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Recent Postings  2006, 2007 and 2008
 

A  Publication  of  the British-American Arno Schmidt Society
(BAASS)

Edited by Timm Menke (USA) and Robert K. Weninger (UK)




Reviews:

34. Friedhelm Rathjen: Arno Schmidt auf Fanø. Der Schulausflug der Atheisten. Edition ReJoyce 2005. Reviewed by Martin Lowsky

35. Sabine Kyora and Uwe Schwagmeier (editors). Pocahontas revisited. Kulturwissenschaftliche Ansichten eines Motivkomplexes. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2005. Reviewed by Volker Langbehn

36. Jan Süselbeck: Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt und Thomas Bernhard. Frankfurt am Main und Basel: Stroemfeld Verlag, 2006. Reviewed by Timm Menke

37. Stefan Höppner, Zwischen Utopia und Neuer Welt: Die USA als Imaginationsraum in Arno Schmidts Erzählwerk. Ergon 2005. Reviewed by Peter Arnds

38. Arno Schmidt: Lesungen, Interviews, Umfragen. Bargfelder Ausgabe, Supplemente Band 2. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag. Frankfurt 2006. Reviewed by Timm Menke

39. Zelluloids Traum. Sebastian Schadhausers kurioser Film „ANNO SCHMIDT“, wiederentdeckt auf DVD. Reviewed by Friedhelm Rathjen


Friedhelm Rathjen

Arno Schmidt auf Fanø. Der Schulausflug der Atheisten

Scheeßel: Edition Rejoyce 2005 (ISBN 3-00-017456-7. 189 S., € 24,00)

Reviewed by Martin Lowsky
 

 

Eine zentrale Episode in Arno Schmidts Typoskriptroman ‚Die Schule der Atheisten' (1972) spielt auf der Insel Fanø in dem Ort Sønderho. Innerhalb dieser Episode erscheinen die gewichtigen Schmidt-typischen Sätze: „Wir lebm Alle wie in ei''m kolossal'n Roman“, und: „Die ›Wirkliche Welt‹ ? : ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane !“ (Schule der Atheisten, S. 161, 181) Auf Fanø unterschreiben die amerikanische und die chinesische Regierungsdelegation, Vertreter der herrschenden Weltmächte, das Duldungsabkommen, das die Existenz des Kulturreservats an der Eider, dieses Rest-Europas, für die Zukunft sichert. Das utopische Ereignis soll im Oktober 2014 spielen; zu der Episode gehört auch die Schifffahrt von Tönning an der Eider nach Fanø. Friedhelm Rathjen hat diese Episode zum Thema eines Buches gemacht, das – man ist es von ihm gewöhnt – sehr lebendig geschrieben ist und das durch sein reiches Bildmaterial geradezu entzückt. Es finden sich neue und historische Ansichten von Fanø (in sehr gutem Farbdruck), Wiedergaben von Prospekten und Landkarten aus Schmidts Bargfelder Bibliothek (Rathjen hat sogar Schmidts Anstreichungen gesichtet), Rathjens eigene Fotos an Ort und Stelle und vielerlei anderes.

Dem Arno-Schmidt-Kenner empfehle ich zuerst das 2. Kapitel mit dem Titel ‚Der Weg dorthin'. Hier erforscht Rathjen, was Arno Schmidt überhaupt bewogen hat, in den Roman das Sujet Dänemark einfließen lassen, das mit der Tour nach Fanø seinen Höhepunkt hat und das mit der Hauptperson Kolderup, einem geborenen Dänen, den ganzen Roman durchzieht. Offenbar ist der Name Kolderup, der in Jules Vernes ‚Schule der Robinsons' (bekanntlich eine große Inspirationsquelle für Schmidts Roman) auftaucht, für Schmidt der Auslöser gewesen, und Verschiedenes ist hinzugekommen: Anregungen durch Freund Michels, der ihm Dias von Dänemark gezeigt hat, die Tatsache, dass Schmidt bei seinem Kriegseinsatz in Norwegen Dänemark berührt hat, und sein Interesse für den Nordlandreisenden Pytheas. Von Einfluss waren auch die zeitweilige Reiselust des Ehepaares Schmidt, das eine schließlich doch unterbliebene Reise nach Fanø geplant hat, und Schmidts Lektüre einer Broschüre von Horst Meesenburg, die Fanø und zwei weitere Inseln vorstellt und in der es heißt, die Bewohner von Fanø seien sowohl „an der Scholle klebend“ als auch „Weltbürger“. Rathjen kommentiert: Diesen „Zusammenhang zwischen insularer Weltabgeschiedenheit und geistiger Weltoffenheit“ konnte der Bargfelder Schriftsteller „wohl gut auf sich selbst beziehen“ (S. 66). Auch die Englandreise des jungen Ehepaars Schmidt (an deren Realität Rathjen nicht zweifelt; S. 37) könne noch Wirkung gehabt haben. Ferner hatte Schmidt herausgefunden, dass es eine dänische Gelehrtenfamilie namens Kolderup gibt, und wenn er in seinem Roman den Botaniker Warming erwähnt (Schmidt schreibt „Warning“), so weist er damit auf die Gelehrtenfamilie hin, denn einer dieser Kolderups wird von Warming im ‚Dansk Biografisk Lexikon' von 1887ff. behandelt (S. 57f.). Rathjen nennt eine Fülle von Fährten – viel mehr, als wir hier andeuten können –, in denen sich die ‚Dänisierung' von Schmidts ‚Schule der Atheisten' vollzogen hat, und so ist dieses Kapitel eine aufschlussreiche Studie zur Genesis des Romans.

Das 3. Kapitel in Rathjens Werk ist eine philologische Analyse der Fanø-Episode. Arno Schmidt hat, erfahren wir, literarische Hommagen an Theodor Storm, insbesondere an seine Novelle ‚Eine Halligfahrt', untergebracht und sich damit an der Meeresfahrt seiner eigenen frühen Erzählung ‚Der junge Herr Siebold' orientiert, er bezieht sich auf Jules Vernes Norddeutschland-Aufenthalt 1881, er hat, wenn er das Wort „Totenwald“ benutzt, eine Ernst-Wiechert-Reminiszenz und damit einen Hinweis auf faschistische Züge im Reservat im Sinn, und für die lokale Stimmigkeit des Ganzen hat er Realien und Fachausdrücke aus der genannten Broschüre von Meesenburg, aus Konversationslexika und Handbüchern übernommen. Ein Beispiel für Rathjens Spürsinn: Er begründet, dass Schmidt das Motiv der Luftspiegelung aus dem ‚Großen Meyer' hat, denn dort steht die holländische Vokabel „Uppdracht“, die Schmidt en passant für das Phänomen benutzt (S. 80; vgl. Schule der Atheisten, S. 161). Dabei ist es gerade die Stadt Husum, die Schmidt als „Uppdracht“ auftauchen lässt, was wiederum eine Verbeugung vor Storm ist (und wohl, denke ich mir, speziell vor seinem ‚Schimmelreiter', wo die Holländer mit ihrem geometrischen Wissen erwähnt werden).

Rathjen arbeitet genau und findet Ungereimtheiten und Fehler – etwa den, dass das Ausschiffen vor Sønderho aufgrund der dortigen Fahrrinne nicht so sein könne, wie Schmidt es erzählt; Rathjen hat auch den kompetenten seemännischen Blick. Ein kleines Kabinettstück ist Rathjens Entdeckung (S. 85; vgl. Schule der Atheisten, S. 159), dass Schmidt bei seiner dänisch sein sollenden Vokabel „Toldkontrolsted“ das deutsch-dänische Wörterbuch falsch benutzt hat (es gibt nur toldkontrol oder toldsted): er hat die Tilde als Wortwiederholungszeichen nicht richtig erfasst. May-Kenner, so wäre anzumerken, überfällt nun Schadenfreude gegenüber Schmidt: Hatte er doch dem Wörterbuchbenutzer May spöttisch ins Stammbuch geschrieben, er solle „nicht mit dem Finger in die falsche Zeile“ geraten (‚Old Shatterhand und die Seinen', 1961).

Rathjens philologische Erörterungen in Schmidts komplexer und kompakter Prosa sind bemerkenswerte Feinarbeit. Natürlich ist sein Hervorkehren von Fehlern keine Beckmesserei. Vielmehr stellt er, der Literaturkenner, klar, dass das Falsche oft gewollte Fehler sind, die „die Realismusillusion in gröblicher Weise stören und von Schmidt eigens so angelegt sind, daß zumindest aufmerksame Leser die Unstimmigkeiten bemerken müssen“ (S. 121). Solche Fehler sind Teil der „Illusionsmaschinerie“ (S. 122), die den ganzen Roman durchwirkt, wie Stefan Voigt und Jan-Frederik Bandel aufgezeigt haben. Rathjen beruft sich zu Recht auf die beiden Forscher.

Den seemännischen Blick Rathjens habe ich erwähnt, und diesen Blick und überhaupt Rathjens Versiertheit in der Nordsee-Insel- und -Küstenwelt erlebt man im 1. Kapitel. Es trägt den Titel ‚Das Ziel. Fanø – Entstehung und Entwicklung einer Insel'. Ach nein! Anders als ich vorhin sagte, sollte man die Lektüre dieses inhaltsreichen Buches doch mit diesem 1. Kapitel beginnen. Auf diese Weise wird man zuerst über Geographie und Kultur informiert, und anschließend, mit gesteigerter Spannung, geht es hinein in die Entstehungsgeschichte und die Raffinessen des Schmidtschen Werkes.

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Sabine Kyora and Uwe Schwagmeier (editors)

Pocahontas revisited. Kulturwissenschaftliche Ansichten eines Motivkomplexes.

Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2005. ISBN 3-89528-502-1; 267 pages; EUR 29,80


 

Reviewed by Volker Langbehn

In the introduction of the essay collection, Pocahontas revisited. Kulturwissen-schaftliche Ansichten eines Motivkomplexes , edited by Sabine Kyora and Uwe Schwagmeier, Sabine Kyora states that the essays focus on the Pocahontas reception on both sides of the Atlantic by addressing the relation between gender and ethnicity (9). In following Homi Bhaba's The Location of Culture ( London and New York: Routledge, 1994) , Kyora summarizes the goals of the collection: “Es geht um die Produktion von Formen ethnischer und sexueller Differenz, der Körper wird dabei als Knotenpunkt zwischen Begehren einerseits sowie Herrschaft und Macht andrerseits inszeniert, das Ergebnis ist die ethnische und kulturelle Hierarchisierung” (11). According to Kyora, all essays are connected by the “Aspekt der Geschlechterdifferenz und/oder der Grenzziehung zwischen eigener und fremder Kultur…” (12). In reading the contributions, this reviewer was very impressed by the overall high quality of intellectual inquiry. The collection of articles offers thought-provoking insights into Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas by incorporating a wide range of social-historical, cultural and theoretical contexts within the overall frame of postcolonial studies. While addressing each individual essay in detail would require too much space, I have restricted my response to discussing only some essays with the emphasis on the question whether the individual contributions have addressed the stated goals as outlined in Kyora's introduction and what makes them an interesting read or not.

To situate Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas historically within the literary tradition, Stephan Kraft in “Pocahontas deutsch. Von Versuchen eine Geschichte zu erzählen” (15–62) provides an outline of the Pocahontas tradition in German literature by tracing its literary history back to the seventeenth century. In this well-researched essay, Kraft for instance observes that the German versions of the Pocahontas story of the eighteenth century had very little to do with a non-existent American Pocahontas discourse (43). According to Kraft, a shift occurred during the mid-nineteenth century, when the birth of the new American nation emerged as the central focus (43). Kraft concludes that Schmidt's narrative remains the only serious attempt of a modern writer to respond to the challenges posed by Pocahontas for literary production, while the majority of narratives dealing with the Pocahontas motif end up being escapist entertainment literature (60). While very informative regarding the historical development of the Pocahontas representation in German literature and a must-read for all critics who deal with Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas , Kraft's essay does not address the aforementioned goals as stated by Kyora, providing instead a descriptive summary of the Pocahontas representation without engaging with the stated focus of the book, that is, forms of ethnic and sexual difference.

Uwe Schwagmeier's contribution on American twentieth-century representations of Pocahontas, “‘Mufkaiwuh' – Pocahontas-Figurationen im 20. Jahrhundert. US-amerikanische Imaginationen zwischen Pubertät, Promiskuität und Prostitution” (81–128), traces the representation of the Pocahontas figure in various media (film, music, literature). In his assessment of the Pocahontas representation in twentieth century U.S. literature, he argues that a reader always encounters a “brisante, politisch äußerst fragwürdige Doppelbödigkeit in der Darstellung der indigenen Frau und ihres Körpers…” (85). Schwagmeier's well-informed discussions of films such as Soldier Blue (1970), children's books such as Pat Stewart's Pocahontas (1995), or songs such as Neil Young's Pocahontas (1997) conclude with what is already well-known: images of sexuality saturate American popular culture. But I question his conclusion that the sexualization of the Pocahontas figure remains unavoidable because there are no possibilities to rescue her from a white discourse (126). First, it is not a matter of saving Pocahontas from a predominantly white discourse. The creation and representation of sexuality and sexual difference remain embedded in the mindset of American (German?) popular culture. And our contemporary popular culture seeks some form of compensatory fulfillment in experiencing the mythologized representation of figures such as Pocahontas. Second, how is a non-white discourse different from a white discourse? Without a detailed discussion about the differences between a white and a non-white discourse on Pocahontas, Schwagmeier's argument remains speculative. These reservations notwithstanding, Schwagmeier's essay is highly informative and demonstrates his good knowledge of American popular culture.

Like Schwagmeier, Philipp Hoffmann, in “Popo-Art-Werk mit Pocahontas. Kontrolle und Chaos bei Schmidt und Cohen”, 147–166, provides another refreshingly provocative contribution, insofar as he relies partially on a theoretically informed inquiry (Deleuze / Guattari and Barthes). [1] In contrasting Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas with Leonard Cohen's Beautiful Losers , Hoffmann convincingly demonstrates how Cohen and Schmidt use the figure of the female in opposite ways: “In Seelandschaft mit Pocahontas steht sie für eine vom Erzähler ausgeübte Kontrolle über die weibliche Protagonistin und die Sprache, wohingegen in Schöne Verlierer dieses Begehren nach Macht und Kontrolle zugunsten des Erlangens einer ‘chaotischen Heiligkeit' […] aufgegeben worden ist” (149). Hoffmann reads Cohen's indigenous female – Catherine Tekakwitha – as an object of erotic desire. Outlining the similarities and differences between Schmidt's and Cohen's texts (145–147), he argues that sex in Cohen is not the desired goal rather the means to achieve the protagonist's spirituality (157), while the satisfaction of sexual desires in Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas remains the primary goal for which control of the world is required (156). Hoffmann is at his best when discussing both poles of desire in his reading of the Deleuzean / Guattarian distinction between the controlled and static character of language in Schmidt and the chaotic and dynamic character of language in Cohen. While he argues that Schmidt's protagonist Joachim is the master of framing, coding, and explaining the world, because he follows a static use of language enabling him to be a master of signs, Cohen's text stresses the acoustic level, the dynamic quality of language, which ruptures the frozen system of writing. As a result, both novels functionalize the motif of the Indian girl differently. Schmidt uses the name of the Indian girl to exert linguistic control over the protagonist; the “wild” Selma becomes inscribed in the cultural and semiotic world and thus controllable by the narrator. In contrast, Cohen's goal is that of losing, of giving up control of language and the world. He uses the name of the female protagonist name Tekakwitha to rupture the system of signs, enabling a dynamic use of language.

In contrast to these aforementioned contributions, Friedhelm Rathjen's essay “Sprechen Sie Deutsch? Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas als Fremdsprachentext” (207–226) seems to be at odds with the focus of the book as outlined by Kyora. In his reading of Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas as “Fremdsprachentext,” Rathjen addresses the foreign in Schmidt's use of language by analyzing the role of translation, replacement, and placement. In reasoning that “[d]ie verschiedenen Sprachen werden also zwar amalgamiert, aber nicht aufgelöst; das Fremde bleibt fremd, das Vertraute wird damit aufgeladen” (208), Rathjen speculates about the process of translation: “die Welt ist nicht starr, besteht nicht nur aus einer Sprache, einer Sphäre, einem Hier und Jetzt: es gibt noch ein Anderswo, eine andere Seite, eine andere Welt, mit der es in Verkehr zu treten gilt. Wo es Fremdsprachen gibt, gibt es auch das Phänomen des Fremden an sich; wenn das Fremde ins Vertraute übersetzt werden soll, heißt das auch, daß das Eigene mit dem Fremden verknüpft oder beladen wird” (209). While I agree with his observation, I wonder if the familiarity of our own language is not already something foreign to us since there is no such thing as a pure language in the first place. In this and other instances, the essay would have significantly benefited from a theoretical context, for instance, by considering arguments made by Walter Benjamin, who perceives translations as a secondary phenomenon. [2] For him the importance in the process of translation emerges in the supplementary role of language. The difference between source and target language reveals an inadequacy that becomes the source of an enrichment of the target language. Through translation, foreign, untranslatable concepts and structures are brought into a language assuming the role as participants in the process of an ongoing complement of languages. It is precisely this type of contextualization, whether social-historically or theoretically, that is missing in Rathjen's contribution. While his reading of Seelandschaft mit Pocahontas undoubtedly demonstrates his thorough knowledge of Schmidt's texts, his formalistic reading practice however has very little value when assessed from the vantage point of Kyora's stated focus of gender differences and ethnicity, or post-colonial theories. [3]

In sum, even if not all of the contributions follow the volume's stated goals, Pocahontas revisted provides the reader with an excellent array of insights. In particular, Franziska Schößler's argument that the fetishism of colonial discourse relies on the reactivation of primary fantasies (168) and Axel Dunker's assessment of Schmidt as an author who was cognizant of the relationship between colonial discourse and issues of gender (205) exhibit highly sophisticated approaches to reading Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas . Most importantly, all essays have confirmed what I had been arguing in my own contribution to Schmidt's oeuvre, particularly Zettels Traum , namely that to provide any conclusive or complete answers about Seelandschaft mit Pocahontas runs contrary to the very nature of the text itself. [4] Seelandschaft mit Pocahontas , like most of Schmidt's texts, prohibits any facile or hasty reading and any attempt to conclude what has been read and written.

Note:

[1] I also need to mention Franziska Schößler's superb article, whose comparative reading of Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas and James Fenimore Cooper's Conanchet oder Die Beweinte von Wish-ton-Wish demonstrates a superior knowledge of post-colonial theory leading to provocative insights about the performativity of colonial stereotypes.

[2] Cp. Walter Benjamin, “The Task of the Translator,” in Illuminations. Essays and Reflections, ed. Hannah Arendt and trans. by Harry Zohn (New York: Schocken Books, 1969), 69–82.

[3] The same argument can be made about Jörg Drews' essay who analyzes the relation between the foreign ( das Fremde ) and the familiar ( das Vertraute ) in a comparative study between Goethe's Venezianischen Epigrammen and Schmidt's Seelandschaft mit Pocahontas .

[4] Volker Langbehn. Arno Schmidt's "Zettels Traum": An Analysis (Rochester: Camden House, 2003).

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Jan Süselbeck

Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt und Thomas Bernhard

Frankfurt am Main und Basel: Stroemfeld Verlag, 2006 (nexus 76), 595 Seiten

Reviewed by Timm Menke

 

(Originalbeitrag)

Jan Süselbeck legt hier sein zweites Buch zu Schmidt vor: es handelt sich um eine für den Druck leicht überarbeitete Dissertation an der FU Berlin aus dem Jahr 2003. Der Band ist zwar lang, aber (fast) nie langweilig, und das will bei knapp 600 Seiten Umfang schon etwas bedeuten. Das liegt in erster Linie an der Tatsache, daß Süselbeck schreiben kann und sich nicht in den Fallstricken germanistischen Wissenschaftsbarocks verfängt: ein leider oft zu beobachtendes Phänomen bei literaturwissenschaftlichen Doktorarbeiten. Süselbeck hat sich bereits mit journalistischen Beiträgen in der TAZ und in Konkret einen Namen gemacht. Die Arno Schmidt Mailing List, ein Internet-Forum zu Werk und Person Schmidts, kennt ihn als belebenden Agent provocateur , der gern ein Argument auf die Spitze treibt, dabei gelegentlich auch einmal polemisch über das Diskussionsziel hinausschießt. Im vorliegenden Band beschäftigt er sich mit Schmidt und Bernhard: das ist ein reizvolles gleich-ungleiches Paar der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur: beide sind große Sprachkünstler, Misanthropen, scheinbare Außenseiter des gängigen Literaturbetriebs und scharfe Gesellschafts- und Zeitkritiker.

Was macht Süselbeck nun mit diesen Zeitgenossen, die sich nie kennenlernten, die die Schriften des anderen nicht wahrnahmen und sich persönlich wohl auch kaum gemocht hätten? Die Studie gliedert sich in drei große Teile: in einem ersten komparatistischen Teil untersucht der Autor die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Œuvre Schmidts und Bernhards. Er stellt die zahlreichen bemerkenswerten inhaltlichen Ähnlichkeiten heraus, insbesondere die Misanthrophie beider Schriftsteller, ihren Kulturpessimismus und ihre Kritik an Religion und (postnazistischem) Staat, als auch ihre Vorstellungen von einem großen einzelnen künstlerischen Geist “inmitten eines massenhaften Chaos” (S.13). Sie kommen damit den Ideen Nietzsches näher, als Süselbeck es zugeben möchte. Bei beiden werden Ironie und bissiger Humor zu zentralen Elementen ihres Schreibens. Damit befinden wir uns schon auf dem Feld des Formalen, und Süselbeck stellt zu Recht das Offensichtliche fest: Schmidt ist als Avantgardist um eine Erneuerung von Sprache und Prosaformen nach 1945 bestrebt, während Bernhard monologische, oft in indirekter Rede verfaßte Prosa schreibt, die formal eher ins 19. oder frühe 20. Jahrhundert paßt, und der dazu eine Anzahl von gesellschaftskritischen Theaterstücken verfaßt hat.

Der zweite, intertextuelle Teil setzt sich mit der – oft politisch-kritisch motivierten – Aufarbeitung und Abrechnung der beiden Schriftsteller mit großen Vorgängern auseinander, mit Stifter, Goethe und Thomas Mann, wobei Süselbeck zeigt, wie auffällig ambivalent die Haltung beider zu ihren literarischen Vorfahren ist. Sie verurteilen deren angeblich konservative politische Haltung, können jedoch kaum anders, als die Sprachkunst ihrer Vorgänger zu bewundern, und … beuten deren Texte gleichzeitig für eigene Arbeiten aus. Haßliebe nennt man so etwas.

In einem dritten Teil untersucht Süselbeck das Nachwirken der NS-Zeit in ausgewählten Arbeiten Schmidts und Bernhards. Bei Schmidt konzentriert sich Süselbeck – im Kontext des Zyklus Kühe in Halbtrauer – auf die Erzählung Caliban über Setebos und demonstriert in einer gründlichen Textanalyse, wie sehr der Text mit Assoziationen und Anspielungen auf die jüngste Vergangenheit, NS-Zeit und Shoa durchsetzt ist. Er folgt dabei der These Axel Dunkers in dessen sehr lesenswertem Buch Die anwesende Abwesenheit. Literatur im Schatten von Auschwitz, nach der die Texte Schmidts oft metonymisch strukturiert sind, d.h. daß in ihnen vieles assoziativ in Subtexten durch Andeutung thematisiert wird. Auf der Suche nach Metonymien gelingt es Süselbeck, zahlreiche, für sein Thema von Krieg und Auschwitz wichtige zeitkritische Verweise zu Tage zu fördern. So erweitert er unser Wissen nicht nur um die Arbeiten von Schmidt zu den Vorgängern, sondern auch von Caliban über Setebos , den wohl vielschichtigsten und komplexesten Text von Arno Schmidt, um eine weitere mögliche Bedeutungsebene.

Bei Thomas Bernhard liegen die zeitkritischen Themen viel offener auf der Hand, nämlich auf der Oberfläche der Texte selbst, und Süselbeck braucht nichts auszugraben, sondern lediglich zu paraphrasieren. Er konzentriert sich auf je zwei exemplarische Werke Bernhards: auf den Roman Auslöschung. Ein Zerfall von 1986, den autobiographischen Text Die Ursache. Eine Andeutung von 1975 sowie auf zwei seiner kontroversesten Theaterstücke: Heldenplatz von 1988 und Vor dem Ruhestand von 1979. Die vernichtende Polemik am Staat Österreich mit seiner nepotistischen Verbindung von Nationalsozialismus und Katholizismus bildet den inhaltlichen Kern aller dieser Texte, und Süselbeck zeichnet die Skandale nach, die die Schimpflitaneien Bernhards in der Folge auslösten. Süselbecks Arbeit bringt zum ersten Mal in dieser akribischen Ausführlichkeit die Werke zweier Klassiker der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zusammen, und er tut es durch das Tertium der politischen Kritik. Er kann nachweisen, daß beide sich – wenn auch auf je eigene Weise und in unterschiedlicher Tiefe – mit der Tragödie der NS-Zeit, dem vom deutschen Boden ausgehenden Weltkrieg und mit Auschwitz auseinandersetzen. Seine Arbeit hat von daher den Charakter einer Initialstudie, der weitere komparatistische Untersuchungen zu Schmidt und Bernhard folgen könnten.

Zwei Kritikpunkte sollen angemerkt werden: der erste betrifft den Umfang des Buchs (595 Seiten). Man fragt sich, für welche Leser ein solch dickes Buch eigentlich geschrieben ist – außer für den Doktorvater, für das Ego des Dissertierenden selber und für den Ko-Referenten Jörg Drews, den Nestor der Arno-Schmidt-Forschung und einen der besten Kenner zeitgenössischer österreichischer Literatur. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, die Dissertation für den Druck zu kürzen, zu teilen und als zwei separate Bücher von ca. je 200 Seiten Umfang herauszubringen. Dann wäre dabei einmal eine intertextuelle Studie über Schmidt und Bernhard und ihr zwiespältiges Verhältnis zu großen Vorgängern in der Literatur zustande gekommen und zum anderen eine Untersuchung über das Nachwirken von NS-Zeit, Krieg und Holocaust in ausgewählten Werken Schmidts und Bernhards. Das wäre weiterhin der Lese- und Verkaufsfreundlichkeit zugute gekommen, will doch der Leser in erster Linie wissen, was der Verfasser Neues zu sagen hat, anstatt lange Zitate aus der Sekundärliteratur verdauen zu müssen. In Analogie zu den Aufklebern an weiland bundesdeutschen Telefonzellen möchte man dem Autor zurufen: “Fasse Dich [ein klein wenig] kürzer”.

Der zweite Kritikpunkt betrifft das inhaltlich-methodologische Vorgehen Süselbecks. Die englische, psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaftlerin Maude Bodkin wurde einmal wegen ihrer unentwegten Suche nach Symbolen des Unbewußten bei Shakespeare als “veritable Diana among image hunters” bezeichnet. Vielleicht müßte man in Analogie Süselbeck eine männliche Diana auf der Jagd nach NS-Zeit- und Shoa-Motiven bei Arno Schmidt nennen. Auch seiner Suche haftet etwas Überanstrengtes, Forciertes an. Süselbeck kann sicherlich seine These mit überraschenden und wertvollen Funden aus den Tiefen der Arno-Schmidt-Texte untermauern, doch scheint er zu vieles Heterorogenes und Entlegendes unter dem Schirm seiner Argumentation vereinigen zu wollen. Was ihm im Falle von Bernhard leicht gelingt – eben den direkten politisch-kritischen Bezug im Werk herzustellen –, wird bei Schmidt zu einem methodologisch problematischen Vorgehen. Weil bei Schmidt Auschwitz und NS-Zeit nun einmal kein primäres Generalthema ist, Süselbeck aber zeigen möchte, wie sehr Shoa und Krieg in seinen Texten 'nachzittert', klaubt er (besonders im intertextuellen Teil der Arbeit) von überall her Einzelstellen aus dem Gesamtgewebe des Gesamtwerks, oft ohne genügende Beachtung des Kontexts, des Zeitpunktes der Niederschrift oder ohne gelegentlich einen Unterschied zwischen der Ansicht des Autors und des fiktionalen Sprechers zu machen: Entkontextualisierung könnte man das nennen. Süselbeck überanstrengt einfach die Nazi- und Auschwitz-Anspielungen bei Schmidt (siehe z.B. S. 58-64). Besonders gern bedient der Verfasser sich bei Zettel's Traum , eines für Einzelzitat-Extraktionen eher problematischen Werks, da es wohl Indizien-Belege für mindestens 10 000 Argumentationsgänge enthält: der Entkontextualisierer hat da die freie Auswahl. Gerät Süselbeck so nicht in die unverhoffte Gefahr, sich in die Nähe des von ihm so spöttisch belächelten Altherren-Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikats zu begeben, das ja gerade den von Schmidt in Einzelstellen angeblich gelegten 'Sinn' entdecken wollte? Wenn Süselbeck z.B. Schmidts Einzäunen seines eigenen Grundstücks in Bargfeld als eine Assoziation an KZ-Mauern interpretiert oder die Gesichter in den Fenstern aus dem Bahnhof wegfahrender Züge gleich als Menschen bei Auschwitz-Transporten liest, geht er meiner Meinung nach in seinem Ent- und Aufdeckungseifer doch wohl etwas zu weit. Oder nehmen wir ein Beispiel aus seiner Interpretation von Caliban über Setebos . Süselbeck behauptet, Schmidt habe an Auschwitz gedacht, wenn er “die Lüneburger Prärien” hunderte Kilometer weit weg von Schadewalde (auch bei der Metonymie des Ortsnamens spekuliert der Verfasser wohl zu sehr) nach Osten, also angeblich in die Richtung der Vernichtungslager verlegt. Diese Behauptung verrät schlechte Textlektüre, denn das Attribut ‘östlich' sucht man im Text vergebens, wie auch zahlreiche weitere ‘Aufdeckungen' zur Shoa-Thematik in diesem Kapitel reichlich spekulativen Charakter haben.

Überhaupt Caliban über Setebos: Süselbeck reduziert diesen so multivalenten Text auf SEINE Interpretation – nahezu unter Ausschluß anderer Lesemöglichkeiten bzw. und Ignorierung der einschlägigen Sekundärliteratur. Und sein Hauptfund in diesem Text, Schmidts Beschreibung der stillgelegten Ziegelei, die auf die grauenhaften und immer noch unfaßbaren Verbrechen in Auschwitz hinweist, ist nicht einmal Süselbecks Entdeckung: die hat er Sabine Kyora zu verdanken (S. 414). Eine stilisierte Ziegelei, sprich ein Konzentrationslager, ist sogar auf dem Umschlag des Buchs zu sehen.

Süselbeck, so wohl das Resümee, möchte zu viele Indizien in das politisch korrekte Prokrustes-Bett seiner NS-Zeit-, Kriegs- und Auschwitz-Interpretation hineinzwingen; das geht nicht immer gut und dürfte bei weniger wohlwollenden Lesern zu lauterem Widerspruch führen, als das hier geschieht.

Um es auf den Punkt zu bringen: trotz der Materialmenge der Studie scheinen die Forschungserträge der Studie nicht so reichhaltig und ergiebig, wie es der voluminöse Umfang des Buchs hätte vermuten lassen können. Süselbeck weist am Ende des Caliban über Setebos -Kapitels vorsichtig darauf hin, “daß die zusammengetragenen Anklänge als ‘eigentliche' Deutungselemente für diesen Text [nicht] einsetzbar sind” (S. 444). Er legt hier sicher kein definitives Standardwerk zur Aufarbeitung von NS-Zeit und Shoa bei Arno Schmidt und Thomas Bernhard vor, wohl aber einen ernstzunehmenden Diskussionsbeitrag, der weiter erörtert werden muß. Eben das räumt der Verfasser nach nahezu 600 Seiten Text dann auch selber bescheiden ein – er wünscht, sein Buch möge “Denkanstöße für kommende Untersuchungen” (S. 560) liefern. Besonders die von Süselbeck vertretene Ansicht von “Schmidts persönliche[r] Mitschuld als Angehöriger des Täterkollektivs der Wehrmacht” (S. 553) sollte ein Thema für die Diskussion werden. Denkanstöße liefern: das wäre für eine Dissertation ja schon etwas sehr Schönes. Bleibt nur zu hoffen, daß die Arbeit auch gelesen und diskutiert wird und nicht als Buchleiche – katalogisiert und nummeriert – in den Grüften von Universitäts-Freihandbibliotheken verschwindet: sozusagen als Opfer einer ordnungsliebenden ‘postnazistischen' deutschen Verwaltungsbürokratie.

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Stefan Höppner

Zwischen Utopia und Neuer Welt: Die USA als Imaginationsraum in Arno Schmidts Erzählwerk

Bielefeld: Ergon, 2005. ISBN 978-3-89913-447-6; 408 pages; EUR 45,00


 

Reviewed by Peter Arnds

Stefan Höppners Studie über das Amerikabild in Arno Schmidts Werk ist ein mit viel Liebe zum Detail und wissenschaftlicher Sorgfalt angelegtes Buch, dessen Aktualität sich dadurch auszeichnet, dass es sich in einer Zeit, in der sich Europa mehr denn je von den USA zu entfernen droht, dessen Neigung, seine Identität durch das Prisma der anderen Neuen Welt zu definieren, um sich dadurch von diesem Koloss abzugrenzen, zum zentralen Thema macht. Ähnlich wie sich Europa heutzutage über einen verstärkten Antiamerikanismus formiert, dienen die USA Schmidt in den drei von Höppner analysierten Romanen als Projektionsfläche, mittels derer die Nachkriegsverhältnisse daheim erzählerisch reflektiert werden. Höppners Studie speist sich aus einer Reihe von seiner Argumentation Gewinn eintragenden Kulturtheorien, darunter Foucault, Said, Iser und Bhabha, wobei Foucaults Begriff der Heterotopie und die literarische Gattung der Utopie im Mittelpunkt stehen. Es handelt sich dabei um zwei Paradigmen, die es dem Autor ermöglichen, Schmidts Amerikabild auch in seiner komplexen Intertextualität mit der utopischen sowie der Reiseliteratur, aber auch mit Shakespeare, James Fenimore Cooper und Karl May, mit dem Schmidt seine völlige Unkenntnis des realen Amerikas teilt, zu erfassen. In ihrer minutiösen Auseinandersetzung mit den diversen, akribisch an die untersuchten Texte herangeführten Kulturtheorien sowie anderen Forschungsarbeiten zum Thema Amerika in der Literatur Schmidts und anderen deutschsprachigen Texten, auf die in detaillierten Fussnoten so weit eingegangen wird, dass sie den Haupttext zuweilen zu ersticken drohen, strebt diese Studie an, das letzte Wort zum Amerikabild Schmidts gesagt zu haben. Dabei zeichnet dieses Buch wie so viele Dissertationen aus dem deutschsprachigen Raum eine übertriebene Leidenschaft zur Kategorisierung aus, die nicht nur solche nicht allzuviel Spannung versprechenden Unterkapitel wie “Amerikanische Nebenfiguren” entstehen, sondern auch dabei den Leser die Hauptthese(n) zuweilen aus den Augen verlieren lässt. Höppners Liebe zum Detail—durchaus eine Stärke dieser Studie—führt sogar an einer Stelle dazu, dass seine Passion für diese Literatur eines leider immer mehr in Vergessenheit versinkenden Schriftstellers in pure Statistik ausartet, so dass man sich fragen mag, was mit Zählungen wie der, dass “England [. . .] in 79, Engländer in 51, englisch in 87, Britannien in 6 und britisch in zwei Texteinheiten enthalten [ist] (131) erreicht werden soll. Ein großes Verdienst dieser Arbeit ist es jedoch, dass hier der widersprüchliche Imaginationsraum Amerika, auf den Schmidt und seine Figuren “ihre großen Hoffnungen wie ihre tiefsten Befürchtungen richten” (371) in all seinen für sein Werk und die Zeit, aus der dieses hervorgeht, signifikanten Facetten dargestellt wird. Dabei impliziert Schmidts Amerika als Heterotopie der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sowohl die Konstruktion einer Utopie, sprich die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, als auch—und das steht ja ganz in der Tradition der Utopie als “kein Ort, nirgends”—die Entzauberung dieser Sehnsucht. Eine Entzauberung, die den heutigen Leser von Belletristik über Amerika sowie alle von der Machtpolitik der USA vergraulten Europäer kaum mehr zu überraschen vermag.

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Arno Schmidt

Lesungen, Interviews, Umfragen. Bargfelder Ausgabe, Supplemente Band 2

Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag

Frankfurt 2006. EUR 98,00

Reviewed by

Timm Menke

Arno Schmidt hatte das große Glück (oder eben das riesige Pech, will man den thematischen Faden der Tina -Erzählung weiterspinnen und auf ihn selber anwenden), daß ein Hamburger Multimillionär sich in den siebziger Jahren in seine Werke verliebte. Die Folge: heute existiert eine finanziell unabhängige Stiftung, die vom Heimatort Schmidts aus dieses Werk liebevoll und umsichtig pflegt und seit über 20 Jahren nun schon die exzellent edierte Bargfelder Ausgabe des Œuvres von Schmidt herausgibt. Veröffentlicht sind nun nahezu alle Schriften Schmidts (mit Ausnahme von Zettel's Traum und diversen Tagebüchern). Auf einen Tina -Tod wird Schmidt also noch eine kleine Ewigkeit warten müssen. Glück für die Generationen seiner zukünftigen Leser freilich.

Ende letzten Jahres erschien nun im Rahmen der Gesamtausgabe der Band Supplemente 2 mit Lesungen, Interviews und Umfragen. Es scheint, die Stiftung, um es auf Englisch auszudrücken, “is scraping the bottom of the barrel”: des Arno Schmidt-Fasses nämlich. Es handelt sich hier um verstreute Bruchstücke, in erster Linie um Tonbandaufnahmen, von denen die meisten schon bekannt sind, und es ließe sich über die Wichtigkeit des hier Veröffentlichten streiten. Es muß weiterhin gefragt werden, für welche Leser- und Hörerschaft der vorliegende Band eigentlich gedacht ist: die Zahl der eingefleischten Schmidt-Liebhaber ist so riesig nicht, um einen hohen Absatz zu versprechen, und nur wirkliche Schmidt-‘die hards' meinen aus Sammlerwut alles vom Meister besitzen zu müssen. Neue und jüngere Leser (und Hörer) werden mit den Standardwerken beginnen und kaum gleich EUR 98,00 für Peripheres hinblättern wollen oder können. Aus editorischer Sicht der Herausgeber freilich macht der Band Sinn, denn er trägt zur Komplementierung der Gesamtausgabe bei, selbst wenn ein buchhändlerischer Erfolg nicht zu erwarten ist.

Zum Inhalt: Supplemente Band 2 besteht im Wesentlichen aus Hörmaterial mit Transkriptionen. Er enthält eine DVD mit drei Fernsehinterviews Schmidts aus den 60er Jahren von insgesamt ca. 30 Minuten Länge, die freilich nur in der Region 2 legal abgespielt werden kann: Gott strafe die globale Medienindustrie! Weiter gibt es insgesamt 12 CDs mit Lesungen, Gesprächen und Interviews, die dann im begleitenden Buch selbst transkribiert sind. Dazu kommen noch 12 Seiten mit knappen Antworten Schmidts auf diverse Umfragen.

Bei Lichte betrachtet handelt es sich beim Audiomaterial weitgehend um eine Zusammenstellung älterer Stücke, wie z.B. die 2 CDs Vorläufiges zu Zettels Traum , die als Schallplattenkassette bereits 1977 bei S. Fischer erschienen waren. Weiter dann 5 CDs Arno Schmidt liest , die schon 1992 bei Zweitausendeins angeboten wurden. Neu sind dann die 4 CDs mit nahezu vierstündigen Gesprächen des Ehepaars Schmidt aus dem Jahr 1970 mit dem Spiegelredakteur Gunar Ortlepp über Zettel's Traum bzw. seinen Raubdruck. Diese nicht für eine Publikation bestimmten informellen Gespräche enthalten inhaltlich kaum Neues, hinterlassen aber eher einen peinlichen Eindruck, denn Schmidt erweist sich als einen recht unsympathischen, rechthaberischen, dozierenden Gesprächspartner, der seiner Frau des öfteren unwirsch über dem Mund fährt und der ein ausgesprochen dümmliches Vorurteil über die damalige ‘Jugend' und ihre neue schlechte Literatur zum Besten gibt, ohne beide überhaupt zu kennen. Wenn Schmidt sich so über die faulen Langhaarigen echauffiert, dann nähert er sich auf fragwürdige Weise an die seinen dörflichen Miteinwohnern, den Bargfelder Ackerbauern, von ihm nachgesagte Stupidität an, die er in vielen Werken arrogant abgekanzelt hat. Und wie so die letzten Reste des Gesamtwerks zusammengefegt werden, zeigt die quantitative Tatsache, dass diese recht überflüssigen 4 Gesprächs-CDs in ihrer Transkribierung über 60% des Buchs ausmachen.

Und wenn die Herausgeber schon diese privaten Gespräche vorlegen, so hätten sie auch noch die 1999 veröffentlichte CD Mikrophonprobe, eine Privataufnahme zur Übung für “Vorlaufiges zu Zettels Traum” beilegen sollen, die ja mit einem herrlichen Anschnauzer Schmidts an seine Frau Alice beginnt. Da merkt einer, wie 1970 die Ehe der beiden aussieht.

Vernünftig ist zweifellos die Neuherausgabe der Vorläufiges zu Zettels Traum” –Aufnahmen, besitzt heute doch kaum einer noch Schallplattenspieler. Aber selbst hier: die Schmidt-Fans werden sich schon lange von den Schallplatten ihre eigenen CDs gebrannt haben: die brauchen weder diese CDs noch den Arno Schmidt liest.

Dabei wurde Supplemente Band 2 in den Medien durchweg positiv rezensiert, und im Deutschlandfunk meinte man gar, niemand lese Arno Schmidt-Texte besser als er selbst. Ich halte das für ein Fehlurteil, denn Schmidt rast in seinen Lesungen oft durch seine Texte, und sein gehetztes Lesen steht in Widerspruch zu seiner den Lesern wiederholt ans Herz gelegten ausgesprochen langsamen Lesepraxis, weil ihnen sonst die Vielfalt der semantischen Nuancen entgehe. Der beste Vorleser von Schmidt ist und bleibt unbestritten Jan-Philipp Reemtsma.

Die Ausbeute des vorliegenden Bands würde ich daher in toto als eigentlich recht mager bezeichnen, und wiederum fragen: cui bono? Für wen ist er gedacht?

Dabei dürfte die Stiftung ja noch mit schönen und wichtigen Veröffentlichungen aus den Tiefen ihres Archivs aufwarten können, wie wir mit der Veröffentlichung von Schmidts 4x4 Photographien erst wieder erfuhren.

Und ein langjähriges Desiderat bleibt: was selbst bei Schmidt-Kennern nur wenig bekannt sein dürfte, ist die die Tatsache, daß Schmidt jahrelang Traumtagebücher führte, Aufzeichnngen seiner Träume der jeweils vergangenen Nacht. Da möchte man den Stiftungsleuten zurufen: “Gebt uns – noch zu unseren (und euren) Lebzeiten – die Traumbücher”. Mit der Publikation der Traumaufzeichnungen Arno Schmidts wäre dieser Autor dann wieder ein Ereignis für die dann anstehende literarische Saison, schlagartig.

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ANNO SCHMIDT. Ein Film von Sebastian Schadhauser; Essay – Dokumente - Materialien

Herausgegeben von Winand Herzog

Büro für Realitäts Design, Mönchengladbach 2007; 101 Seiten und eine DVD, 39,80 Euro; erhältlich nur über office40@gmx.net

Reviewed by Friedhelm Rathjen
 

 

Zwei Menschen: Mann und Frau. Dichter und, vielleicht, Muse, vielleicht auch nicht. Und sie haben Namen: Arno Schmidt und Anita Ekberg. Arm in Arm schreiten sie durch leere Landschaft, Anita liest aus einem Buch vor, es ist Orwells 1984, Arno deklamiert Poetisches, Tiefsinniges, aus dem Off rieselt ein Gedicht. Ruhe.

Dann Unruhe. Arno erwacht, wirr, stürmt an der schreitbereiten Anita vorbei zu einer Bücherhöhle, sucht blätternd, findet in der Schule der Atheisten einen großformatigen Zettel, den der Sturm ihm entreißt, rennt hinterher, hat ihn verloren. Und wieder Landschaft. Schließlich findet Arno den Zettel wieder, liest ihn, Anita kommt herzu, übersetzt ihn, Arno vergräbt Gesicht in Hände.

Sebastian Schadhauser drehte ANNO SCHMIDT 1973, es blieb sein einziger Film, und wenn wir ihn uns anschauen, verstehen wir, warum. Der Streifen wird erdrückt von der Ästhetik der frühen Siebziger, Schadhauser kopiert den filmerischen Ansatz seines Freundes Jean-Marie Straub. „Eine schlechte Kopie ist eben eine schlechte Kopie“, bekennt er heute, tut ANNO SCHMIDT als „Jugendsünde“ ab und findet manches Detail „ziemlich albern“. So weit, so schlecht.

Aber eben: Arno Schmidt und Anita Ekberg! Eine kuriose Paarung? Nun, Schmidt träumte immerhin mit Vorliebe von fülligen Frauen, da paßt die Ekberg dieses Films in ihrem wallenden Gewand vortrefflich. Aber Anita Ekberg ist hier kein Traum, sie spielt leibhaftig, der Traum ist vielmehr Schmidt, denn der echte spielt nicht mit. Schadhausers Ansinnen, Schmidt möge Schmidt spielen, wies dessen Lektor Ernst Krawehl empört zurück („Die Idee ist unmöglich“), drum wurde die Schmidtrolle vom spanischen Dichterkollen Rafael Alberti übernommen, der recht unschmidtsche Dinge verkündet: „Ich bin der Dichter des Lichtes, schaffen wir der Welt den neuen Menschen, singend.“ Das aus dem Off zugeschaltete Langgedicht stammt von Gianni Totí, Films Traum heißt es.

Fast so bizarr wie dieses Mischkunstwerk ist die Geschichte seines Verschwindens und Wiederauftauchens, die Entdecker Winand Herzog im Beibuch erzählt. Die RAI, die den Film in Auftrag gegeben hatte, lehnte die Ausstrahlung ab; eine Kopie verschwand in der DDR; eine weitere ist in Schweden verschollen, nachdem sie 1974 in Berlin und Hamburg gezeigt wurde. Schmidt-Fans sollen damals konsterniert aus der Vorführung getorkelt und ein Schweigegelübde abgelegt haben. Herzog spricht von einem „legendären Film“, einem „Kultfilm“ gar, und er hat recht!

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