts „Die Schule der Atheisten“ abschreiten. Wort-Werk bLeich wie eine laiche , Bangert & Metzler: Wiesenbach 2002) bereits nachhaltig unterstrichen, dass er vor allem ein Händchen dafür zu haben scheint, seinen Lesern höheren Blödsinn als gewichtige Erkenntnis zu verkaufen. Auch eine Revision der oft prekären Freundschaft Schlotters mit Arno Schmidt spielt in Schneiders flüssig geschriebenem Buch naturgemäß eine wichtige Rolle. Spannungsgeladen und produktiv zugleich war der Ideenaustausch, den die Künstler zeitlebens führten. Schmidt, der die Literatur für die höher stehende Disziplin hielt, sprach einerseits von einer „Todfeindschaft“ ihres Schaffens. Andererseits fühlte er sich als avantgardistischer Schriftsteller auf Anhieb von Schlotters menschenleeren Bildern der Fünfzigerjahre inspiriert. Im Gemälde „Bugwelt“ bewunderte er 1957 das „Selbstporträt eines harten Geistes“. Auch, dass in Schlotters frühem „Aufgang der weißen Tafel“, dem Schmidt den Titel gab, „reinlich das Anorganische“ regiere, musste den Autor als Verachter der gefräßigen „Bestjen der Welten“ frappieren. Schneider jedoch arbeitet heraus, dass umgekehrt Schlotters „Programm Arno Schmidt“, „das bislang nahezu ausschließlich als geglückte Fusion zweier Parallelwelten dargestellt worden ist“, für den Maler auch als kontraproduktive Geschichte der „Okkupation bildkünstlerischer Vorstellungs- und Ausdruckswelten durch ein literarisches, philosophisches, psychoanalytisches Programm“ beschreibbar sei. Schmidts Einfluss trieb Schlotter, der seine Bilder mit einem an die psychoanalytischen Theoreme Georg Groddecks und Sigmund Freuds erinnernden, allerdings kleingeschriebenen „es“ signierte, zusehends in einen mit literarischen Andeutungen überfrachteten, surrealistischen Manierismus hinein, von dem sich der Maler erst Ende der Achtzigerjahre wieder zu distanzieren begann. Anfang der Neunzigerjahre emanzipierte sich Schlotter schließlich endgültig wieder von dem bereits 1979 verstorbenen Freund, „indem er zu den klaren, auf die Fläche bezogenen Ordnungs- und Formprinzipien zurückkehrt, die seine Malerei bis Mitte der Sechzigerjahre prägten“, wie Schneider konstatiert. In gewisser Weise bestätigte Schlotter damit Cézannes warnendes Diktum: „Nichts ist gefährlicher für einen Maler [...] als sich mit der Literatur einzulassen. Wenn er darauf hereinfällt, dann ist er geliefert“. Besonders Schlotters frühe und späte Bilder wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion: „Mich interessiert die sichtbare Welt“, zitiert ihn Schneider. „Wie weit sie zum Vehikel für Transformationen und Metamorphosen wird, ist eine andere Sache.“ Quer durch das Werk hindurch verfolgt Schneider die symbolischen Metamorphosen, die aus Schlotters Interesse an der Oberfläche der Dinge resultierten. Immer wieder sind es verschlüsselte Insignien der Vergänglichkeit, die ihn umtreiben – ausgehend von dem Topos der vergessenen, ausgestorbenen „Messingstadt“ aus den „Märchen aus 1001 Nacht“, die er in einem frühen Triptychon darstellte. Zum einen spielte der 1971 beginnende Kampf mit dem Krebs, den seine Frau Dorothea 1993 endgültig verlor, als biografischer Auslöser seiner geradezu obsessiven „Urnen“-Bilder (Hans Wollschläger) eine wichtige Rolle. Aber auch die nach 1945 unverbesserlich auftrumpfende Gesellschaft der Deutschen, der Schlotter bereits 1956 mit seiner Auswanderung ins spanische Altea den Rücken kehrte, überschattete die Weltsicht des Künstlers zusehends. Besonders spannend wird es im Buch dort, wo Schneider Schlotters eigene „ästhetische Gefährdungen“ in der NS-Zeit kritisch betrachtet. Als 20-Jähriger nahm er nämlich 1941 selbst als jüngster Maler an der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im Münchner Haus der Deutschen Kunst teil, in der sich die prominente nationalsozialistische Malerei ein Stelldichein gab: „Welche Ehre, und eingebildet war ich auch, und wie“, zitiert Schneider Schlotters eigene sarkastische Erinnerung aus dem Jahr 2002. Hier finden sich mögliche Anknüpfungspunkte in dem lesenswerten Band, deren Weiterverfolgung sich lohnen dürfte. Wie sich nämlich derartige biografische und ideologische Kontaminationen in Schlotters zunehmend verdunkelter Malerei nach 1945 konkret transformierten, ist auch mit dem nun vorliegenden Grundlagenwerk Schneiders noch lange nicht erschöpfend geklärt. Ein Anfang, immerhin, ist gemacht. |
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Friedhelm Rathjen Music at Night. Arno Schmidt's Garden of Verses Scheeßel: Edition ReJoyce, 2004, 171 pp. ISBN 3-00-014265-7 |
Reviewed by Uwe Schwagmeier
Originalbeitrag |
“a thing of beauty is a joy for ever” (Keats) Eine Kompendium? Ein Handbuch? Ein Stellenkommentar? – Nein, nichts davon ist “Music at Night” wirklich. Viel eher und überraschender-, ja geradezu dankenswerterweise ist es eine Blütenlese englischsprachiger Lyrik vor allem des späten achtzehnten und insbesonders des neunzehnten, aber auch des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. – Ein Verweis auf die Formen von Kompendium, Handbuch und Stellenkommentar scheint an dieser Stelle deshalb so ausdrücklich angebracht, weil sie in der Sekundärliteratur zu Arno Schmidt konsensuelle, übliche und vielpublizierte Verfahrensweisen sind, mit denen sich früher auch schon der renommierte Schmidt-Forscher und Herausgeber des vorliegenden Bandes, Friedhelm Rathjen, hervorgetan hat. Sein neues Projekt weicht durchaus von diesem Pfad ab. “Music at Night. Arno Schmidt's Garden of Verses” ist dreiteilig konzipiert. Als erster Teil findet sich die “Vorbemerkung”, in der Rathjen kurz Rechenschaft von seinen Verfahrensweisen als Herausgeber und skizzenhafte Hinweise auf Schmidts Lektürebiografie in puncto englischsprachige Lyrik gibt. Der zweite Teil, das Hauptstück des Buches, enthält die Auswahl der Gedichte, während der dritte Teil als ‘editorischer Anhang' betitelt ist. Dieses letzteren Bereiches werden sich die zu Schmidt Forschenden verständlicherweise neugierigst annehmen. In einem kleinen nicht nur kenntnisreichen, sondern auch unterhaltsam zu lesenden Text stellt Rathjen hier die wichtigsten Quellen, die nicht nur seine Auswahl in der Anthologie begründen, sondern auch diejenigen Materialien vor, die der Herausgeber für diesen speziellen Fall der Rezeptionsforschung zu Rate gezogen hat. Übersichtlich strukturiert und mit nachvollziehbaren (!) Siglen versehen, finden sich hier erwartungsgemäß zum Beispiel die Bände “Porträt einer Klasse” und “Wu hi?”, aber auch jene Textsammlungen und Lehrbücher, die vor allem in Schmidts Schulzeit den Kontakt mit englischsprachiger Literatur, englischsprachiger Lyrik und ihrer Geschichte herstellten. Sympathisch wirkt an diesem Punkt und insgesamt, daß sich Rathjen stets zu Hinweisen auf Kenntnisse veranlaßt fühlt, die er anderen Forschungsarbeiten (etwa denen von Josef Huerkamp, Dieter Kuhn, Lothar Meyer und Heinrich Schwier) verdankt; ein Gestus der Fairness, der keine Unterschlagungen duldet. Der Apparat setzt sich dann mit den bescheiden betitelten ‘Hinweisen zu Schmidts Rezeption der einzelnen Gedichte' fort. Auch hier wird lesefreundlich nach dem – gerade bei solcher Art der Forschung leider zu oft vernachlässigten – Prinzip ‘Einfachheit bedeutet Übersichtlichkeit' verfahren, und so bietet die Kommentarliste zu jedem Titel zunächst den Nachweis der Textgrundlage, gefolgt von Angaben zu den relevanten Stellen in Schmidts Werk sowie gegebenenfalls eine werkgeschichtliche Kontextualisierung. All dies ist in der von Rathjen nun schon seit Jahren gewohnten akribischen Manier dargeboten, die sich – wie stets – mit einer von jedem Forschenden sicherlich dankbar entgegengenommenen Detailfülle und dem schon erwähnten, aber immer wieder hervorzuhebenden Kenntnisreichtum paart. Dabei besteht der Band durchaus als Anthologie allein. Die Interessierten können sich hier auf einer wahre Abenteuerreise durch teils arg wuchernde Gelände englischsprachiger Gedichte begeben und tatsächlich neues Terrain entdecken oder auch schon genau kartographierte Areale wieder betreten, vergessene Ansichten auffrischen. Zum einen in einem ältlichen Sinne kanonisch (was sich selbstverständlich aus der gewählten Aufgabenstellung ergibt), zum anderen aus zeitgenössischer Sicht hanebüchen abseitig begegnen einem in der Sammlung durchaus die üblichen Verdächtigen wie etwa Keats “Ode on a Grecian Urn”, Coleridges “Rime of the Ancient Mariner”, Tennysons “Lady of Shalott”, Whitmans “O Captain! My Captain!” oder Poes “Raven”, aber eben auch Texte, die länger schon dabei sind sich aus dem Kanon zu entfernen und doch eine erneute Lektüre verdienen, wie Byrons “Solitude” oder Thomas Hoods “I Remember, I Remember”. Nachvollziehbar ist jedoch vielleicht, daß noch mehr Spaß als solches die Neuentdeckungen machen, die man für sich tätigen kann. Dazu könnte man sich beispielsweise dem Sommertraum von James Russell Lowells “What Is So Rare As A Day In June” hingeben oder der launigen Ironie von G. K. Chestertons “The Donkey” Respekt zollen. Man kann auch verwundert vor Gerald Goulds “Alien Enemies (The German mother speaks to the Englisch mother)” verweilen und hin und her gerissen sein zwischen dem tiefempfundenen Pazifismus und dem sprachlichen Kitsch des Textes. Jenseits der Kanon-Debatten und des Obskuren trifft man außerdem alte, halbvergessene Freunde wieder oder wird an ihre Existenz erinnert. Man könnte an Sternes “Ode” aus dem “Tristram Shandy”, an Miltons “On his Blindness” oder auch an Longfellows “The Day is Done” denken. Selbstverständlich werden den meisten der Käuferinnen und Käufer dieses Bandes viele der Texte aus dem Schmidt-Kontext wenigstens halb präsent sein, doch ist es auch eine Stärke des Herzstückes von Rathjens Projekt, daß diese Gedicht wieder wahrgenommen werden können, in dem sie nur für sich stehen. Auch diese Möglichkeit bietet “Music at Night”: In einem tastenden, nachvollziehenden Leseerlebnis, viel über die Lektüresozialisation der intellektuellen und/oder gebildeten Schichten der ‘Generation Schmidt' (was Lyrik in englischer Sprache betrifft) zu lernen. Es erscheint nicht unwichtig, daß die vorliegende Auswahl – wie Rathjen informiert – das Seitenprojekt einer umgreifenderen Forschung zu Arno Schmidts literarischer Sozialisation, seines literarischen Erfahrungshorizontes ist. Länger schon bereitet er ein anderes Projekt vor, das bisher unter dem Arbeitstitel “Der Dolmetscher: Arno Schmidts Englischsprachigkeit 1919-1949” bekannt ist und das eine weitergehende Erforschung (so denn publiziert) von Schmidts Verhältnis zur englischsprachigen Literatur befördern würde. Der Bereich der sogenannten Intertextualität (wie genau auch immer man diesen literaturwissenschaftlich nach wie vor umstrittenen Begriff fassen möchte) in Bezug zu/auf Schmidts Werk würde in der Forschung – impulsartig vielleicht von dort aus – einen erheblichen Aufschwung nehmen können. Nur wenige Studien sind bisher zu diesem (in anderen Bereichen der Germanistik längst ‘ausdiskutierten') Thema erschienen. Verdienstvoll wie sie – alle ihrem jeweiligen Charakter nach – sind, besteht doch keine allgemeine und sich darüber hinaus verständigende Forschungsgemeinschaft, die die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit speziell diesem Theoriebereich forcieren würde. Ähnliches gilt nun bereits für “Music at Night”: Es könnte ein besonderer Verdienst von Friedhelm Rathjens Mühe sein, eine wesentliche Anregung für eine solche Diskussion auf dem Wege seiner Anthologie zu befördern, gar zu befeuern und dies, obwohl es sich oder gerade weil es sich um Lyrik handelt. Letztlich jedoch – and this goes without saying – liegt dies im Sinne und Ansporn von Betrachterin und Betrachter. Bei dem vorgestellten Band handelt es sich um den dritten der Edition ReJoyce, deren Publikationen wesentlich als book on demand auch und gerade beim Autor/Herausgeber im norddeutschen Scheeßel bezogen werden können. Qua Selbstdefinition sind sie “nicht auf die Gewinnerwartungen kommerzieller Verlage, sondern auf die Interessen kleiner feiner Leserkreise zugeschnitten”. Diese Reihe jetzt schon als ‘verdienstvoll' anzusprechen ist sicher noch verfrüht, jedoch lassen die ersten Veröffentlichungen auf mehr Lebendiges und Inspirierendes, aber auch Spannendes und Substanzielles hoffen. Als ausgesprochen wichtig sei abschließend angemerkt, daß es sich bei “Music at Night” nicht um eine zweisprachige Ausgabe handelt. Leserinnen und Leser des Werkes von Arno Schmidt, wie auch Interessierte an der englischsprachigen Lyrik überhaupt, werden sich schon gewisser Kenntnisse der englischen Sprache sicher sein müssen. |
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Chloé Lachauer Von „Kriexministern“ und “Schreckensmännern“. Deutsche Politik im Werk Arno Schmidts Marburg: Tectum Verlag 2004 (ISBN 3-8288-8706-6. 148 S., € 25,90) |
Reviewed by Martin Lowsky
Originalbeitrag |
Die Autorin hat sich auf Arno Schmidts Schaffen vor ‚Zettel's Traum‘ konzentriert. Zu Recht sagt sie, die Nachkriegsjahre bis 1960 sei die Epoche, in der Schmidt „sein Nichteinverstandensein mit der deutschen Politik seiner Zeit“ intensiv zum Ausdruck gebracht habe (S. 16). Die erste Grundlage für Lachauers Arbeit ist der große Schmidt-Sammelband ‚Erzählungenn‘, den Buchgemeinschaften und dann der S. Fischer Verlag in den 90er Jahren herausgebracht haben. Weitere Grundlagen sind, natürlich neben Sekundärliteratur zu Schmidt und zur Nachkriegspolitik, Schmidts Funkessays und einige seiner Zeitungsartikel, die die Autorin am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften (Uni München), wo sie ihr Werk als Magisterarbeit vorgelegt hat, einsehen konnte. Hinzu kommen einige weitere Bücher Schmidts; etwa ‚Die Schule der Atheisten‘, die aber die Autorin – ich schließe das aus der fehlerhaften Inhaltsangabe (S. 41) – nur einmal in der Hand gehabt haben kann. Dafür hat sie den Metzler-Band ‚Arno Schmidt‘ von Wolfgang Albrecht ausgiebig benutzt. Ihre Angaben zum „Stand der Forschung“ (S. 130f.) sind großenteils eine schlichte Abschrift aus Albrecht (S. 128-131). Das ist ärgerlich; ärgerlich ist auch, wenn sie aus ‚Rosen und Porree‘ zitiert (S. 56) und gar nicht bemerkt, dass sie sich dabei in den ‚Umsiedlern‘ befindet, aus denen sie sonst mittels des erwähnten Sammelbandes zitiert. Unglücklich sind Äußerungen wie: „sein politisches Denken ändert sich in der Grundsubstanz nie“ (S. 70), oder: Bis auf ‚Massenbach‘ „sind alle Werke Schmidts in der Ich-Form erzählt“ (S. 80). Nur bezogen auf den genannten frühen Zeitraum lassen sich diese Äußerungen einigermaßen akzeptieren. Gleichwohl hat dieses Buch, das, wie gesagt, der Disziplin der Politologie entstammt, seine Vorzüge. Es besteht im wesentlichen aus vier Abschnitten. Der erste stellt in kurzen Inhaltsangaben und Charakterisierungen zehn Erzählungen Schmidts vor. Der zweite unternimmt einen Längsschnitt durch diesen Komplex, indem er „zentrale politische Themen in der Dichtung Arno Schmidts“ (S. 43) herausfiltert. „Ideologie des Nationalsozialismus“, „Teilung Deutschlands“, „USA, NATO und atomare Bedrohung“ lauten einige der Zwischenüberschriften. Im letzten Fall etwa werden einschlägige Stellen aus ‚Steinernes Herz‘, ‚Brand's Haide‘, ‚Schwarze Spiegel‘ und ‚KAFF‘ zusammengestellt (S. 58-61). Der dritte Abschnitt widmet sich der Person Arno Schmidt; es geht hier um die autobiographischen Züge im Werk, um Schmidts Bekenntnisse und Appelle in Zeitungsartikeln und um sein Ethos als Schreibtischarbeiter. Lachauer deutet Schmidts eigenwillige Sprache und Metaphorik als einen Ausdruck politischen Protestierens (S. 89ff.); sie kommt dabei auch auf Schmidts Humor zu sprechen. Der vierte Abschnitt nun, „ein kritisches Resümee“, wie es heißt, fragt, ob Schmidts harte Kritik an der damaligen Politik „nachvollziehbar, gerechtfertigt oder aber unverständlich“ sei (S. 107). Dieser Teil des Buches ist sehr lesenswert gerade heute, wo viele Einzelheiten damaliger Politik schon vergessen sind. Die Autorin ist keine Arno-Schmidt-Schwärmerin; sie vergleicht die Ereignisse mit Schmidts Protestieren und macht beispielsweise Schmidt den Vorwurf, dass er das „breite Engagement der westdeutschen Öffentlichkeit“ 1958 gegen die Atombewaffnung (S. 124) nicht sehen wollte oder – andererseits – nicht bemerkte, dass die deutsche Amerika-freundliche Haltung auch daher kam, dass sich viele Deutsche „einfach nur menschlich-dankbar gegenüber den USA zeigen“ (S. 128) wollten. Adenauer, der ja auch Versöhnungspolitik betrieben hat (S. 108), habe er zu einseitig gesehen. Gleichwohl hilft uns Lachauer auch, Schmidts Proteste zu verstehen. Man lese etwa ihren Bericht über die von Adenauer gebilligte Wiedereinsetzung alter Nazis – mit der Folge, dass „in dem ab 1951 neu aufgebauten Auswärtigen Amt fast 66 Prozent der Beamten ehemals NSDAP-Mitglieder waren“ (S. 112). Stellen wir uns das vor: 1957 gab es eine Umfrage, in der 15 Prozent sich bereit erklärten, wenn sie noch die Wahl hätten, für Hitler zu stimmen (S. 116)! So wird man dank dieser Darlegungen zu Politik und politischem Denken der 50er Jahre sensibel gemacht für Schmidts Protesthaltung, seinen Provokationswillen und seinen Pessimismus. Gerade auf diesen Pessimismus geht Lachauer ausführlich ein. Sie stellt ihn prägnant dar, indem sie durch die Schlusssätze mehrerer Schmidtscher Erzählungen, eine sehr bittere Reihe von Äußerungen, führt (S. 105f.), sie verbindet ihn mit Schmidts Utopien und erklärt von dieser Resignation her Schmidts Unwillen, „in das politische Tagesgeschehen tatsächlich ein(zu)greifen“ (S. 72). Freilich stellt sie auch lapidar und ganz zu Recht fest: Schmidt wünscht sich ein Land, „das für ihn als Künstler die geringste Arbeitshemmung und die geringsten Hindernisse aufweist“ (S. 67). Wie anfangs gesagt, gibt es an Chloé Lachauers Buch, speziell an seiner literaturwissenschaftlichen Fundierung, einiges zu bemängeln. Doch ist es durch seine doppelte Sicht auf Schmidts Werk und auf die heranwachsende Bundesrepublik eine begrüßenswerte Einführung in den frühen ‚politischen Arno Schmidt‘. |
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Alice Schmidt Tagebuch aus dem Jahr 1954 Hg. von Susanne Fischer. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag, 2004. |
Reviewed by Peter Arnds
Kansas State University |
In seinem Vorwort zu dieser sehr gelungenen Publikation geht Jan Philipp Reemtsma einer zentralen Frage nach, die sich dem Leser dieses Buchs stellen mag: warum wird das Tagebuch der Frau eines vor allem unter Aficionados bekannten Schriftstellers veröffentlicht, zumal es sich um die Aufzeichnungen von nur einem Jahr handelt? Für Arno Schmidt-Liebhaber ist Alice Schmidts Tagebuch des Jahres 1954 jedoch von besonderem Interesse. Es beleuchtet diverse Facetten aus dem Leben und Schaffen des Schriftstellers, aus Sicht einer Frau, die eine Schattenexistenz neben dem Künstler zu führen und, wenn sie sich nicht gerade um das Wohl ihrer Katzen sorgt, fast ausschließlich für seine Kunst und seinen Erfolg zu leben scheint. Dabei wird oft sichtbar, wie sich ihr eigenes Schreiben an dem ihres Mannes orientiert, wie sie sich um eine Poetisierung der eigenen Sprache bemüht. Was zuweilen bis zum Exzess betrieben wird, so dass die vielen Abkürzungen und Symbole, für die der Leser eine Legende braucht, die Lektüre etwas erschweren. Aufschlussreich sind allerdings die Fußnoten, die den Text auf fast jeder Seite ergänzen. Alices Tagebuch, in dessen Mittelpunkt das Leben in Kastel und die Reisen nach Hannover, Ahlden und durch die DDR nach Westberlin stehen, koinzidiert mit dem Entstehungsprozess des Romans Das steinerne Herz . In der Tat ist es so, dass man beim Lesen dieser Seiten Lust bekommt, sich diesen Roman erneut vorzunehmen, um zu erforschen, wie die im Tagebuch beschriebene Reise durch Nord- und Ostdeutschland dort verarbeitet wurde. Detailliert geben diese täglichen Eintragungen Aufschluss über den nichtendenwollenden Kleinkrieg mit den Verlagen, über Arno Schmidts Bruch mit Rowohlt, seine Verhandlungen mit Kiepenheuer & Witsch, seine Schwierigkeiten, den Kosmas zu veröffentlichen, die Diskussionen mit seiner Frau über sein Werk und den Überlebenskampf eines Schriftstellers, der vom Schreiben eigentlich nicht leben kann, der dabei so arm bleibt, dass die beiden aus Sorge um das liebe Geld den Zuschlag beim Bahnfahren umgehen und er sich den Arzt für seine Frau nicht leisten kann, wenn diese von Magenbeschwerden geplagt wird. Besonders interessant und lesenswert sind die Rezensionen über Arno Schmidts Werk und seinen Erzählstil, die im Tagebuch zitiert und von Arno und Alice diskutiert werden. Ferner die Nachkriegsatmosphäre, wie etwa die detaillierten Beschreibungen der Innenstadt von Hannover, wo die Kriegszeit noch an allen Ecken sichtbar ist, oder die Bewunderung der beiden für die neue Autobahn, auf der hinzugleiten besonders Arno ein angenehmes Gefühl der Anonymität und Unpersönlichkeit vermittelt. Immer wieder muss der Leser dieses Tagebuchs über Arno Schmidts Idiosynkrasien schmunzeln, seinen Reiseunmut und die Neurotik, wenn er unter Menschen in die Großstadt kommt - „Lass uns bloß heimfahren. Ich halte mit meinen Nerven keine Großstadt mehr aus!“ - im Gegensatz dazu seine Liebe zur stillen norddeutschen Landschaft. Wobei seine Sturheit der insgesamt recht harmonisch wirkenden Zweisamkeit arg zuzusetzen vermag. So geht er auf die Wünsche seiner Frau nur wenig ein, wie etwa in dem Moment, da er einen lukrativen Übersetzungsauftrag ausschlagen will. Diese Beziehung der beiden im Spiegel des Tagebuchs sowie die Funktionen des Tagebuchs für Arno Schmidt diskutiert Reemtsma in seinem gescheiten und sensiblen Nachwort, insbesondere die Frage, wie Arno Schmidt mit dem Reisen fertig wurde, zumal er eigentlich nicht reisen wollte, um sich die Wirklichkeit stets so weit wie Möglich vom Leibe zu halten. Der Frage, die im Vorwort gestellt wird - warum ein solches Tagebuch publizieren? - wird also hier im Nachwort genauer nachgegangen. Einmal wird durch dieses Tagebuch Schmidts intimem Wunsch, der Nachwelt etwas anderes von sich als nur sein Werk zu hinterlassen, genüge getan, zum anderen wird daraus eine spannende Lektüre, bedenkt man, dass es Alice Schmidt eine Art Ventil bot, um ihrem dominanten Mann etwas entgegenzuhalten, nämlich ihrer Proteststellung mittels des Schreibens Ausdruck zu verleihen. Reemtsma geht auch auf die jüngste deutsche Literaturdebatte ein, auf die Diskussion darüber, ob die deutsche Literatur sich bis vor kurzem über die Themen Krieg, Flucht und Vertreibung ausgesprochen haben soll. Reemtsma zufolge bildet Schmidt hier eine klare Ausnahme im Schweigen der Nachkriegsliteratur angesichts der traumatischen Erfahrungen der Deutschen. Schon W.G. Sebald sprach in diesem Zusammenhang von Arno Schmidt, ist jedoch der Ansicht, dass Schmidt Inhaltliches hinter seinen Sprachattitüden verstecke: „Ich sehe nichts von dem, was da beschrieben wird, sondern sehe immer nur den Autor, eifrig und verbissen zugleich, über seiner linguistischen Laubsägearbeit“ (W.G. Sebald, Luftkrieg und Literatur , Frankfurt: Fischer, 2002, S. 64). An Sebald erinnern in diesem Tagebuch auch die Text-Bild Kombinationen, die neben einer Sammlung von stimmungsvollen schwarz-weiß Photos und dem editorischen Nachwort von Susanne Fischer, in dem sie auf die Biographie von Alice Schmidt eingeht, zur Attraktivität dieses Bandes beitragen, der von der ersten bis zur letzten Seite eine editorische Glanzleistung darstellt. |
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Friedhelm Rathjen James Joyce Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2004 (= rm. 50591) 156 S., € 8,50. ISBN: 3-499-50591-6 |
Reviewed by Doris Plöschberger
Graz University |
ReJoyce zum Anbeißen James Joyces Finnegans Wake gilt „als das schwierigste Werk der Weltliteratur“. Überhaupt steht der Ire im Ruf, ein Autor für Spezialisten aller Art zu sein. Man sollte sich auskennen bei Joyce, immer schon und am besten noch vor der ersten Lektüre, deren Scheitern andernfalls kaum zu vermeiden ist. Derlei Einschätzungen schaffen vielleicht die besten Bedingungen für einen akribischen Expertendiskurs und nachhaltige Verehrung bis hin zum Sektierertum, aber bestimmt nicht die idealen Voraussetzungen, um simple Neugierde auf ein Werk zu wecken und die Zahl der Leser zu vermehren; und wahrscheinlich schaffen sie schwierige Bedingungen für ein Buch, das sich der grundlegenden und einführenden Darstellung von Leben und Werk eines Dichters widmet, um den die einen eben ehrfürchtig-desinteressiert einen Bogen schlagen, und dessen Texte die anderen, die Eingeweihten, notfalls zumindest passagenweise auswendig hersagen können und auf Erläuterungen der grundsätzlichen Art gerne verzichten. Andererseits könnte in diesem Dilemma von Berührungsangst und Spezialistentum auch die Chance einer solchen Werkbeschreibung liegen: die einen wollen sich bestätigt sehen in ihrer Ahnung, dass Joyce ohnehin zu schwierig ist, als dass sich eine Lektüre seiner Bücher lohnen würde, und die anderen wollen Gewissheit über ihr eigenes Wissen, dem nichts Neues hinzugefügt werden kann. Also doch vielfältige und gute Gründe, zu einer Joyce-Monographie zu greifen? In jedem Fall lassen sich jetzt noch weitaus triftigere anführen, seit pünktlich zum Bloomsday-Jubiläums-Juni 2004 in Rowohlts Monographienreihe Friedhelm Rathjens Joyce-Darstellung erschienen ist, die jene von Jean Paris verfasste von 1960 ersetzt. Der Verlag hat gut an dieser Entrümpelung bei gleichzeitiger Auffrischung getan, denn Rathjens Buch überzeugt auf ganzer Linie und bis ins Detail. Großaufnahmen ausdrucksstarker Dichterhände samt üppig beringter Finger und vom Dichter an der Klampfe sowie mysterienschwangere Abbildungen des Labyrinths des Minotaurus verschwinden jetzt in der Mottenkiste. Dafür wartet Rathjen mit der Reproduktion eines Schreibens der Zürcher Fremdenpolizei vom November 1940 an den Schweizer Schriftstellerverband auf, in dem der Sorge Ausdruck verliehen wird, dass Joyce, sollte man ihm die Einreise in die Schweiz und den Aufenthalt dort gestatten, „die einheimischen Schriftsteller tangieren bzw. konkurrenzieren würde“. Überhaupt verbreitet Rathjens Darstellung einen wohltuend nüchternen Charme gerade dort, wo sich sein Vorgänger von einer offenbar gefühlten Erhabenheit des Gegenstands zu einer schwülstigen Erhabenheit des Tons hat hinreißen lassen: Irland – „Schwelle zum Sonnenuntergang“, „Insel der Heiligen“, „eines der tapfersten Länder, dies es gibt“, so und in ähnlich emphatischem Ton immer wieder bei Paris. Rathjen dagegen beschränkt sich auf eine, seinem Text implizite Skizze von Joyces Hassliebe zur Heimat, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit schmäht und verspottet, um sie im Werk zur Ikone zu erheben. So nimmt er sich im Ulysses vor, „ein so vollständiges Bild von Dublin [zu] vermitteln, daß die Stadt, wenn sie eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte“. Und Finnegans Wake, gedacht und angelegt als nichts Geringeres als eine Geschichte der Welt, ist vor allem anderen eine Geschichte Irlands. Dem unbescheidenen, fallweise bis zur Anmaßung reichenden Überschwang in Joyces Leben und Schaffen korrespondiert Rathjens kühl-distanzierter Ton in geradezu idealer Weise; und er erweist sich als ebenso tragfähig für die atmosphärisch dichten Schilderungen einer nomadischen Existenz zwischen genialischer Attitude und fortwährender privater und familiärer Schwierigkeiten: siebzig Umzüge in nicht einmal 59 Jahren, Schreibblockaden und massive gesundheitliche Probleme, Ehekrisen und Suizidversuche der psychisch kranken Tochter, Zerwürfnisse mit Freunden und Förderern, Geldnöte als Folge einer aberwitzigen Verschwendungssucht – allein die Schenkungen der jahrzehntelangen Gönnerin Harriet Shaw Weaver beliefen sich nach heutiger Kaufkraft auf über eine Million Euro und reichten dennoch nie aus. Rathjen versagt sich zu all dem und manch anderem irritierendem Detail jede Spekulation und jede Bewertung, konstatiert das in mancher Hinsicht Befremdliche als das, was es ist: die Kehrseite jener Medaille, deren Vorderansicht, das „Dicht werk“, den „schäbigen Rest“, den „Dichter mensch“ (Arno Schmidt), letztlich zur vernachlässigbaren Größe macht. Diesem „Dichtwerk“ und seiner Darstellung gilt deshalb auch Rathjens Hauptaugenmerk. Seine Erläuterungen verdeutlichen Struktur und Aufbau der einzelnen Texte, geben hellsichtige Orientierungen zu deren spezifischer Ästhetik, ohne sich im Expertenwissen zu verlieren, und überzeugen in der Klarheit ihrer Formulierungen und durch die Relevanz der Informationen. Die Diskussion der einzelnen Werke fokussiert die konsequente und stringente Entwicklung eines poetischen Programms von den ganz frühen Vorträgen und Aufsätzen noch aus Studentenzeiten am Dubliner University College, in denen sich Joyce bereits als vehementer Gegner aller nationaler Erstarrung in der Kunst erweist, über die Dubliner -Erzählungen und ihrer ästhetischen Umsetzung einer als typisch irisch empfundenen Paralyse, dem Ringen um neue Formen des poetischen Ausdrucks zur Gestaltung einer existentiellen Unrast in A Portrait of the Artist as a Young Man, bis zu Ulysses und Finnegans Wake, den Büchern der Verwandlungen und Veränderungen (Ulysses), der Auflösung aller, letztlich auch der sprachlichen Identitäten in Polyphonie und Simultaneität der Gegensätze (Finnegans Wake). Dass ausgerechnet die Erläuterungen zum Ulysses, dem wahrscheinlich einflussreichsten Werk des 20. Jahrhunderts, besonders überzeugend ausfallen und das eigentliche Zentrum seiner Darstellung bilden, spricht für Rathjens Übersicht und seine fundierte Kenntnis von Joyces gesamtem Werk und seinem Kontext. Was an ihnen aber darüber hinaus anschaulich wird, sind die Defizite der klassischen Erzähltheorie, die blind ist ausgerechnet für jenes Medium, in dem sich die von ihr zu beschreibenden und analysierenden Texte realisieren – der Schrift. In Rathjens Ausführungen ist es die leider nur angerissene und nicht konsistent genug erörterte Frage, inwiefern Ulysses und Finnegans Wake noch einem mimetischen Darstellungsprinzip folgen und damit überhaupt noch als poetisch gelten können, die für die Analyse aller Werke Joyces eine Reflexion der Logik ihres Mediums nahe legt. Rathjen selbst zitiert im übrigen Samuel Beckett, der jedenfalls für das Verständnis von Finnegans Wake auf die Bedeutung der Schrift verweist: Joyce schreibe nicht über etwas, sondern „sein Schreiben ist dieses etwas selbst“. Das Schreiben, nicht das Erzählen. Den eingangs erwähnten triftigen Gründen, zu dieser Monographie zu greifen, sei abschließend ein letzter, für ein Buch solcher Intention aber entscheidender hinzugefügt. Ohne die Komplexität des dargestellten Werkes und insbesondere von Ulysses und Finnegans Wake zu leugnen oder auch nur zu relativieren, macht Rathjens Darstellung von Joyce Lust aufs Lesen von Joyce. Seine Monographie baut Berührungsängste ab, räumt mit Gerüchten von prinzipiell nicht zu überwindenden Verstehensschwierigkeiten auf und ist ein Leserköder im besten Sinn. Friedhelm Rathjen – und damit James Joyce – ist zu wünschen, dass möglichst viele anbeißen. |
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Arno Schmidt: Radio Dialogs II Translated from the German and with an Introduction by John E. Woods København & Los Angeles: Green Integer, 2003. 405 pages |
Reviewed by Timm Menke
Portland State University |
Vier Jahre nach dem Erscheinen von Schmidts Radio Dialogs I liegen nun – mit beträchtlicher Verspätung, der Band war bereits für “early 2000” angekündigt – die ebenfalls von John E. Woods übersetzten und mit einer Einleitung versehenen Radio Dialogs II vor. Die Aufmachung ist die gleiche: ein Paperback-Band in Kleinoktav mit einem Photo von Schmidt auf dem Umschlag und einigen Ungereimtheiten auf dem Waschzettel der Rückseite. So heisst es im Band I: “The radio dialogs represent some of the ‘conversations' Schmidt performed on radio [meine Hervorhebung] from 1955 to 1971”. Im Band II heisst es nun, die Radio Essays stammten aus den Jahren 1953 bis 1971. Was ist richtig? Und war der irische Grossmeister für Schmidt wirklich, wie dort behauptet wird “his beloved James Joyce”? Für den Band II wurden wiederum Funkessays zu deutschen und englischen Autoren ausgewählt: Herrn Schnabels Spur , Herder , Der sanfte Unmensch , Ein unerledigter Fall , Was wird er damit machen? und Das Buch Jedermann . Kritisches gilt es zur Herstellung und quality control des Bands anzumerken: sein ‘Inneres' weist zahlreiche satztechnische Unschönheiten auf. Die von Schmidt im Original benutzten kleinen Winkelklammern nehmen sich dort apart aus, und diese kleine Type wird auch in den Radio Dialogs I beibehalten. Im vorliegenden Band nun nehmen sie die Grösse der Buchstaben selbst an und werden für das Auge des Lesers nachgerade zu Winkel eisen , d.h. sie erdrücken, quetschen die von ihnen gerahmten Wörter. Schwerer, nämlich inhaltlich, wiegt auch satztechnische Verzicht auf nahezu alle von Schmidt vorgenommenen Kursivschreibungen. So gehen leider dem englischsprachigen Leser unzählige Feinheiten und Bedeutungen des Textes verloren. Und noch ein Punkt: das Kleinoktav des Bands mag zwar handlich sein, verumständlicht jedoch durch die gewählte grosse Satztype und dem damit verbundenen ständigen Zeilenumbruch die ganzheitliche Aufnahme längerer Gedankengänge und Äusserungen der Dialogpartner. Man wünschte sich, der Verlag hätte das Format der Bargfelder Ausgabe und ihren Bembo-Satz beibehalten. Je länger einer liest, je grösser wird der Unmut über dieses Missverhältnis. Peinlich auch die zahlreichen Falschschreibungen von Eigennamen, vor allem im Frenssen-Aufsatz: Satryos, Wolfenbottel, Aspernhof, Frennsen, Demel, Rijksmuseurn, Böklin, Neitzsche: Wie oberflächlich der Verlag gearbeitet hat, belegt auch das Impressum. Dort heisst es ganze vier Mal im Nominativ: “Der Arno Schmidt Stiftung”. Und schnell kontrolliert: ach ja, genauso falsch steht's auch im Impressum der Radio Dialogs I . Welcher Lektor hat hier Korrektur gelesen, wenn überhaupt. Mein verlagsfrisches Exemplar (selbst gekauft, der Verlag hatte IRAS trotz zweimaliger Bitte kein Rezensionsexemplar zukommen lassen) war bereits nach drei Monaten vom Buchhändler von ursprünglich $13.95 um 30 % heruntergesetzt worden. Man gewinnt den Eindruck, der Verlag sei nur halbherzig an der Betreuung des Bands interessiert und rechne kaum mit einem buchhändlerischen Erfolg, zumal die Kosten zur Herstellung der RadioEssays wohl schon durch die grosszügige Unterstützung der Arno Schmidt Stiftung weitgehend gedeckt warenund der Verlag kaum mit einem finanziellen Verlust rechnen muss. Damit nicht genug: Werfen wir einen Blick auf den Umschlag von Schmidts The School for Atheists: A Novella = Comedy in 6 Acts , ebenfalls von Woods übersetzt und 2001 bei Green Integer veröffentlicht. Der Verlag kannte offensichtlich den korrekten englischen Titel nicht und ‘übermalte' lediglich, anstatt neu zu setzen, das in roter Farbe Falsche “Arno Schmidt. School Atheists: Novella “mit dem richtigenTitel. Wie billig wollte der Verlag wohl produzieren? Herstellungsschlampereien dürfen freilich dem rührigen Übersetzer nicht angelastet werden. John Woods hat die Funkessays in Radio Dialogs II wiederum meisterhaft übersetzt, in bewährter Manier, und seinen Ruf als der wohl führende Übersetzer moderner deutscher Literatur ins amerikanische Englisch noch einmal bestätigt. Ein besonderes Lob gilt seiner Kunst bei der Anpassung von historischen deutschen Texten in Schmidts Arbeiten über Schnabel, Herder, Stifter. Da musste der Übersetzer den jeweils parallelgeschichtlichen englischen Tonfall und die entsprechende Schreibweise finden, was ihm weitestgehend gelungen ist. Wer literarisches Übersetzen bewundern will, der kann nachlesen, was im Herder-Aufsatz aus Mutter Goethes “Hätschelhans” in der Übertragung von Woods geworden ist (“Mr. Mollycoddle”) oder wie er “ein charmantes Hexen=, Fexen= und Eidexen=Wort” übersetzt, nämlich mit “a charming flexy=, sexy=, and perplexy word”. Die Frage bleibt, ob denn die Arno Schmidt Stiftung ebenfalls noch Interesse am Projekt der Verbreitung Schmidts in USA und England hat, nachdem sie in den frühen 90er Jahren die Schmidt-Bände bei Dalkey Archive mit veranstaltete? Fast scheint es, als ob man eher JohnWoods gegenüber noch die Verpflichtung erfüllen wolle, das bisher Übersetzte auch zu veröffentlichen, anstatt einen souveränen amerikanischen Verlag für Schmidt zu finden. So warnte ja ein Stiftungsmitglied vor drei Jahren öffentlich vor der Gründung einer US-englischen Arno-Schmidt-Gesellschaft, die sich u.a. zum Ziel gesetzt hatte, mit Hilfe der Woods-Übersetzungen Schmidt im anglo-amerikanischen Raum eine grössere Leserschaft zu verschaffen. Das Fazit bleibt wohl: bei nur halbherzigen Versuchen der Verbreitung eines Autors wie Schmidt entstehen dann Bücher wie das Vorliegende, das weder verlegerisch ernstgenommen noch vom Förderer wirklich gewollt wird. Bei diesem Stand der Dinge weht den Rezensenten eine leichte Melancholie an. |
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Marius Fränzel „Dies wundersame Gemisch“. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts Kiel: Ludwig, 2002 |
Reviewed by Thomas Körber
First published in Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre. Ed. Heinz Rölleke. 53/2 (2003), pp. 360-362. |
Die Tübinger Dissertation von 2000 ist die dritte Gesamtdarstellung zu Arno Schmidts Werk. Peter Ahrendts oberflächlicher Abriss beschränkte sich noch auf Paraphrasen von Schmidt-Zitaten ( Der Büchermensch. Wesen , Werk und Wirkung Arno Schmidts . Eine umfassende Einführung. Paderborn 1995). Dagegen bot Wolfgang Albrechts Schmidt-Band in der Sammlung Metzler (1998) eine solide und vorzüglich recherchierte Aufbereitung der Forschungsliteratur, ohne allerdings allzu viel vom Faszinosum, das die Schmidt-Lektüre bedeuten kann, mitzuteilen. Fränzels Ansatz ist bedeutend ehrgeiziger: Er erklärt es sich zur Aufgabe, „Schmidts Werke ein wenig vom Mythos der Unlesbarkeit und Unzugänglichkeit zu befreien“ (S. 12) und zwischen ihnen und dem interessierten Leser zu vermitteln. Das gelingt ihm auch, was vor allem auf seine Empathie für den Autor zurückzuführen ist. Weit entfernt von einer „Fan-Haltung“ zu Schmidt (die z.B. Ahrendts Darstellung so unbefriedigend und unergiebig macht), ist sein Buch doch stets von einem Höchstmaß an Einfühlung und Respekt für den Autor getragen. Die Arbeit ist als chronologischer Gang durchs Werk angelegt, besondere Schwerpunkte legt der Verfasser auf die Figurencharakteristiken und die Entwicklung einzelner Motive und Motivketten. Schmidts publiziertes Werk stellt sich ihm dabei als der Versuch einer Synthese aus Realität und Phantasie dar: Überlässt sich der junge Arno Schmidt in seinen Jugendwerken noch ganz dem Medium der Phantasie, so ist sie ihm nach 1945 als Kompensationsmedium bewusst geworden – er setzt jetzt auf eine akribisch geschilderte Topographie als Kontrollinstanz und nutzt die Möglichkeiten der Phantasie, ohne dadurch mit der Realität in einen dauernden Konflikt zu geraten. Im Spätwerk der 70er Jahre kehrt er wieder zur Position der Jugendwerke zurück - die Wirklichkeit wird als unerträglicher Alptraum entlarvt und desavouiert. Der Theoretiker Arno Schmidt der Berechungen sowie der späteren, anhand von Joyce und Freud entwickelten Etymtheorie (Fränzel spricht konsequent von „Etymmystik“) erfährt dabei ebenso scharfe Ablehnung wie der politisierende Kritiker der Adenauer-Restauration, der in den 50er und 60er Jahren das öffentliche Bild des Schriftstellers Schmidt vorwiegend bestimmte. In der ausführlichen Nacherzählung der Fabel haben die einzelnen Kapitel von Fränzels Darstellung fast schon Handbuch-Charakter, zumal sich die Auseinandersetzung mit der umfangreichen Forschungsliteratur auf ein Minimum beschränkt. Dabei kommt es naturgemäß zu einer Ausblendung von Aspekten, die mancher Leser ungern missen wird. Das von Fränzel selbst auferlegte Ziel einer Einführung in das erzählerische Werk Schmidts legt ihm natürlich auch Schranken und Fesseln auf, die dem Werk des Autors nicht immer angemessen sind. Das Buch muss auf zwei Abteilungen der „Bargfelder Ausgabe“ (nämlich die Abt. II Dialoge und III Essays und Biografisches) verzichten. Besonders schwer wiegt dabei die fast völlige Ausblendung der umfangreichen Fouqué-Biographie sowie der Karl–May-Studie Sitara . Ist die Differenz zwischen Roman und Essay in der Moderne schon schwer genug zu ziehen, so ist das bei kaum einem anderen Autor so problematisch wie bei Arno Schmidt. Die Dialoge und Nachtprogramme der 50er Jahre sind direkte Vorstufen zu den Dialogromanen der 70er Jahre und ohne die „Handübung“ von Sitara ist dem Schmidt-Anfänger das Verständnis der essayistischen Partien von Zettel's Traum nur schwerlich zu vermitteln. Aber selbst beim erzählerischen Werk ist Fränzel aus Raumgründen zur Verknappung und Verkürzung gezwungen. Das wird gerade beim Abschnitt über die „ländlichen Erzählungen“ 1960-1963 (von Schmidt unter dem Titel Kühe in Halbtrauer publiziert) deutlich. Diese Texte gehören sicher zu den komplexesten Werken Schmidts vor Zettel's Traum , so dass der Anfänger gerade bei ihnen im hohen Maße auf eine Hilfestellung angewiesen ist. In einer Einführung, die sich nicht an den letzten Gemeindehelfer der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser richtet, wäre daher eine konzise Darstellung aller zehn Erzählungen wünschenswert. Fränzel beschränkt sich jedoch auf Windmühlen und die bekannteste Erzählung aus diesem Reigen, Caliban über Setebos . Die umfangreiche Darstellung zu Zettel's Traum, zur Schule der Atheisten und besonders zu Abend mit Goldrand zeigt Fränzel dann wieder in Hochform: Sprachlich niveauvoll und sehr einfühlsam, dabei niemals den Jargon des Experten herauskehrend, gelingt Fränzel eine souveräne Beschreibung von Schmidts Spätwerk, die auch der mit Schmidts Werk lange vertraute Leser mit Erkenntnis und Gewinn lesen wird. Eine sorgfältige Auswahl der Forschungsliteratur rundet eine Arbeit ab, die als Begleitlektüre für universitäre Schmidt-Seminare, aber auch für den nur sporadischen Schmidt-Leser gute Dienste leistet. |
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Marius Fränzel “Dies wundersame Gemisch”. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts Verlag Ludwig, Kiel 2002. ISBN 3-933598-54-0349, 349 pages, 29,90 €. |
Reviewed by Jan Süselbeck
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Lob der Putzfrau Marius Fränzel gebührt ein Ehrenplatz in den Annalen der Arno-Schmidt-Forschung. Und zwar für den verblüffenden Satz: “Kurz und nochmals gesagt: Ich verstehe hier nichts.” [S. 225] Das trotzige Diktum gilt Schmidts Geschichte Piporakemes! . Fränzel hält die Binnenerzählung dieses Prosa-Kabinettstücks aus dem Erzählband Kühe in Halbtrauer (1964) bzw. den Ländlichen Erzählungen , wie der Zyklus heute in der Bargfelder Ausgabe heißt, schlicht für den unverständlichsten Text der deutschen Literatur. Das ist ein recht freimütiges Bekenntnis für jemanden, der sich auf dem Einband seines Buches als “einer der besten Kenner des Werks Arno Schmidts” vorstellen lässt. Wirft doch der Begriff des “Verstehens”, der hinter Fränzels koketter Ratlosigkeit hervorscheint, Licht auf ein Grundproblem der bisherigen Rezeption Arno Schmidts, dessen Literatur man in weiten Kreisen immer noch wie eine Art Kreuzworträtsel liest. Findet man keine literarische Quelle oder eine handliche Erklärung für die Intention, die der Autor Schmidt mit diesem oder jenem Textpartikel seiner Werke verbunden haben soll, so stellt sich in der ‚Schmidt-Gemeinde‘ Ratlosigkeit ein. Einen literarischen Text zunächst einmal so zu nehmen, wie er buchstäblich ‚ist‘, und ihn ohne fuchtelnde Verweise auf andere Erklärungsinstanzen mit seinen Motiven und in seiner Struktur geduldig zu betrachten, fällt nach wie vor nur wenigen Schmidt-Forschern ein. In der Rezeption Schmidts herrscht mithin seit Jahrzehnten ein merkwürdig verdinglichter Begriff von Literatur vor, der in großen Teilen der entsprechenden Philologie dazu führte, dass man die funkelnde Prosa eines der avanciertesten Autoren der Nachkriegszeit mit so sekundären Dingen wie zweifelhaft belegten biographischen Daten, triumphierenden Verweisen auf Büchernennungen in vergilbten Antiquariatskatalogslisten oder gar mit dem Anlegen dubioser geheimer Zahlenschlüssel erschöpfend erklären zu können glaubte. Fränzel versucht in seiner Arbeit, einen Überblick über die maßgeblichen bisherigen Lesarten der verschiedenen Werke und Werkphasen Arno Schmidts zu geben und distanziert sich im Vorwort ausdrücklich vom biographischen Ansatz [S. 11]. Auf eine eingehendere selbständige theoretische Verortung verzichtet Fränzel jedoch. Damit gehört seine Arbeit eindeutig nicht zu jener “zunehmende[n] Anzahl von Dissertationen, Zulassungs- und Magisterarbeiten zu Schmidt”, “die ihre Ansätze zu einem nicht unbedeutenden Teil aus Theoriebereichen beziehen, die dem verhandelten Autor selbst immer fremd geblieben waren oder fremd sein mußten” [S. 9], wie Fränzel die begrüßenswerten und zaghaften Entwicklungen hin zu einer wirklichen Schmidt-Philologie eingangs beschreibt. Damit wäre auch bereits benannt, warum Fränzels Studie zumindest als Doktorarbeit keinerlei Sinn ergeben kann. Es fehlt ihr an einem theoretischen Standpunkt, der über bisherige Erkenntnisse hinaus zu eigenen Ergebnissen gelangen könnte. Fränzel klebt an den oftmals kruden und unseriösen Erträgen der bisherigen Schmidt-Forschung, die er teils akribisch referiert, auch kritisiert, aber niemals durch eigene interpretatorische Vorschläge ergänzt und weiterführt. Fränzel versinkt selbst in dem tiefen Sumpf literaturwissenschaftlichen Schunds, in den er uns als väterlicher ‚Kenner‘ “einführen” möchte. So diskutiert er die teilweise lähmend stumpfsinnigen mythologischen ‚Dechiffrierungen‘, die Ralf Georg Czapla an den Ländlichen Erzählungen durchgeführt hat, um den Leser schließlich mit dem eingangs zitierten, persönlichen Bekenntnis zu Piporakemes! zu konfrontieren und hinzuzufügen: “Auch die Forschungsliteratur macht bis dato durchaus nicht den Eindruck, als verstehe sie die ‚Ländlichen Erzählungen‘ auf mehr als rudimentäre Art und Weise.” [S. 226] Die Aufgabe einer Doktorarbeit wäre es nun gewesen, nach einem solchen Befund den Vorschlag für einen neuen (oder ersten) Weg zum “Verstehen” des Unverstandenen zu machen. Das höchste der Gefühle aber bleibt es bei Fränzel beispielsweise, uns in einer Fußnote darauf aufmerksam zu machen, dass ein “Schwellenreißer” nicht so funktionieren kann, wie Arno Schmidt es in Leviathan beschrieben hat – und dies noch mit dem zusätzlichen Hinweis, dass diese Erkenntnis nicht einmal von ihm, Fränzel, selbst stamme [S. 37f.]. In dem “wundersamen Gemisch”, das uns der Autor präsentiert, werden bestenfalls altbekannte Fragen nachgebetet, nicht aber neue Antworten gesucht. Es gibt in dieser Arbeit keine markante eigenständige These, deren Verifizierung durchgängig versucht würde. Gewiss: Vielleicht braucht eine “Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts” eine solche These auch nicht. Doch eine “Einführung” sollte zumindest eines bieten: Den ausgewogenen Überblick über das vorzustellende Werk und die einschlägige Forschung. Leider hapert es auch hier. Es sei vorweggenommen, dass Fränzel damit die einzige Chance seines Projektes verspielt, zumindest den Anschein wissenschaftlicher Nützlichkeit zu entwickeln. Der hätte darin bestehen können, Wolfgang Albrechts 1998 in der “Sammlung Metzler” erschienene, knappe und systematische Einführung in das Werk Schmidts zu aktualisieren, die sich übrigens nicht einmal in Fränzels Literaturliste findet. Tatsächlich aber fällt Fränzels weit umfangreicherer Band als Forschungsübersicht weit hinter das zurück, was Albrecht bereits vier Jahre zuvor geleistet hat. In den einzelnen Abschnitten, die er chronologisch und nach den verschiedenen Wohnorten Schmidts geordnet hat, an denen die Texte entstanden sind, fasst Fränzel zunächst die jeweiligen Erzählungen zusammen. Immer wieder begibt er sich in der Diskussion der Handlung in die anmaßende Position desjenigen, der Arno Schmidt die sachlichen ‚Unstimmigkeiten‘ und ‚Fehler‘ in seinen fiktionalen Texten vorrechnet; ganz so, als wolle der Germanist dem Autor posthum endlich einmal erklären, wie naiv er doch war, weil er dies und jenes nicht wusste. Stirnrunzelnd wird hier manchmal sogar durchgespielt, wie ein Roman ‚eigentlich‘ nach den Regeln der Fränzel'schen Dramaturgie hätte verlaufen können oder sogar: müssen. So bescheinigt der Germanist Schmidts superber “Novellen=Comödie” Die Schule der Atheisten herablassend einen “kaum zu tolerierende[n] Grad an Unwahrscheinlichkeit” [S. 276]. Er neigt außerdem dazu, sich über Seiten Fragen wie die zu stellen, warum die Russen in Schmidts Gelehrtenrepublik ihre Atombomben ausgerechnet auf Las Vegas geworfen hätten, sei dies doch wahrlich kein “kriegsentscheidendes” Ziel [S. 145]; auch beschäftigt ihn das weltbewegende Rätsel, aus welchem Grund das Liebespaar in Leviathan am Ende Selbstmord begangen haben könnte – schließlich habe doch die Möglichkeit bestanden, abzuwarten, “ob denn der Krieg nicht wenigstens zeitweilig eine andere Wendung nehmen wird und sie vielleicht doch gerettet werden könnten” [S. 44]. Mit solchen unerträglichen Besserwissereien begeht Fränzel den ewigen Grundfehler des laienhaften Kunstkonsumenten: Fiktionale Figuren werden wie lebende Menschen behandelt, deren möglicherweise ‚sinnloses‘ Tun es zu tadeln gilt. Von da aus ist es nur noch ein Katzensprung zu der Putzfrau, die empört aus dem Kino tritt, weil ihr das Ende des neuesten Liebesfilms mit Julia Roberts nicht einleuchten will. Damit sollte übrigens nichts gegen die Putzfrau gesagt sein. Denn die maßt sich wenigstens nicht an, uns mit dem Zeigestock das erzählerische Werk Arno Schmidts zu erklären. Leider wird die beabsichtigte erzieherische Wirkung von Fränzels Studie nicht zuletzt dadurch zerstört, dass der Autor ohne erkennbare Systematik obsolete Aufsätze und Forschungsbeiträge referiert. Er zeigt sich hier als angeblicher ‚Kenner‘ alles andere als auf dem neuesten Stand der Forschung. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Angesichts der Tatsache, dass es bisher nur wenige Interpretationen von Schmidts Typoskript Die Schule der Atheisten gibt, wäre im Rahmen einer wissenschaftlichen ‚Einführung‘ ein kurzer kritischer Hinweis auf Horst Denklers und Carsten Würmanns ausführlichen Sammelband “Alles=gewendet!” aus dem Jahr 2000 angebracht gewesen. Doch Fränzels lückenhafte Literaturliste verzeichnet nicht einmal diese Veröffentlichung. In einer Fußnote fordert Fränzel eine genetische Untersuchung zu Schmidts wechselvoller Stifter-Rezeption ein [S. 304]. Ein kurzer Blick in die Schmidt-Bibliographien Robert Weningers und Karl-Heinz Müthers oder auch den Eppelsheimer-Köttelwesch hätte hier genügt, um festzustellen, dass teilweise bereits seit Jahrzehnten entsprechende Beiträge (von Josef Huerkamp, Timm Menke, Gerald Stieg u.a.) vorliegen. Offenbar beruhen Fränzels bibliographische Kenntnisse auf der kursorischen Durchsicht der üblichen Schmidt-Periodika – auch dies ein typisches Manko der oft unprofessionell agierenden Schmidt-Forschung, die nicht gerade entlegene Erscheinungsorte wie die Vierteljahreshefte des Adalbert-Stifter-Institutes des Landes Oberösterreich (VASILO) gerne selbstgefällig übergeht. In seiner Besprechung der Schmidt'schen Juvenilia ‚vergisst‘ Fränzel die Erwähnung der bisher wichtigsten und einzigen umfassenden Studie zu diesem Werkkomplex: Maike Bartls immerhin in den Heften zur Forschung erschienene Magisterarbeit zur “Methodik des Entkommens”, die bereits 2001 für Furore sorgte. Auch behauptet der langjährige Schauerfeld -Redakteur in seiner Besprechung von Seelandschaft von Pocahontas , der gesamte Pocahontas-Komplex sei “bis dato nicht detailliert untersucht worden” [S. 101]. Es ist ein starkes Stück, dass in einer 2002 erschienenen Doktorarbeit Klaus Theweleits vielbeachteter Pocahontas-Band, der bereits 1999 erschöpfende Auskunft über das Thema gab, unberücksichtigt bleibt – mehr noch: dem Autor offenbar Jahre nach dem Erscheinen nicht bekannt war. Stattdessen kann sich Fränzel zum Beispiel unverhältnismäßig lange an der Diskussion eines abgestandenen Uralt-Beitrages von 1973 aufhalten [S. 222 ff.] und dafür ganz nebenbei große Teile der Ländlichen Erzählungen unter den Tisch fallen lassen. Als alleinige ‚Erklärung‘ für diesen erstaunlichen Umstand lesen wir den Satz: “Im Rahmen dieser Einführung soll nicht jeder einzelne Text der ‚Ländlichen Erzählungen‘ detailliert besprochen werden.” [S. 199] Immerhin handelt es sich bei den Ländlichen Erzählungen um einen der, wenn nicht sogar den Werkgipfel im Œuvre Arno Schmidts. Um so weniger ist einzusehen, warum Fränzels “Einführung” daraus lediglich die Texte Windmühlen , Piporakemes! und Caliban über Setebos en passant behandelt, sieht man einmal von bloßen Nebensatz-Erwähnungen ab, wie sie etwa Kundisches Geschirr im Zusammenhang mit der “Etymmystik” – so beliebt Fränzel die Etymtheorie zu nennen – zu Teil wird. Ähnlich prekär verhält es sich mit Fränzels Besprechung von Zettel's Traum . Im Gegensatz zu den überaus inspirierenden Textbeobachtungen, die Doris Plöschberger in ihrer ebenfalls 2002 erschienenen Doktorarbeit zu Zettel's Traum an einer der wichtigsten Szenen des Werkes – dem obszönen Scortlebener Jahrmarktstreiben im siebten Buch – gemacht hat, lesen wir bei Fränzel ernüchtert: “Es kann hier nicht detailliert auf den Scortlebener Jahrmarkt eingegangen werden; es muß bei dem Hinweis darauf bleiben, daß die gesamte Szenerie als große Phantastische Vision angelegt ist.” [S. 261] Bitter enttäuscht legt man schließlich dieses wundersame Buch aus der Hand. Die Arbeit ist als ‚Dissertation‘ wertlos und als ‚Einführung‘ eine schlichte Zumutung. Fränzels hilflose Ergüsse nehmen dem Leser die Hoffnung, es könne irgendwann doch noch gelingen, Schmidt vor seinen selbsternannten “Kennern” zu retten. Fränzels erklärtes Ziel, Arno Schmidt von dem Ruch der Unlesbarkeit zu befreien und sein Werk auch Laien zugänglich zu machen, dürfte jedenfalls gründlich verfehlt worden sein. Im Pantheon der problematischen Forschungs-Trouvaillen, die Fränzel so ausgiebig referiert, ist ihm selbst ein Logenplatz sicher. |
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| Sabine Kyora / Axel Dunker / Dirk Sangmeister (eds.) Literatur ohne Kompromisse. ein buch für jörg drews AISTHESIS VERLAG, Bielefeld 2004. 468 pages, bound EUR 24,80, ISBN 3-89528-446-7 |
Reviewed by Jan Süselbeck
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Herr Drews on air Irgendwann muss der Mann entschieden haben, abzuheben. War's in der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“, irgendwann Anfang der Siebziger also, oder schon früher? Vielleicht in jenem denkwürdigen, glücklicherweise fotographisch festgehaltenen Moment Ende der Sechziger, als er gemeinsam mit Arno Schmidt im Heidepanorama herumstand, die Schnapspulle im Anschlag? Tatsache ist: Jörg Drews, nunmehr pensionierter Professor der Universität Bielefeld, ist und bleibt ein Phänomen. Der mittlerweile zweite Band, der binnen kürzester Frist zu Ehren des Jubilars erschienen ist – ein knapp 470-seitiges, regelrechtes Trümmerstück aus dem Bielefelder AISTHESIS VERLAG – spricht da für sich. „Überhaupt ist er weit und breit interessiert, kennt Gott und die Welt, ohne Berührungsängste oder einschlägige Zwänge“, schreibt etwa Otto Breicha, der erst kürzlich verstorbene, langjährige Herausgeber der verdienstvollen österreichischen Zeitschrift „Protokolle“, über Drews. Der umtriebige Literaturwissenschaftler sei ihm zudem überhaupt niemals professorenhaft begegnet, erinnert sich Breicha. Auch andere Beiträger des Buchs bestätigen diese unprätentiöse, locker-flockige Offenheit des großen intellektuellen Kommunikators Drews. „Du kannst Du auf mich sagen“ soll er 1970 prompt zu Kurt Scheel in München gesagt haben, als der Drews als junger Adept über ein Arno-Schmidt-Seminar an der dortigen Uni kennengelernt hatte. „[D]och, ich erinnere mich genau an die merkwürdige Formulierung –, und damit wurde er also "der Jörg" und ich "der Kutte"“. Das klingt bei Scheel fast schon so, als sei ein olympischer Gott der Literaturkritik lässig zu seinem bedingungslosen Verehrer hinabgestiegen. „Jörg Drews: ein Name wie ein Donnerhall, jedenfalls für SZ - und Arno-Schmidt-Leser Ende der sechziger Jahre“, erinnert er sich. Glaubt man dem liebevollen biographischen Wörterbuch, das die Herausgeber dem Band vorangestellt haben, ist Jörg Drews – 1938 in Berlin geboren, heimisch in München, lebend in Bielefeld – quasi pausenlos in Aktion. Mittels des gut ausgebauten Streckennetzes der Lufthansa, heißt es da, sei es dem Doyen der Schmidtforschung, der das Wort „Schmidtforschung“ übrigens gar nicht mag, möglich, seine ‚geruhsamen‘ Wochenenden entspannt zwischen Christchurch, New Zealand, Berlin, Hannover, Bielefeld, St. Louis/Missouri etcetera zu verbringen. Zur Not springe er aber auch einfach mit dem Fallschirm ab, wenn Zwischenstops nicht vorgesehen seien. Wer glaubt, dies sei dann doch übertrieben, blättere nur im geradezu erschlagenden Inhaltsverzeichnis dieses Buchs. Es ist schon beeindruckend, wer sich da so alles landauf, landab berufen fühlte, dem Meister sein Lob zu singen. Hier versammeln sich bekannte Autorinnen und Autoren wie Herbert Achternbusch, Friederike Mayröcker, Werner Fritsch, Bernd Rauschenbach & Jörg W. Gronius, um literarische, aphoristische oder auch eigenwillige zeichnerische Sonettenkränze zu Ehren des Literaturwissenschaftlers und renommierten Kritikers zu winden. Zwar betonen einzelne Autoren zwischendurch ihre aufgeklärte, schmunzelnde Distanz zu dem muffigen Genre der professoralen Festschrift, doch das hier ist schon eine solche – wenn auch eine ziemlich abwechslungsreiche, die den schnöden akademischen Usancen weitgehend entsagt. Eine wohltuende ironische Attitüde zu allem verknöcherten Verehrertum durchzieht die Beiträge und verhindert, dass die geballte Portion Ehrerbietung, die hier aufgetürmt wird, ins Peinliche kippt. Diesen lockeren Grundton vermittelt bereits das Titelbild des Bands: Vera Brüggemanns Karikatur „Herr Drews on air“ zeigt den unerschrockenen Jubilar mit ausgebreiteten Armen auf den Tragflächen eines fliegenden Doppeldeckers. All das passt jedenfalls überhaupt nicht zu der nun schon älteren Polemik des Verlegers Jörg Schröder, wonach der Schmidt-Verehrer Drews zu jener Sphäre grauer, „staubscheißender“ Feuilleton-Eminenzen gehört habe, die sich Schmidt in seinem „furchtbaren Heidebunker“ seinerzeit kriecherisch genähert hätten, „all diese grauenhaften Polker, Hermeneutiker, Kaffeesatzleser, Dechiffrierer. Was da alles für Leute sich zusammengefunden haben. Alles Klaustrophile“. In der zweiten Hälfte des Buchs warten dann auch noch vierundzwanzig germanistische Aufsätze von allerlei namhaften LiteraturwissenschaftlerInnen auf den Leser, die sich nicht etwa nur mit Arno Schmidt, sondern auch Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottfried Seume, James Joyce et al. befassen – Autoren mithin, die Drews seit jeher besonders interessiert haben und um deren Erforschung er sich in den letzten Jahrzehnten so verdient gemacht hat. Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, alle diese weitverzweigten Untersuchungen kritisch nachzuzeichnen. In Anbetracht des Veröffentlichungsortes dieser Rezension sei jedoch versichert, dass viele der Aufsätze auch für Schmidtleser von Teils nicht geringem Interesse sein dürften. Schmidt gerät hier nämlich auch dann immer wieder in den Fokus, wenn eigentlich andere Autoren im Zentrum der Ermittlungen stehen. So zum Beispiel in Wolfgang Albrechts Aufsatz über Christoph Martin Wielands „Diogenes“-Schrift oder auch in Henner Löfflers Notizen über den Spaziergänger Joyce. Löffler hat übrigens in seinem netten Beitrag richtig beobachtet, dass die meisten der wirklich innovativen Schriftsteller zu allen Zeiten und an allen Orten manische Spaziergänger waren. Der Autor erinnert dabei neben Joyce beispielsweise auch an Seume, der im Jahre 1802 von Sachsen aus schlappe 6000 Kilometer nach Syrakrus auf Sizilien wanderte. Aber auch an die ausdauernden Flaneure Charles Dickens, Franz Kafka und Arno Schmidt sowie an den unerschrockenen Schmetterlingsfänger, Fußballtorwart und begeisterten Tennisspieler Vladimir Nabokov. Erstaunlicherweise vergisst Löffler Thomas Bernhard. Über dessen alltägliche, produktive Spaziergänge lese man in Karl Ignaz Hennetmairs 1972er Tagebuch alles nötige nach. Was daraus in der Literatur wurde, steht – beispielsweise – in Bernhards Roman „Gehen“ (1971). Josef Huerkamp, wohl immer noch einer der absoluten Rekordhalter in Sachen Buch- und Aufsatzpublikationen über Arno Schmidt, untersucht in seinem Beitrag die Hoppenstedt-Figur aus Schmidts „historischem“ Roman „Das steinerne Herz“. Dr. Hoppenstedt, jene extrem blasse Figur, die quasi als eine Art Hass-Pappkamerad des Erzählers viermal auftritt, wird zunächst auch von Huerkamp als „komplett und rundherum ridikule Type“ vorgestellt. Hoppenstedt sei dabei im Blick auf den Erzähler als „Projektion seines ressentimentgeladenen Leidens“ lesbar – „wenn schon kein Charakter, so doch glaubwürdig genug, weil Arno Schmidt ihn wohl brauchte – und das nicht nur aus artistischen Gründen“. Der Clou: Die herablassenden Dialoge, die der Protagonist Walter Eggers mit Dr. Hoppenstedt führt, entpuppen sich in Huerkamps Lesart vor dem Hintergrund einer Bemerkung aus den „Berechnungen“ Schmidts als weniger besswerwisserische, sondern letzthin ironisch gebrochene Selbstgespräche des Autors. Dieses Buch ist zumindest in seiner Vielfältigkeit kompromisslos, und damit wird es seinem Titel gerecht. Der literaturwissenschaftliche Teil behandelt zu viele Themen, als dass sie in einer einzigen Rezension angemessen abzuhandeln wären. Ein voluminöses Geschenk für Leser also, die sich nebenbei daran erinnern lassen wollen, dass es auch jenseits des Arno-Schmidt-Kosmos noch SchriftstellerInnen gibt, die der geneigten Auseinandersetzung harren. Herr Drews wird es jedenfalls bestimmt gerne durchblättern. Wahrscheinlich ist er dann schon wieder auf dem Weg nach Neuseeland: Gute Reise! |
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Arno Schmidt Fragmente. Prosa, Dialoge, Essays, Autobiographisches Bargfelder Ausgabe, Supplemente Band IISBN 3-518-80205-4, 431 S., € 49,00.– |
Reviewed by Jan Süselbeck
Originalbeitrag |
“Ganz normal=deutsch” “Unser glückliches Vaterland! Wimmelnd von solchem Menschenmaterial!!”, höhnt der Ezähler in Arno Schmidts Fragment “Auf & Ab”. “Ich hatte gerade die Seite ›STELLENANZEIGEN‹ in der ›Frankfurter Allgemeinen‹ gelesen: Nichts als Genien, ›reaktionsschnell‹ und ›verantwortungsbewußt‹; ›dynamische Persönlichkeit‹ und ›repräsentative Erscheinung‹”. Schmidts Entwurf stammt aus dem Jahre 1962. Verwundert stellt der Leser im neuen Jahrtausend fest, dass sich gewisse Dinge wohl nie ändern. |
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Reinhard Jirgl Die Unvollendeten. Roman München/Wien: Carl Hanser Verlag, 2003 |
Reviewed by Timm Menke
Originalbeitrag |
IRAS (Internet Review Arno Schmidt) ist in erster Linie ein Diskussionsforum für die neuere Sekundärliteratur zu Schmidt und soll es in Zukunft auch bleiben. Wenn allerdings im vorliegenden Beitrag eine Ausnahme gemacht und ein Roman, ein fiktionaler Text, vorgestellt wird, dann aus Erstaunen und Überraschung darüber, welch intensive literarische Nähe der neue Roman Die Unvollendeten des ostdeutschen Schriftstellers Reinhard Jirgl zur Prosa Arno Schmidts aufweist.
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Michael Manko Die “Roten Fäden” in Zettel's Traum. Literarische Quellen und ihre Verarbeitung in Arno Schmidts Meisterwerk Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2001, 380 pages |
Reviewed by Timm Menke
First published in German Quarterly 75.3 (Summer 2002) |
Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Zettel's Traum erinnert zuweilen an den Turmbau zu Babel , gleicht doch die philologische Arbeit an Schmidts 1330 Seiten dickem dreispaltigem DIN A3-formatigem Mammutwerk einer kontinuierlichen, intensiven, vom Stimmengewirr aus zahlreichen Methodenbereichen der Germanistik begleiteten, doch nie zu einem Abschluß kommenden Bautätigkeit. Interpretative Unabgeschlossenheit wird so nachgerade zum Markenzeichen von Zettel's Traum. Dieser Eindruck verstärkt sich noch angesichts der zunehmenden Auseinandersetzung mit dem Werk, liefern doch die in den letzten Jahren entstandenen Arbeiten an seiner Enträtselung, um im architektonischen Bild zu bleiben, lediglich Innenwände, Stützbalken, einzelne Stockwerke oder Treppenhäuser: ein Verständnis von Zettel's Traum in seiner Gesamtheit scheint noch lange nicht in Sicht. |
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Jörg Drews/Doris Plöschberger (eds.) Starker Toback, voller Glockenklang: Zehn Studien zum Werk Arno Schmidts Bielefeld : Aisthesis Verlag, 2001 |
Reviewed by Peter Arnds Originalbeitrag |
Der Band besteht größtenteils aus überarbeiteten Referaten der Second International Arno Schmidt Conference, die in Portland , Oregon im September 2000 stattfand. Wie in Studien über Arno Schmidt üblich, begegnen dem Leser auch hier zahlreiche Beiträge zur Intertextualität im Werk des niedersächsischen Autors. Zu den interessanteren Analysen dieser Art gehören die von Heinrich Schwier über die Bezüge zwischen Schmidt und Wilhelm Raabe, die ja bekanntlich beide große Texttüftler waren und über deren Gemeinsamkeiten sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, dann der sehr lesbare Aufsatz von Wilhelm Berentelg, der die Lebensphilosophie Schmidts mit der Gottfried Benns vergleicht, und schließlich der sehr sorgfältig erarbeitete Beitrag des Schmidt-Joyce Experten Friedhelm Rathjen zu Schmidts Berührung mit dem Werk von Lewis Carroll. Darüber hinaus enthält dieser Band so feinsinnige Artikel wie den von Doris Plöschberger, der deutlich macht, wie Zettels Traum mit visuellen Mitteln arbeitet, um zu einer gesteigerten Anschaulichkeit zu gelangen, und Rudi Schweikerts intensive Auseinandersetzung mit der Schmied-Metaphorik in Schmidts Gesamtwerk. Editorisch gesehen ist dieser Band eine Glanzleistung. Was in der Arno-Schmidt Forschung jedoch immer wieder auffällt, und auch dieser Band bestätigt es erneut, ist, dass sie es nicht schafft, Schmidt in einen weiteren Kontext der Nachkriegszeit einzuordnen, also nicht kontextuell, sondern leider bestenfalls nur intertextuell verfährt. Diese Forschung ist, um es überspitzt zu formulieren, so obskur und zurückgezogen wie der Autor, dem sie sich widmet, sozusagen hermetisch von allem anderen abgeriegelt, wie es Axel Dunker in seinem Beitrag über Das steinerne Herz selbst betont. Die Germanistik scheint angesichts der Uneinordbarkeit Schmidts zu resignieren und so kommt es zu so traurigen Schlussfolgerungen wie der Dunkers: “Wie all das mit der zeitgeschichtlichen Ebene des Buchs [. . .] zusammenhängen könnte, kann ich hier nicht mehr ausführen.” (71) Doch genau diese allgemeineren Zusammenhänge wären auch für Studenten interessant, die, wie Plöschberger in ihrem Vorwort an einem Beispiel illustriert, danach fragen mögen, wie Schmidt in die deutsche Nachkriegsliteratur passt. Gerade bei einem Beitrag wie dem von Dunker über den Archetyp des Tricksters, ein Aufsatz, der eigentlich kaum über das hinausgeht, was Hartmut Dietz bereits vor zehn Jahren gesagt hat, wäre es durchaus angebracht gewesen, über die Funktionen einer so irrationalen Figur wie der des Tricksters oder Schelms für das so rationale politische Umfeld der Nachkriegsjahre nachzudenken, Schmidt also mit Grass, Böll und Thomas Mann und deren literarischer Auseinandersetzung mit diesem Archetyp als Reaktion auf die Adenauerzeit zu vergleichen. Gerade ein Text wie Das steinerne Herz ist kein hermetischer Text, hier muss ich Dunker widersprechen, sondern er lässt sich durchaus in die nach 1945 wieder auflebende Tradition des Schelmenromans integrieren, eine Gattung, die das Vernunftstreben des Bürgertums seit der Aufklärung unterdrückt hat. Erfrischend befreiend ist im Vergleich zu dieser Forschung, die sich selbst gern als hermetisch abgetrennt begreift und bisher vor allem Schmidtianer interessiert hat, der Beitrag von Jörg Drews. Es handelt sich hierbei um den Versuch einer Einordnung des Texts Kaff auch Mare Crisium in die literarisch-politische Situation um das Jahr 1960. Drews' faszinierender Artikel, der weit über den Tellerrand der üblichen Arno-Schmidt Forschung hinausblickt, eignet sich hervorragend als Lektüre für Studenten in “post-1945 German literature” Kursen. Die Heterogenität der Beitragspalette, die von spezifisch-introvertiert bis großflächig-allgemeinverständlich reicht, kann jedoch gleichzeitig auch als eine Stärke dieses Bandes und der Arno-Schmidt Forschung gewertet werden, denn letztere verhält sich unterschiedlichen Analyseansätzen und Schreibweisen gegenüber überaus konziliant, vielleicht aus steter Dankbarkeit, dass sich überhaupt noch jemand mit Arno Schmidt beschäftigt, der zu Lebzeiten kaum mehr als 1000 Leser zählte. So begrüßt diese Forschung sogar einen Aufsatz wie den von Jan-Frederik Bandel über die Märchenposse Abend mit Goldrand , der nicht nur auf eine klare Hypothese verzichtet, sondern auch für absolute Insider geschrieben zu sein scheint und mir daher vollkommen unverständlich geblieben ist. |
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Doris Plöschberger SilbmKünste & Buchstabmschurkereien. Zur Ästhetik der Maskierung und Verwandlung in Arno Schmidts Zettel's Traum Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2002. 199 S. 2 Abb. (Beitr. z. neueren Literaturgeschichte, 191) Kt € 29.- ISBN 3-82531418-9 |
Reviewed by
Jan Süselbeck |
“Dreißig Jahre nach Erscheinen von Zettel's Traum gibt es noch immer keine zusammenhängende Forschung zu diesem Buch, also keinen Forschungsstand, sondern so etwas wie vereinzelte Vorstöße, Dissertationen, ein Buch, diverse Aufsätze – und dazwischen herrscht Leere”, klagten unlängst Jörg Drews und Doris Plöschberger als Herausgeber eines Sammelbandes mit Dokumenten und Studien zu jenem »dicken« Buch Arno Schmidts, das jeder Literaturinteressierte zumindest vom Hörensagen kennt, aber kaum einer wirklich gelesen hat. Um es vorweg zu nehmen: Die Grazer Literaturwissenschaftlerin Doris Plöschberger hat es in ihrer nun vorliegenden Dissertation tatsächlich geschafft, so etwas wie eine Einführung zu Zettel's Traum zu liefern, auch wenn ihr Thema, die “Ästhetik der Maskierung und Verwandlung”, etwas ganz anderes verspricht. Auf erstaunlich knappem Raum faßt Plöschberger zusammen, wie Schmidt dazu kam, ein solches Riesenbuch zu schreiben und was die “Dietriche” zu den Hauptthemen und Erzählsträngen seines Mammuttextes sein könnten. Es dürfte daher für Laien überhaupt nichts schaden, Plöschbergers Studie vor der Lektüre des Originaltextes zur Kenntnis zu nehmen. In jedem Fall kann der gemeine Leser nach Plöschbergers Grundkurs, ob er Zettel's Traum nun schon kennt oder nicht, entspannter an die wüste Melange aus Wissenschaft und Poesie herantreten, die der “Klarglas=Witzbold” Schmidt selbst herablassend für so kompliziert erklärte, dass sie nur ca. 390 Leser je würden verstehen können. Bereits in ihrer Einleitung schmettert Doris Plöschberger das zählebige Gerücht ab, bei Zettel's Traum handele es sich um ein “unzumutbare” Lektüre. Ihrer Meinung nach verschleierte Schmidt selbst den Blick auf das Werk durch die Behauptung einer Komplexität, die “ohne einschlägige Kenntnisse der Freudschen Psychoanalyse sowie ohne die intime Bekanntschaft mit zumindest einem Gutteil von Schmidts eigenem Lektürekanon nicht adäquat rezipierbar, geschweige denn zu verstehen wäre.” [S. 11] Plöschberger geht es darum, diesen “Mythos von Zettel's Traum , der den eigentlichen Blick auf das Buch verstelllt”, zugunsten eines Verständnisses der “eigentlichen Irritation” aufzuhellen, die die Rezeption des Werkes ihrer Meinung nach tatsächlich erschwert: Sein “merkwürdig changierender und nur schwer festlegbarer Status zwischen Informationsprosa und poetischer Fiktion, zwischen Deskription und Narration, zwischen sexueller Perversion, ihren Verdrängungsmechanismen sowie ihren Manifestationen in der Literatur und der mimetischen Vergegenwärtigung von Funktionsweisen des menschlichen Bewusstseins und des Unbewussten.” [Ebd.] Jenseits der hier doch etwas arg überfrachteten Satzbauweise, die nun mal für Vorworte von Doktorarbeiten typisch ist, hieße die These verkürzt: Das Riesenbuch kann sich nicht so recht entscheiden, ob es Essay, Roman, oder gar ein Essayroman sein soll; ob es blanke, ermüdend wiederholte Theorie oder eben doch bloß die Geschichte von einem alten Mann und einer jungen Frau und ihrer unmöglichen Liebesgeschichte sein will. Das Problem von Zettel's Traum ist es laut Plöschberger, dass es hier anders als bei anderen Spätwerken Schmidts eben “ auch um Informationen – um die thesenmäßige und diskursiv durchargumentierte Darlegung der sogenannten Etym-Theorie [...] und des etym-analytischen Interpretationsverfahrens sowie um dessen Exemplifizierung an den Texten Poes” ginge [S. 16]. Im übrigen, das stellt Plöschberger klar, sei gerade dieser oft von den Kommentatoren so bedeutungsvoll umraunte Teil des Buches, der sich mit der Entschlüsselung der in den Texten Poes angeblich versteckten sexuellen Begierden und Perversionen beschäftigt, alles andere als hermetisch, “vielmehr das genaue Gegenteil: er ist redundant und überdeutlich bis zur totalen Langeweile, weil er ganz offensichtlich dem Argument mit der Fülle des Materials Nachdruck zu verleihen versucht.” [Ebd.] Außerhalb dieser theoretischen Passagen, schreibt Plöschberger, könne der Text des Monumentalbuches durchaus schwierig sein, doch seien diese vielschichtigen und erläuterungsbedürftigen Passagen auch ohne spezielles Vorwissen versteh- und goutierbar: “Tatsächlich geht es in diesen Passagen eben nicht um die Konstruktion einer Theorie, die vom Leser verstehend und aus reflexiver Distanz nachvollzogen werden müsste, sondern es geht um das emphatische Nachleben einer Stimmung, das der Entschlüsselung aller in dieser Szene enthaltenen Anspielungen gar nicht bedarf”. [S. 17] Dieser Janusköpfigkeit des einzigartigen Buches, die Generationen von Rezipienten und Literaturwissenschaftlern ins nicht immer fruchtbare Grübeln gebracht hat, rückt nun Plöschberger in ihrer erstaunlich schmalen Studie zu Leibe. Bemerkenswert ist, dass Plöschberger gleich in ihrer Einleitung klarstellt, “in den Passagen der psychologischen Vergegenständlichung eines Falles – Edgar Allan Poe – von sexueller Perversion und der deskriptiven Darlegung eines Analyseverfahrens” werde “die Unterscheidung zwischen Arno Schmidt und Daniel Pagenstecher gewissermaßen hinfällig.” [S. 22] Pagenstecher werde als Figur nicht “prägnant”, habe “keine eigene Stimme, keine individuelle Perspektive” und “keine spezifische Artikulation”. Mit anderen Worten: Nachdem die Schmidtforschung in jahrzehntelangen Kämpfen von der bei Hobbyforschern sehr beliebten, jedoch literaturwissenschaftlich äußerst problematischen Identifikation des starken “Ich” in Schmidts Texten mit der Person ihres Autors endlich abzukommen beginnt, deklariert die mit allen Wassern gewaschene Profi-Interpretin Plöschberger knochentrocken: “Pagenstecher löst sich auf im apersonalen und atemporalen Argumentationszusammenhang der Etym-Theorie. Seinen Platz füllt die Stimme des Autors, denn im Modus deskriptiver Prosa gibt es keinen “unüberbrückbaren Abgrund” zwischen Imagination und Wirklichkeit, eben weil diese Imagination eines Bewusstseinslebens unterbleibt.” [S. 22 f.] Diese erstaunliche Einschätzung wird im letzten Drittel des Buches von Plöschberger zu allem Unglück auch noch einmal ausdrücklich unterstrichen [S. 143, Fußnote 33]. Irritierend mutet in diesem Zusammenhang zudem an, dass die Autorin dieses angebliche Verschwinden des Protagonisten hinter der Etym-Theorie an anderer Stelle vergessen zu haben scheint, wenn sie schreibt: “Ohne die [Etym-Theorie, J.S.] gäbe es in Zettel's Traum eine Poe-Interpretation ebenso wenig wie die im Lauf des Werkes voranschreitende Personalisierung und Profilierung der fiktionalen Figuren”. [S. 55] Hier gerät Plöschberger selbst in den Strudel des Maskenspieles, das eigentlich ihr Thema ist. Die berüchtigte Etym-Theorie, erläutert Plöschberger weiter, werde in Zettel's Traum “in vielfacher und komplexer Weise zur Mitspielerin, ja in gewisser Weise zur Hauptdarstellerin in der Geschichte um Daniel Pagenstecher und die Jacobis”: In einem gleichermaßen schleichenden und die Schwierigkeit des Werkes ausmachenden Prozess amalgamieren sich laut Plöschberger die ursprünglich geschiedenen Diskursebenen des Textes und finden gegen Ende zurück in die Poesie. In “einem außerordentlichen quasi-wissenschaftlichen und dichterischen” Ehrgeiz wolle sich Schmidt “alles zugleich und in einem erschreiben”: “Theorie und ihre Anwendung, Poesie und ihre Interpretation.” [S. 25] Die Kapitel, die zunächst den Weg zum Prokjekt Zettel's Traum schildern, erscheinen gelungen. Die Zusammenhänge zwischen Schmidts Anfang der 60er Jahre (seinerzeit zum Großteil in konkret vorabgedruckten) Kühe in Halbtrauer -Erzählungen und dem danach entstandenen Großbuch Zettel's Traum werden anhand gut gewählter Zitate schlüssig nachgezeichnet. Auch auf die Karl-May-Studie Sitara und der Weg dorthin und die Funk-Essays über Adalbert Stifter wird hier eingegangen, um faßbar zu machen, wie Schmidt in einem herkulischen Kraftakt versuchte, all das Vorgeleistete mit nachgerade wissenschaftlichem Anspruch ein für allemal mit Zettel's Traum in den Schatten zu stellen: “ Zettel's Traum soll Essay, wissenschaftliche Abhandlung und Poesie zugleich sein”, gewissermaßen – so eine Kapitelüberschrift Plöschbergers – “Dichtung und Wissenschaft im Reigen” – “dort wo es dem Gegenstand nach Wissenschaft und dem Gestus nach Informationsprosa ist”, solle das Riesenbuch “Freud ausstechen, und dort, wo es dem Gegenstand nach Fiktion und dem Gestus nach Poesie ist, Joyces Schreibweisen überbieten – und dies nicht in einem geordneten Nebeneinander, sondern in einem produktiven Ineinander.” [S. 46] Laut Plöschberger war Schmidt von Anfang an von der Idee einer progressiven Universalpoesie nach romantischem Vorbild fasziniert. Plöschberger meint, dass die dichterische Inspiration der Alchemie, wie sie in Schmidts Juvenilia gefeiert wird, für den Autor als Verbindung von Wissenschaft und Poesie durchaus Bestand behielt und in Zettel's Traum ihre stärkste Ausprägung erreichte. [S. 52 f.] Das einzige Problem dieser “Meta-Litteratur” (Schmidt) sei gewesen, dass ihr Anhänger glaubte, “er könnte der Literatur eine neue Ästhetik einschreiben, die die Poesie verwissenschaftlicht und die Wissenschaft poetisiert, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass das Wissen und die Reflexion über Literatur und deren Vermittlung gerade nicht die Aufgabe der Poesie, sondern eben ihrer Wissenschaft ist. Zettel's Traum erzählt dann eben auch, wie Schmidt in diesem Metamorphosenreigen von Poesie und Wissenschaft beinahe die Poesie abhanden gekommen wäre, ohne dass er die Wissenschaft wirklich erobert hätte”. Das, was hier in Zettel's Traum passiert, kann man getrost mit dem Wort “Langeweile” beschreiben: Wenn etwa in Buch VI die ewige Aufzählerei von Sexualanspielungen zum bloßen, unlesbaren Wortspiel-Katalog zu gerinnen droht, erscheint im Vergleich selbst die Lektüre des nächstbesten Telefonbuches mitreißend. Anhand der auch Pagenstecher umtreibenden Überlegung, die nackte Präsentation der Etym-Analysen drohe “so interessant wie der Homerische Schiff=Katalog” zu werden [ZT 952mm], vermerkt Plöschberger dann auch keck, im Falle von Zettel's Traum wünsche sich der Leser freilich oft genug “die Spannung des homerischen Schiffskataloges herbei.” [S. 133] Treffend erscheint in dem Zusammenhang auch der Hinweis, dass Pagenstecher mit seiner geradezu zwanghaft anmutenden Endlos-Demaskierung der Texte Poes als verhüllte voyeuristische Perversionen eine mögliche Deutungsvielfalt der Kunst unterdrücke und sich eine Machtposition anmaße, die mit den Worten Elias Canettis trefflich umschrieben wird: “Es gehört zum Wesen der Entwandlung, dass man immer genau weiß, was man nach ihr findet.” Die gehäufte Entwandlung von geheimem Sex-Sinn hinter “unschuldigen” Wortkernen, wie sie Pagenstecher vor seinen irritierten Besuchern manisch durchführt, gerät damit “zu einer Reduktion der Welt”, deren Vielfalt dem Demaskierer nur noch als “trügerische Mache” erscheint. [S. 82 f.] Genau durch diese Haltung aber erstarren weite Teile von Zettel's Traum schließlich selbst zur Maske. Dagegen gibt es aber, wie Plöschberger meint, noch ein anderes Gesicht des Riesenbuches, das die Autorin in den menschlichen Zügen der einzelnen Figuren entdecken zu können glaubt, die Gefühle wie Verletzlichkeit und Melancholie offenbaren. Hier würden die unbewußten Mechanismen der Etym-Theorie lebendig und geräten “zum radikal unmittelbaren Darstellungsmittel der Innenseite des gelebten Lebens.” [S. 89] Die Kapitel über die Metamorphosen der Darsteller, vor allem die psychedelische Bullenkuhle -Passage mit ihren vielschichtigen mythologischen und sexuellen Gaukeleien oder auch die Thematisierung des wüsten Sexualpandämoniums auf dem Scortlebener Jahrmarkt im VII. Buch von Zettel's Traum sind bei Plöschberger knapp und informativ präsentiert und werden nicht Opfer jener nervtötenden Geschwätzigkeit, in die Germanisten angesichts solch dichter Poesie gerne verfallen. Dabei erteilt Plöschberger Gregor Stricks ambitioniertem Versuch, die Bullenkuhle -Szene zu erläutern, eine freundliche, aber bestimmte Absage, da “seine semiotische Lesart die Antwort auf die ästhetische Herausforderung gerade der Bullenkuhle -Passage schuldig” bleibe. [S. 115] Plöschberger möchte das Prinzip der Mimesis gegen Stricks These verteidigen, hier herrsche “Semiosis, [das] Verfolgen von Zeichenveränderungen, die durch die Eigenlogik sprachlicher Prozesse bedingt sind.” [Strick] Für Plöschberger ist die Literatur in der Bullenkuhle -Passage “aus der vorästhetischen Verrechnung mit psychoanalytischen und positivistischen Deutungsmustern” entlassen, wodurch der Text an dieser Stelle seine beinahe verlorene Autonomie zurückgewinne. [S. 125] Was genau Plöschberger aber mit dem vielschichtigen Begriff der Mimesis Strick entgegenhalten will, bleibt diffus. Überhaupt scheinen genauere literaturtheoretische Erläuterungen Plöschbergers Sache nicht zu sein. Vielleicht erklärt sich so die nicht einmal neunseitige Literaturliste und die – was akademische Ansprüche betrifft – dann doch etwas arg knappe Studie. Kurzweilig wird Plöschbergers Arbeit fernab literaturtheoretischer Grabenkämpfe dort, wo sie sich furchtlos in die Kuriositätenschau in sexualibus begibt, die jener Scortlebener Jahrmarkt im VII. Buch von Zettel's Traum munter feilbietet. Wer hier nicht neugierig wird, (nochmal) selber nachzulesen, gehört wohl zu jenen “reine[n] Toren‘ à la STIFTER; die sich benehm‘, als wäre ihnen Keiner gewaxn, (& zur Strafe dafür immerfort ubw=ferkln müssn)” [ZT 1159mo]. Horst Denkler erkannte bereits 1972 im gefaßten Blick auf das “sexuelle Globalgeschehen” des Romans, dass Pagenstecher im Laufe der Handlung von jenen “Etyms” eingeholt werde, die er selbst aus Poe “herausklaube”. Letztlich bliebe Pagenstecher jedoch, so Denklers Einschätzung, Herr über seine Triebe und Taten. Diesen Optimismus sieht sich Plöschberger nun gezwungen, anhand besagter apokalyptischer Jahrmarktsszene in den Wind zu zerstreuen, wertet den Befund aber insofern positiv, als sie damit nochmals unterstreicht, dass gerade hierdurch “die Voraussetzung für die ästhetische Profilierung von Zettel's Traum als poetischem Text” ermöglicht werde. Sprich: In dem Moment, wo sich Daniel Pagenstecher auf dem Damenklo als “unfreiwilliger” koprophiler Klovoyeur entdeckt sieht und gewahr wird, dass er sich von seinem Studienobjekt Edgar Allan Poe nicht im geringsten unterscheidet, wird Zettel's Traum wieder zum lesbaren Buch. Auch die Liebesgeschichte zwischen Dän und Fränzel als “Längeres Gedankenspiel” einer glücklichen Zweisamkeit wird laut Plöschberger erst durch ihre Vergeblichkeit poetisch möglich. Zurück bleibt zuletzt ein einsamer Pagenstecher “im Qual und Entsetzen bereitenden Tartaros” von Vereinzelung und Isolation. “Dorthin hat ihn – und dies ist bitter zu bemerken – die Poesie befördert”, lautet Plöschbergers Fazit [S. 180]. “Was aber bleibt, stiften die Dichter”, heißt es bei Hölderlin – und dieser Überzeugung bleibe letztlich auch Zettel's Traum treu, als “Veranschaulichung der Innenseite des gelebten Lebens”. [S. 182] Doris Plöschberger hat in ihrem nur 199-seitigen Buch 5000 Normalseiten des Monstrums Zettel's Traum furchtlos abgehandelt. Das liest sich teilweise griffig, geht aber auch nicht immer ohne Irritationen durch. Die Laien werden ihr ihr Buch als “Einführung” danken, die wirklichen Cracks aber dürften auch bereits einige ernste Fragen an die Autorin bereithalten. |
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Marius Fränzel „Dies wundersame Gemisch“. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts Kiel : Verlag Ludwig 2002. 352 pages, ISBN 3-933598-54-0, EUR 29,90 (compare also reviews 25 and 26) |
Reviewed by Alexis Eideneier
Originalbeitrag |
Unter dem Titel „Verdammte Ungenauigkeit“ besprach Marius Fränzel vor einiger Zeit Wolfgang Albrechts in der Sammlung Metzler erschienene Schmidt-Monografie. Diese Einführung biete, so Fränzel, zwar einen Überblick über den Stand der Forschung, allerdings fehle es Albrecht „am Willen, sich mit dem Gelesenen mehr als referierend auseinanderzusetzen“. Überdies sei dem Germanistik-Professor das Werk Schmidts nur sehr oberflächlich präsent, vieles entspringe eher einem Vorurteil als genauer Textkenntnis. Starke Worte dies, doch kaum verwunderlich, erinnert man sich an Marius Fränzel als ehemals verantwortlichen Redakteur des „Schauerfeld“ – eines Mitteilungsblatts, dessen pedantische Nörgelkritiken beinahe zum Markenzeichen geworden sind. Nun hat Fränzel selbst eine – deutlich umfangreichere – Einführung in das Werk Arno Schmidts vorgelegt und „verdammte Ungenauigkeit“ kann man dieser akribischen Arbeit wahrlich nicht vorwerfen. Ihre Präzision richtet sich nicht nur gegen die verschiedensten Forschungsansätze, sondern bisweilen auch gegen Unstimmigkeiten in Schmidts Texten selbst. Fränzel weist beispielsweise nach, dass die sich mit acht Seemeilen pro Stunde fortbewegende „Gelehrtenrepublik“-Insel IRAS niemals die Strecke zwischen zwei angegebenen Koordinaten in der angegebenen Zeit bewältigen könne, „selbst wenn man die südliche Strömung vor der kalifornischen Küste miteinbeziehen wollte“ (S. 159). Zudem widersprächen die im gleichen Roman auftretenden „Never=nevers“ als achtbeinige Riesenspinnen dem sonst vorherrschenden Prinzip der Hexapodie. Doch das, so der Verfasser, „scheint weder Erzähler noch Übersetzer noch Autor sonderlich zu stören“ (S. 145). Fränzel, so merkt der Leser, stört es schon. Erklärtes Ziel dieser Studie ist es, Schmidts Werke „vom Mythos der Unlesbarkeit und Unzugänglichkeit“ zu befreien (S. 12). Dies gelingt vermittels eines gemächlichen chronologischen Spaziergangs durch das erzählerische Oeuvre ganz zweifellos. Der solide, an den Entstehungsorten orientierte Überblick vollzieht die Entwicklung von Erzähltechniken, sprachlichen Besonderheiten und psychologischen Figurenmerkmalen nach und dient somit der Lesbarmachung. Dabei erinnert die Darstellung stark an ausgedehnte Literaturlexikon-Aufsätze, die ja auch zunächst eine Inhaltsangabe darbieten und dann den Stand der Forschung reflektieren. Wer eine lektürebegleitende Hilfestellung bei der Erstlektüre sucht, wird von diesem Buch daher ebenso gut bedient wie routinierte Schmidt-Leser, denen Fränzels Zusammenfassungen in Handbuch-Manier zur neuerlichen Vergegenwärtigung dienen werden. Angesichts der immensen Stoffmenge des Schmidtschen Werkes ist eine wichtige Stärke dieser Arbeit fraglos das Setzen von sinnvollen Schwerpunkten, der ordnende Zugriff, das strukturierende Abstraktionsvermögen. Es verwundert nicht, dass der Verfasser zahlreiche Aspekte ausklammert und immer wieder bewusst davon absieht, sich auf bestimmte Diskussionen einzulassen. Umgekehrt lenkt er den Blick des Lesers gelegentlich auch auf Nebenschauplätze und weist auf Textmerkmale hin, die bisher kaum Beachtung gefunden haben, etwa die Rolle der Elementargeister in „Brand's Haide“. Der besondere Vorzug dieser Einführung besteht darin, dass sie verschiedene Lesarten miteinander konfrontiert und Forschungsansätze in Beziehung setzt, deren Erscheinungsdatum und Veröffentlichungsort weit auseinander liegen. Fränzels Vertrautheit selbst mit wenig verbreiteten Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte hat zur Folge, dass sich dieses Buch als eine Art kritische Bestandsaufnahme der über 30 Jahre fortdauernden Schmidt-Forschung lesen lässt. Leider unterbleibt auch hier nicht die eine oder andere Selbstgefälligkeit des Verfassers, den der Umschlagtext als einen „der besten Kenner des Werks Arno Schmidts“ ausweist. So heißt es etwa auf S. 81 mit der Verbitterung des Unbeachteten: „Ich habe bereits vor einigen Jahren vorgeschlagen ...“ Gleichermaßen ungeschickt und irritierend wirkt die akademische Usance, der Einleitung ein Konvolut von nicht näher kommentierten Zitaten voranzustellen. Folgerichtig beginnt beinahe jedes Kapitel mit einem Zitat, das mit den daran anschließenden Ausführungen in allenfalls losem Zusammenhang steht. Überdies erscheint die Wahl des (nirgends näher erläuterten) Titels als ausgesprochen irreführend: „Dies wundersame Gemisch“ ist nicht etwa eine programmatische Charakterisierung der Schreibweise Schmidts, sondern eine Äußerung Walter Eggers' aus „Das steinerne Herz“, die auf Sir Walter Scott gemünzt ist. Im Abschnitt „Danksagungen“ erfährt der verwunderte Leser schließlich, dass es sich bei dem vorliegenden Buch (das der Umschlagtext als „frei von germanistischem Jargon“ bezeichnet) um die Tübinger Doktorarbeit des Verfassers handelt. Fränzel gesteht ein, dass seine Arbeit „eine für eine Dissertation eher ungewöhnliche Themenwahl hat“ (S. 329). Das Erstaunliche ist jedoch vielmehr, dass der Autor darin in keiner Weise einen neuen, eigenständigen Beitrag zur Forschung leistet. Zwar ist seine Kenntnis der Werke Schmidts beneidenswert und die Aufarbeitung der Sekundärliteratur ohne Zweifel exzellent. Auch bezieht er eindeutig Position in wichtigen Fragen der Schmidt-Forschung. Aber wo immer vereinzelte Nebenaspekte überhaupt Neuigkeitswert haben, „verdankt“ Fränzel den entsprechenden Hinweis einem befreundeten Enthusiasten. Nebenbei ist aus den Danksagungen zu entnehmen, dass dieses Werk leider nicht das Interesse eines im üblichen Verfahren werbenden und zahlenden Verlags gefunden hat. Die Veröffentlichung im ehrenwerten, aber wenig publikumswirksamen Hause Ludwig war offenbar nur durch die großzügige finanzielle Unterstützung dreier Gönner möglich. Deshalb steht zu befürchten, dass diese gelungene, kenntnisreiche Einführung nicht alle Leser erreicht, die von ihr profitieren könnten. Dem steht auch ein für studentisches Publikum deutlich zu hoch angesetzter Preis entgegen. |
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Jan Süselbeck ‚Arse=tillery + Säcksualität'. Arno Schmidts Auseinandersetzung mit Gustav Frenssen Bielefeld: Aisthesis Verlag 2001. ISBN 3-89528-337-1, 200 pages, 24,50 Euros |
Reviewed by Friedhelm Rathjen
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‚Arno Schmidts Funkessays, das weiß die Forschung schon lange, sind keine literaturwissenschaftlichen Arbeiten und deshalb nicht zum Nennwert zu nehmen: Schmidt spricht darin nicht objektivierend über fremde Texte, sondern durchaus subjektiv über sich selbst und über Texte und Autoren, die er sich aneignet. Dies vorausgesetzt, läßt sich in den meisten Fällen sehr schnell die Funktion erkennen, die Schmidts jeweiliger Textauswahl und auch seiner ausgesprochen hemdsärmeligen Präsentations- und Zitierweise zukommt. Freilich gibt es einige Problemfälle, die dem Bemühen der Schmidt-Forschung um Erhellung bisher hartnäckig widerstanden haben, und deren heftigster ist zweifellos der Funkessay „Ein unerledigter Fall“, in dem Arno Schmidt (wie auch später noch in „Zettel's Traum“) größte Lobeshymnen auf den Roman „Otto Babendiek“ des Blut-und-Boden-Dichters Gustav Frenssen anstimmt. Nachdem Thomas Krömmelbein in einigen Aufsätzen eher zaghaft versucht hat, Schmidts Frenssen-Liebe aufzuklären, rückt ihr Jan Süselbeck in seinem Buch „‚Arse=tillery + Säcksualität'“ nun mit einer vollen Breitseite zu Leibe. Er tut dies mit einer Argumentation, die aus vier Schritten besteht. Im ersten wird die „Theologiekritik“ beider Autoren in den Blick genommen, um zu klären, ob sich hier „das verbindende Motiv“ verbirgt. Da das offenbar nicht der Fall ist, geht Süselbeck im zweiten Schritt den „persuasiven und manipulatorischen Strategien in Schmidts Darstellung der Rolle Frenssens in den zwanziger Jahren nach“, mit dem Ergebnis, daß Frenssen auch in den Weimarer Jahren nicht der aufgeschlossene Demokrat gewesen sei, zu dem Schmidt ihn aus irgendeinem Grunde macht, sondern durchaus immer ein Prä-Faschist. Im dritten Schritt beschäftigt sich Süselbeck deswegen mit „Arno Schmidts Faschismuskritik“, wie sie sich vor allem in seinem Meyern-Funkessay äußert, und biegt die Ergebnisse auf den Frenssen-Konnex zurück. Da Süselbeck (im Gefolge Klaus Theweleits) Faschismus und Erosverdrängung über das Prinzip der Männerbündelei verbunden sieht, untersucht er im vierten Argumentationsschritt auch noch „homophile Gedankenspiele bei Gustav Frenssen“, und zwar mit dem Instrumentarium von Schmidts „Sitara“. Am Ende dann wagt Süselbeck den „Versuch einer Rätsellösung“. Am überzeugendsten ist Süselbeck ganz gewiß in dem ersten Teil seiner Arbeit, in dem er sich gegen die These Thomas Krömmelbeins wendet, die eigentliche Verbindung zwischen Frenssen und Schmidt stelle deren gemeinsamer Atheismus dar. Zwar räumt auch Süselbeck ein, daß „Schmidt hier von seiner Jugendlektüre Frenssen stark angeregt“ (S. 48) worden sei, legt aber anhand vieler Textpassagen dar, daß die atheistischen und insbesondere kirchenfeindlichen Tendenzen beider Autoren in vollkommen unterschiedliche Richtungen zielen. Frenssen kritisiert am Christentum die intellektuelle Überentwicklung (er wünscht sich einen „schlichten“ Jesus), während Schmidt es im Gegenteil als naiv und unintellektuell (Jesus ist ihm eine „ungenügende Persönlichkeit“) ablehnt (S. 50); zudem scheint die christliche Kirche Frenssen einfach nicht chauvinistisch genug zu sein. Denn Frenssen, das legt Süselbeck anhand vieler Textzitate in seinem zweiten Argumentationsschritt dar, ist zeit seines Lebens ein antidemokratischer, fremdenfeindlicher und (prä-)faschistoider Autor, und zwar auch in jenen Büchern, denen Arno Schmidt in seinem Frenssen-Funkessay das Gegenteil nachsagt. Erfreulicherweise läßt sich Süselbeck gar nicht erst auf den Versuch ein, Frenssen in irgendeiner Hinsicht zu retten, sondern zitiert und paraphrasiert auch aus Werken wie den von Schmidt belobigten „Grübeleien“ („Eine demokratische Regierung wird immer ein Unglück sein“, S. 72) und eben dem „Otto Babendiek“ Passagen, bei denen uns die Haare zu Berge stehen. Und da Süselbeck einmal dabei ist, bringt er auch aus Schmidts Spätwerk allerlei Stellen bei, an denen übelste rassistische Ressentiments formuliert werden. Süselbecks Erstaunen ist ebenso groß wie sein Abscheu, und in einer kleinen methodologischen Zwischenüberlegung erklärt er es zu seinem sehnlichsten Ziel, „der Verwirrung Abhilfe zu schaffen, die entsteht, wenn man sieht, wie sehr Schmidt am Pulverfaß Frenssen zündelt und dessen faschistische Literatur manipulativ zu beschönigen scheint.“ (S. 122) Die Betonung, wohlgemerkt, liegt auf „scheint“. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wendet Süselbeck sich in seinem dritten Schritt dem Schmidtschen „Meyern“-Funkessay „DYA NA SORE blondeste der Bestien“ zu und hat schnell heraus, daß Schmidt als Autor dieses Textes doch ein hochgradiger, absolut integrer Antifaschist gewesen ist, so daß es für „die chauvinistischen und rassistischen Haltungen [...], die im gesamten Werk Schmidts zu finden sind“ (S. 135), irgendeine andere Erklärung geben muß. Diese Erklärung hat er schnell gefunden: zu Schmidts „Realismuskonzept“ (S. 145) gehöre es, daß Schmidt in seinen Büchern den Postfaschismus der Bundesrepublik mit abbilde, indem er seinen Figuren „kleinbürgerliche, faschistische“ Klischees in den Mund lege. Den Tabus der Bundesrepublik begegne Schmidt, indem er darauf abziele, „die faschistischen Ansätze [...] mit ebenso faschistischer Sprache, also mit den eigenen Waffen anzugreifen und damit in ihrer gefährlichen Armseligkeit offenzulegen.“ (S. 152/153) Was heißen soll: wenn Schmidt bespielsweise gegen Schwule pöbelt, dann wolle er in Wahrheit gar nicht die Homosexuellen brandmarken, sondern eben diejenigen, die so pöbeln, bloßstellen. Und eben die Homosexualität ist für Süselbeck der springende Punkt. Latent, als verdrängter Trieb, liege sie männerbündelnd-gewalttätigen Texten wie Meyerns „Dya na Sore“ oder Frenssens chauvinistischen Ergüssen zugrunde; bei Meyern decke Schmidt das auf, indem er es beherzt ausspreche, bei Frenssen decke er es auf, indem er es raffiniert verschweige. Mit dieser erstaunlichen argumentativen Volte entledigt sich Süselbeck seines Befremdens darüber, daß Schmidt mit Frenssens „Otto Babendiek“ ebenso hätte umgehen können wie mit dem präfaschistischen Text Meyerns, es aber ja gerade nicht tut. Und nach dem gleichen Prinzip bringt Süselbeck in seinem vierten Argumentationsschritt den Frenssen-Funkessay mit Schmidts denunziatorischer Karl-May-Studie „Sitara“ in Zusammenhang. Süselbeck, der „Sitara“ mit ebensolcher Begeisterung gelesen hat wie Theweleits „Männerphantasien“, ist überzeugt davon, daß Schmidt Frenssens „Otto Babendiek“ mit der selben Methode und dem selben Ergebnis hätte analysieren können wie die Schriften Mays; da Schmidt das aber nicht tat, tut Süselbeck es für ihn und sitarisiert sozusagen Frenssen. Kaum überraschendes Ergebnis: es wimmelt bei Frenssen überall von unterdrückten libidinösen Phantasien. Daraus ergibt sich für Schmidts Frenssen-Funkessay natürlich eine Frage: „Das, was Schmidt an den DPs immer interessierte, wird von ihm bei Frenssen unterschlagen. Warum?“ (S. 162) Süselbeck ist überzeugt, „daß Schmidts May-Analysen im Hinblick auf Frenssen eine solche Interpretation geradezu hätten erzwingen müssen“ (S. 176), ebenso wie nach Süselbecks Ansicht Schmidts radikal antifaschistischer Meyern-Zugriff ja auch einen antifaschistischen Frenssen-Zugriff hätte erzwingen müssen. Daß Schmidt aber genau das, was Süselbeck für zwingend hält, nicht tat, ist gerade das raffinierte an seinem Zugriff - so jedenfalls Süselbecks „Rätsellösung“ am Ende. Da sich in Schmidts Frenssen-Funkessay die Schreibungen „s=tellten“ und „S=topp“ finden und Süselbeck sich das nur als raffinierte Schmidtsche Hinweise auf den Sexualgehalt von Frenssens Schriften erklären kann (S. 185/186), ist Süselbeck am Ende davon überzeugt, daß Schmidt Frenssen in Wahrheit „als typischen Fall einer ganzen pathologischen Generation aus der Versenkung“ heben wollte (S. 184), dies aber aus taktischen Gründen verschweigen mußte. Hätte Schmidt Frenssen offen als Faschisten und Eros-Unterdrücker hingestellt, so hätte er niemanden bewegen können, Frenssen zu lesen; und deswegen habe Schmidt so tun müssen, als sei Frenssen zumindest in Teilen ein guter Autor, „während er den Kennern zu verstehen gibt, was in diesen Texten außerdem bemerkenswert ist, aber aus didaktischen Gründen im Funk-Essay nicht explizit thematisiert werden darf.“ (S. 186) Das verblüffende Ergebnis der argumentativen Verrenkungen, an denen Süselbeck sich austobt, lautet bündig zusammengefaßt etwa so: Schmidt verschweigt in seinem Frenssen-Funkessay das wahre Gesicht Frenssens, um auf raffinierteste Weise die himmelschreiende Tatsache abzubilden und zu kritisieren, daß in Adenauers Bundesrepublik das Fortleben des Faschismus verschwiegen und die Sexualität tabuisiert werde. Süselbeck möchte den Frenssen-Funkessay nicht als Text für sich verstanden wissen, sondern als Teil eines riesigen schriftstellerischen Projekts, eines „monumentalen politischen Romanwerks“, das aus allem, was Schmidt je veröffentlichte, besteht und das „in stenographischer Materialparalleliseriung alle Charakteristika seiner Zeit“ zusammenträgt (S. 188). Und mit diesem Konstrukt kann Süselbeck alles, was von Schmidts Figuren, seinen Funksprechern und notfalls auch Schmidt selbst geäußert wird, als Teil einer Realismusstrategie deuten, die so raffiniert ist, daß die deppigen Kritiker von Schmidts politischen (oder unpolitischen) Defekten sie nicht begriffen haben. Auf den Punkt gebracht: Wo sich in Schmidts Werk antifaschistische Sätze finden, belegen sie das wache Bewußtsein Schmidts und sein Eintreten für die richtige Sache; wo sich hingegen revanchistische oder rassistische oder sonstwie beklagenswerte Sätze finden lassen, will Schmidt solche Sätze in Wahrheit bloßstellen und kritisieren. Schön wäre es, wenn es so einfach wäre! Süselbeck verrennt sich in eine völlig abgedrehte Argumentation, weil ihm über die Raffinesse seiner Gedankengänge ganz simple Fakten aus dem Blick geraten und er nach der altbekannten Strategie der Wahl des passenden Ausschnitts immer nur das zur Kenntnis nimmt, was er zur Kenntnis nehmen will. Von Schmidts Texten sind das der „Leviathan“ (dessen Kosmogonie er ausgesprochen ernst nimmt), die „Sitara“-Studie (deren Methode er zu kopieren versucht), die beiden Funkessays über Meyern und Frenssen und die „Schule der Atheisten“; aus der Schmidt-Sekundärliteratur schätzt er vor allem Lutz Gümbels zu recht weithin ignoriertes Buch „ICH“; noch wichtiger sind ihm die Schriften Theweleits, außerdem hat er ein wenig Freud gelesen. Schmidtsche Standardkategorien wie „Etym“ oder „Polyhistor“ werden von Süselbeck ständig benutzt, aber augenscheinlich nicht verstanden; an einer Stelle verwendet er die Bezeichnungen „DP“ und „Gehirntier“ synonym (S. 156); der Katalogist der Bibliothek Arno Schmidts, Rudi Schweikerts wichtiger Beitrag „Was schmiedst du, Schmidt“ und der Titel des ersten Bargfelder „Hefts zur Forschung“ werden permanent falschgeschrieben: auf dem Altar der unzweifelhaften Originalität von Süselbecks Gedankengängen müssen so unoriginelle Dinge wie faktische Präzision wohl notgedrungen geopfert werden. Am Anfang hat Süselbeck, der im allgemeinen wenigstens sprachlich durchaus auf der Höhe ist, in einer syntaktisch kuriosen Wendung einen Frenssen-Text so zusammengefaßt: „Auf unfreiwillig komische Weise soll den Lesern deutlich gemacht werden, daß das heilige Land Israel eigentlich in Schleswig-Holstein liege“ (S. 25). Unfreiwillig komisch: das soll Süselbecks Argumentation gewiß nicht sein, doch sie ist es. Das ist der Preis der Originalität. |
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Joern Rauser „Über die Herbstwelten in der Literatur“. Alter und Altern als Themenkomplex bei Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2001 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1810). Zugleich Dissertation Tübingen 2000 |
Reviewed by Alexis Eideneier Originalbeitrag |
Angesichts der bevorstehenden Bevölkerungsentwicklung erfreuen sich Fragestellungen der Altersforschung in zahlreichen Disziplinen wachsender Beliebtheit. So verwundert es nicht, dass auch Joern Rausers Tübinger Dissertation „Über die Herbstwelten in der Literatur“ mit einem Resümee der jüngsten gerontologischen Forschungsergebnisse beginnt. Das Hauptinteresse dieser Studie gilt indes weder Biologie, Soziologie noch Psychologie, sondern dem Thema Alter als Thema der Literatur. Deshalb entwickelt der Verfasser zunächst einen motivgeschichtlichen Abriss; ein mehr oder weniger beliebiges „Tableau von Ausdrücken“, das er aus Quellen von der Bibel bis zur Gegenwartsliteratur unserer Tage schöpft. Es stellt sich heraus, dass wir es beim Alter(n) mit einer Vielfalt von Zuständen zu tun haben, die sich als Verlaufsformen eines Wandlungs- und Auflösungsprozesses darbieten. Aus den Erkenntnissen dieser Vorarbeit versucht der Verfasser Begrifflichkeiten für die Literaturinterpretation abzuleiten. Dabei ordnet er Hanns Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ dem Schwerpunkt Altern und Arno Schmidts „Abend mit Goldrand“ dem Schwerpunkt Alter zu. Wie der Titel „Fluß ohne Ufer“ bereits andeute, so Rauser, gehe es Jahnn um einen überbordenden Entwicklungsprozess, wie der Titel „Abend mit Goldrand“ verrate, behandle Schmidt die Momentaufnahme eines vergleichsweise kurzen Zeitausschnitts. Wie auch immer man diese Etikettierung auffassen mag: Es fällt auf, dass die im Abriss entwickelten Begrifflichkeiten in den Jahnn- und Schmidt-Analysen nicht konsequent zur Anwendung kommen. Zudem widmet sich Rausers Studie keineswegs dem komparatistischen Vergleich der beiden Werke, die immerhin durch die Bearbeitung des Themas Alter verwandt sind. Auch geht es ihm nicht um stoffgeschichtliche Entwicklungslinien. Sein Ziel ist vielmehr, durch Werkanalysen „ein phänomenologisches Panorama“ zu entfalten, das sich aus den verschiedenen Facetten des Themenkomplexes zusammensetzt. Der Belesenheit und dem Fleiß des Autors ist es zu verdanken, dass auf über 400 Seiten ein enormes Sammelsurium von Fundstücken über das Alter entstanden ist, das zahlreiche Aspekte beleuchtet und gekonnt in Beziehung setzt. Leider lässt diese immense Stoffsammlung zugleich ein genuin ästhetisches Erkenntnisinteresse vermissen. Mit anderen Worten: Man gewinnt Kapitel für Kapitel den Eindruck, dass es Rauser mehr um das Alter als um die Literatur geht. Er macht die Literatur zum Vehikel, um das Alter zu erforschen – und nimmt nicht das Alter zum Anlass, um die Literatur zu verstehen. Demgemäß bleibt unbeachtet, was die Wahl und die variantenreiche Gestaltung dieses Themas überhaupt zur Eigenart der behandelten Romane beitragen. Der Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Literatur besteht für Rauser darin, dass literarische Werke „subjektive Eindrücke und Zusammenhänge vermitteln und die Alterserfahrung gleichsam ‚von innen' darzustellen versuchen“. Diesem Verständnis folgend genügt eine Beschränkung auf das bloße Material, auf Inhaltsangaben, Paraphrasen und Zitate, welche die Texte „für sich sprechen“ lassen. Betrachtet man wie Rauser ein Thema losgelöst von den inhärenten Poetiken der jeweiligen Autoren, bleiben funktionale und formale Aspekte, ja die gesamte ästhetische Aussagekraft literarischer Werke außen vor. Da Themen je nach Weltanschauung und ästhetischem Programm eines Autors unterschiedliche Aktualisierungen erfahren können, wäre die Frage interessant gewesen, wie das Thema Alter etwa ein Werk wie „Abend mit Goldrand“ strukturiert. Auch eine Untersuchung der funktionalen Wandlungen des Themas Alter und besonders seiner Invarianten hätte gewinnbringend sein können. Oft bestehen die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten eines Dichters ja hauptsächlich in der formalen Umsetzung einer stofflichen Vorgabe. Durch ihren positivistischen Ansatz, durch aufwändiges Registrieren und Systematisieren erschließt diese Arbeit fraglos ein weites kulturwissenschaftliches Feld. Dafür kommt die Beschäftigung mit den spezifischen ästhetischen Konfigurationen des Themas Alter eindeutig zu kurz. |
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Arno Schmidt La République des savants Traduit de l'allemand par Martine Vallette avec la collaboration de Jean-Claude Hémery. Paris: Christian Bourgois, 2001, 223 pages |
Reviewed by
Martin Lowsky
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Arno Schmidts Roman ‚Die Gelehrtenrepublik' (1957), die Geschichte um den fiktiven amerikanischen Journalisten Charles Henry Winer, ist vor fast 40 Jahren zum ersten Mal auf französisch erschienen. Nun hat der rührige Verleger Christian Bourgois diese Version neu als Taschenbuch herausgebracht. Schmidt befindet sich da in illustrer Umgebung; Bourgois hat auch Alain Robbe-Grillet, Hannah Arendt, Peter Sloterdijk und Dorothy Parker im Programm. Das Erscheinen des lange Zeit vergriffenen Textes in neuem Gewande – den Umschlag ziert ein Foto von Schmidts Schreibtisch, aufgenommen von Michael Ruetz – verlockt zu einer genauen Betrachtung dieser Übersetzungsarbeit. Die Übersetzerin Martine Vallette gibt den schnodderigen und dabei bilderreichen Tonfall des Erzählers sorgfältig wieder. Den „bekannten Vogel vom ‹einfach leben›“ erlebt man hier als „une lubie très banale: celle de ‚la vie simple'“ (156), und der Satz: „wie gut, daß diese verlogen-prüden Europäer weg sind!“ wird zu: „quel soulagement que ces Tartuffes d'Européens aient débarrassé le plancher!“ (147) Der Molièresche Tartuffe ist ein in Frankreich gängiges und hier sehr treffendes Bild. Das „knödlige Gerolle der früheren Australier“ erscheint als „le gargouillement pâteux des Australiens antiques“ (107). Die Übersetzerin lässt sozusagen Teig durch die Dachrinne fließen, um die seltsame Aussprache zu kennzeichnen. Die französischen Formulierungen sind zumeist nicht so knapp wie ihr Original. Dies liegt an einer bekannten Eigenart der französischen Sprache; das Französische, auf literarischem Niveau verwendet, sträubt sich geradezu gegen jede Form abgehackten Sprechens. Andererseits wird diese französische Fassung dadurch recht flüssig, dass sie allgemein das Präsens verwendet, während das Original in der Vergangenheit erzählt. Nennen wir noch die bittere Klage des Bibliothekars über die faulen Dichter in der Gelehrtenrepublik (die natürlich auch hier IRAS heißt). Die Dichter sind wohl „restlos fertig“, aber nicht fertig „mit einem Buch“: „Et à la fin de leurs deux ans de stage, ils sont au bout du rouleau – mais pas au bout d'un livre!“ (S. 135) Im Französischen kann man, wenn die Kräfte ausgegangen sind, ‚am Ende seiner Walze' sein, und entsprechend hat Vallette Walze (rouleau) und Buch (livre) nebeneinander gestellt. Sehr geschickt ist also das doppelte ‚fertig', das Schmidt verwendet, ins Französische übertragen. Nur an ganz wenigen Stellen sind der Übersetzerin Irrtümer unterlaufen. Der Ausruf „kann ja heiter werden“ hat nichts mit „joyeux“ (13), mit ‚fröhlich', zu tun, und erst recht meint „weißgott“ keinen „dieu blanc“ (90). Diese Übersetzung hat noch eine wichtige Besonderheit. Denn nicht nur erscheint, konform zu Schmidts Text, der fiktive Übersetzer Chr. M. Stadion mit seinen altklugen Fußnoten, sondern es meldet sich in speziellen ‚notes du traducteur' („N. d. T.“) auch die Übersetzerin Martine Vallette zu Wort. Diese neuen Fußnoten geben erhellende Hinweise. So wird das deutsche Wort „Einfühlung“ definiert (195), und es wird an der richtigen Stelle (123) auf Schmidts Erzählung ‚Aus dem Leben eines Fauns' aufmerksam gemacht, aus der ja die Vision von der Gelehrtenrepublik stammt. Eine hübsche Beigabe ist auch die Erläuterung zu „Tropique de la Rosse“ und „Latitudes chevalines“, also ‚Roßbreiten' (115). Sie erscheint wohl als Ausgleich dafür, dass der Untertitel ‚Kurzroman aus den Roßbreiten' in dieser Ausgabe weggefallen ist. Am Ende gibt Vallette ihren französischen Lesern sogar an (223), welche französische Hölderlin-Übersetzung sie benutzt, wenn sie Schmidts ironisches Zitieren von Hölderlin wiedergibt, also die Wendung: „Einmal lebt'ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht.“ Solche neuen Fußnoten sind nur sparsam eingesetzt. Aber sie erweitern das Schmidtsche Hin und Her zwischen zwei Sprachen, zwischen einem angeblichen englischen Urtext und seiner hier sichtbaren Übersetzung (zwischen „néo-américain“ und „paléo-allemand“, wie es nun heißt), um eine neue Schicht – um die Präsenz der realen Übersetzerin Vallette. Das Schmidtsche Durcheinanderwispern der Stimmen, der „background voices“ (siehe Schmidt: ‚Die Schule der Atheisten', Comödienzettel) ist nun noch verstärkt. Ein vieldimensionales Spiel! So wird heutzutage, in der Epoche des ‚intertextuellen' Forschens, die Lektüre dieses Zukunftsromans zu einem besonderen intellektuellen Vergnügen. Übrigens rückt bald das Jahr 2008 heran, in dem die Geschichte stattfinden soll. Jedem, der auch nur ein wenig französisch versteht, ist diese Edition der ‚Gelehrtenrepublik' zu empfehlen. |
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